DIE BRILLANTE MADEMOISELLE NEILA

„DIE BRILLANTE MADEMOISELLE NEILA“ von Yvan Attal (Co-B + R; Fr 2017; Co-B: Victor Saint-Macary; Yael Langmann; Noé Debre; K: Rémy Chevrin; M: Michael Brook; 97 Minuten); wie würde heute George Bernard Shaw sein Schauspiel „Pygmalion“ – Uraufführung am 16. Oktober 1913 im Wiener „Burgtheater“ – anlegen? Wir kennen die Geschichte um den selbstherrlichen Sprach-Professor Henry Higgins, der eine „normale“ Blumenverkäuferin, Eliza Doolittle, zu einer mit feinem Akzent ausgestatteten „Herzogin“ trainiert, als Populär-Musical „My Fair Lady“. In der französischen Dramödie „Le Brio“ („Brillanz“) heißt der wortgewandte Professor heute Pierre Mazard (DANIEL AUTEUIL) und ist als Pariser Uni-Dozent ein ziemlicher Provokant. Schert sich weder um politische Korrektheit noch um respektables Benehmen. Als Neila Salah (CAMÉLIA JORDANA) an ihrem ersten Uni-Tag ein paar Minuten zu spät in seine Vorlesung platzt, nimmt er sie sich „vor“. Demütigt sie laut und überdeutlich vor dem prallevollen Auditorium mit seinen bissigen und ressentimentgeladenen „Wallungen“. Und kriegt prompt „offiziellen“ Ärger. Nicht zum ersten Mal, nun aber „mit Schmackes“. Entweder er schafft es, diese junge Frau mit maghrebinischen Wurzeln für den nächsten landesweiten Uni-Debatten-Wettbewerb „in Voll-Form“ zu bringen oder an der Hochschule ist für den ewigen Zyniker wegen seiner vielen sexistischen, rassistischen Ausbrüche Feierabend. Von wegen Disziplinarverfahren. Pierre, dessen Hass auf „dumme Menschen“, also auf fast alle Menschen, nicht zu überhören ist, ist empört, muss aber mitmachen. Der sichere Beamtenstatus soll schließlich erhalten bleiben. Pierre beginnt sich widerwillig um Neila „zu kümmern“. Doch: „Enthusiasmus“ sieht anders aus.

Neila, die moderne Eliza, ist alles andere als „Opfer“. Sie ist ein „Wildfang“ aus der Pariser Vorstadt, sie rappt, spielt Fußball, ist ehrgeizig. Sie will es „außerhalb“ schaffen. Ihre Energie ist ebenso stark wie ihre Wut „auf solche“ wie ihr Prof. Ihr Ehrgeiz aber ist geweckt, und sie beginnt sich gegen den ständigen provokanten Druck ihres Ausbilders zu stemmen. Zudem muss sie sich auch kraft- wie nervenaufwändig innerfamiliär „beweisen“. Mal glaubt sie, alles hinschmeißen, aufgeben zu müssen, mal kann sie punkten. Aber bis zum Wort-Kampf auf Augenhöhe ist es noch ein langer, unartiger wie ereignisreich-spannender Weg.

Die Franzosen lassen nicht Film-locker, wenn es um gesellschaftlich relevante aktuelle Fragen geht, ohne dabei den emotionalen Charme von (bissigem) Humor außer (Unterhaltungs-)Acht zu lassen. Und diese Mixtur gelingt nach anfänglicher Aufbau-Mühsal. Es sind die hervorragenden Darsteller, die diese eigenwillige „Annäherung“ zweier so unterschiedlicher wie seelenverwandter wie charmanter Lebens-Anarchisten gelingen lassen. DANIEL AUTEUIL, Jahrgang 1950, zählt zu den profiliertesten französischen Charakter-Mimen („Jean Florette“ + „Manons Rache“; „36 – Tödliche Rivalen“). Der „Spiegel“ bezeichnete ihn im Jahr 2000 als den „Mann mit dem wohl markantesten Gesicht im europäischen Film“. Als querköpfiger „Coach“ Pierre zeigt er sich ebenso brutal wie kompromisslos HERZhaft. Die formidable Überraschung an seiner Seite ist die französische Sängerin und Schauspielerin CAMÉLIA JORDANA als Verbal-Fighterin Neila. Die für ihren „Eliza“-Kraftakt in diesem Jahr mit dem „César“ als „Beste Nachwuchsdarstellerin“ belohnt wurde. „Le Brio“ bedeutet: Eine listige Vergnügungs-Wut. Gegen „Opfer“, fürs Miteinander (= 3 1/2 PÖNIs).