VOM ENDE EINER GESCHICHTE

„VOM ENDE EINER GESCHICHTE“ von Ritesh Batra (GB 2015; B: Nick Payne; nach dem gleichn. Roman von Julian Barnes/2011; K: Chris Ross; M: Max Richter; 108 Minuten); der indische Filmemacher RITESH BATRA, Jahrgang 1979, wurde auch bei uns mit seinem Debüt-Spielfilm „Lunchbox“ wohlwollend bekannt (s. Kino-KRITIK), der 2013 auf dem Cannes-Festival mit dem „Publikumspreis“ bedacht wurde. Sein zweiter Kino-Spielfilm basiert auf dem gleichnamigen Roman des englischen Schriftstellers Julian Barnes, der im Original – wie der Film auch – „The Sense of an Ending“ heißt und 2015 von 82 internationalen Literaturkritikern und Literaturwissenschaftlern zu einem der „bedeutendsten britischen Romane“ gewählt wurde. Leider bestätigt die Film-Adaption nicht „diese Sprengkraft“, wenngleich er keineswegs abzulehnen ist. Schließlich steht mit dem (zur Drehzeit) 66jährigen britischen Schauspieler und „Oscar“-Preisträger JIM BROADBENT („Iris“/2001) ein erstklassiger Mime an der Rampe.

Jim Broadbent, unvergessen auch mit seinem Part in dem beeindruckenden Mike Leigh-Drama „Another Year“ (s. Kino-KRITIK) oder auch als Meryl-Streep-Margaret-Thatcher-Gatte Denis in dem Biopic „Die eiserne Lady“ (2011), spielt hier Tony Webster, einen glücklich geschiedenen und zurückgezogen lebenden Londoner Ruheständler, der sich mit seiner Ex bestens versteht und – mehr als Hobby denn als Arbeitsantrieb – einen kleinen Laden für gebrauchte Leica-Kameras führt. Alles hat sich gefügt im Leben von Tony Webster. Bis ihn ein Brief „aufweckt“ und in die Jugend-Vergangenheit zurückbeordert. Die Mutter seiner einstigen Jugendliebe, Sarah Ford, ist verstorben und hat ihm das Tagebuch seines einstigen besten Freundes Adrian Finn hinterlassen, der sich vor vielen Jahren das Leben genommen hat. Neugierig geworden begibt er sich auf Spurensuche und trifft Sarahs Tochter Veronica (CHARLOTTE RAMPLING), die sich weigert, ihm diesen Nachlass zu übergeben. Warum? Und wie kommt Veronica überhaupt zu dem Tagebuch? Seine Ex-Frau Margaret, ihres Zeichens Anwältin, wird um Rat gebeten; zugleich bedeuten ihre Fragen nach „den Zeiten“ von damals zugleich das Eindringen in seine Erinnerungen. Verbunden mit einigen Überraschungen: für den Tony Webster Senior.

Roman wie Film signalisieren, stoßen – wie uns der Ich-Erzähler aufmerksam macht – auf ein kitzliges Tatsachen-Motiv: „Wie oft erzählen wir unsere eigene Lebensgeschichte, wie oft rücken wir sie zurecht, schmücken sie aus, verheimlichen etwas. Und je länger das Leben andauert, desto weniger Leute verbleiben, die uns daran erinnern, dass das gar nicht unser Leben ist, sondern nur die Geschichte, die wir über unser Leben erzählt haben –  anderen, aber vor allem uns selbst“.

Die Retrospektive unseres Lebens. Gerne ein wenig „zurechtgerückt“, gerne ein bisschen höher oder tiefer behauptet. Plötzlich wird man „damit“ konfrontiert. Um zu (be-)merken, sich eine eigene Legende gebastelt zu haben. Um Ruhe zu haben oder um „besser“ auszuschauen oder um sich etwas möglicherweise Schmerzhaftem nicht stellen zu müssen. Solange JIM BROADBENT, dieser sagenhafte Normal-Menschen-Darsteller, im Bild ist, blicken und hören wir gebannt zu. Sobald sich aber seine Rollen-Vergangenheit einmischt, der Tony Junior, gespielt von BILLY HOLE, werden diese bruchstückhaften Rück- und Einblicke sperrig. Besitzen nicht diese Präsenz in den Figuren und in den Spannungsmotiven wie in der Jetzt-Zeit.

Der Titel ist Programm: Von Selbsttäuschungen und Lebenslügen könnten Roman und Film auch heißen. Eine nahegehende Geschichte, allerdings mit erheblichen dramaturgisch-inszenatorischen Störungen. Die aber ein JIM BROADBENT vehement abprallen lässt: Was für ein tragikomischer Ausnahme-„Held“ des Leinwand-Lebens (= 3 PÖNIs).