VERBLENDUNG (Remake/2011)

„VERBLENDUNG“ von David Fincher (USA/Schwed/GB/D 2011; B: Steven Zaillian; nach dem gleichn. Roman von Stieg Larsson/2005; K: Jeff Cronenweth; M: Trent Reznor; Atticus Ross; 158 Minuten; Start D: 12.01.2012); das binnen so kurzer Zeit bereits das „Hollywood“-Remake entstand, kommt auch nicht alle Tage vor. Aber der Roman-Stoff, den der im November 2004 im Alter von 50 Jahren verstorbene schwedische Autor STIEG LARSSON mit seiner „Millenium“-Trilogie – deutsche Titel: „Verblendung“/“Verdammnis“/“Vergebung“ – hinterlassen hat, ist einfach zu stark, dass er „nur“ einer skandinavischen Co-Produktion „überlassen“ werden konnte. Zur Erinnerung: Am 27. Februar 2009 hatte das ursprünglich „nur“ fürs Fernsehen als Fast-Dreistundenfilm vorgesehene und dann für die Kinoauswertung gekürzte skandinavisch-deutsche Werk „Verblendung“ Uraufführung in Stockholm. Fand in Schweden einen immensen Publikumszuspruch. Gewann mehrere internationale Film- wie Festivalpreise und auch Fernsehpreise, da „Män som hatar kvinnor“ (Originaltitel) dann dort auch als TV-Mehrteiler gesendet wurde.

Am 1. Oktober 2009 kam die skandinavische Original-Filmausgabe „Verblendung“ hierzulande in die Kinos (s. Kino-KRITIK) und fand ebenfalls große Beachtung. Wurde nach der Kinoauswertung vom ZDF als Zweiteiler ausgestrahlt. Jetzt nun also das REMAKE. Mit hochkarätigem „Personal“: Der kalifornische Drehbuch-Autor STEVE ZAILLIAN, 58, zählt zu den Besten seines Fachs („Zeit des Erwachens“; „Gangs of New York“), ist „Oscar“-Preisträger („Schindlers Liste“/1994) und selbst Regisseur („Zivilprozess“/1998; „Das Spiel der Macht“/2005). Der aus Denver/Colorado stammende Regisseur DAVID FINCHER, 49, kann auf großartige Spannungsfilme wie „Sieben“, „Fight Club“; „Panic Room“, „Der seltsame Fall des Benjamin Button“ und zuletzt „The Social Network“ (2010) verweisen. Kameramann JEFF CRONENWETH („One Our Photo“; „The Social Network“) gilt aktuell als einer der innovativsten seines Gewerbes. Im Original heißt der neue Streifen „The Girl with the Dragon Tattoo“, so wie auch die englischsprachige Roman-Fassung von „Män som hatar kvinnor“. Was wiederum auf Deutsch heißt: „MÄNNER, DIE FRAUEN HASSEN“. Und das eigentliche Thriller- wie Polit-Thema der Larsson-Lektüre formuliert.

Mikael Blomkvist (DANIEL CRAIG) ist ein investigativer Journalist. Der gerade vor Gericht eine Niederlage einstecken musste. Ein von ihm im „Millenium“-Magazin (unter der jetzigen Chefin ROBIN WRIGHT als Erika Berger) veröffentlichter kritischer Artikel über einen mächtigen schwedischen Wirtschaftsboss wurde als „Verleumdung“ abgestraft. Blomkvist steht am öffentlichen (Medien-)Pranger. Da kommt das Angebot von Henrik Vanger, einem der reichsten Industriellen des Landes, gerade recht. Der alte Mann stellt ihn für viel Honorar ein. Um eines der düsteren Kapitel seines Lebens endgültig zu klären: Seine geliebte Nichte Harriet verschwand unter mysteriösen Umständen vor mehr als 40 Jahren. Gilt „offiziell“ inzwischen als tot. Doch jedes Jahr erhält er an seinem Geburtstag ein vermeintliches Geschenk-Lebenszeichen von ihr. WIRKLICH von ihr? Oder erlaubt sich damit irgendjemand einen üblen Dauer-Scherz? Was ist damals tatsächlich passiert? Und: Lebt seine Nichte vielleicht doch noch? Wo? Und warum „zeigt“ sie sich nicht? Zeigte sie sich all die vielen Jahre nicht? Henrik Vanger (CHRISTOPHER PLUMMER) aber warnt Mikael Blomkvist auch: Sie werden es hier „mit einer schlimmen Sippe“ zu tun bekommen: Mit Psychos, Nazis, Gewalttätigen. Lauter gefährlichen Irren. „So eingestimmt“ macht sich der Journalist in der kalten wie kranken Einöde dieser abgeschotteten Insel-Vanger-Welt ans Aufklärungswerk. Unterstützt wird er dabei, nach und nach, von LISBETH SALANDER (ROONEY MARA). Einer schrägen wie technisch „hochgerüsteten“ Punker-Hackerin. Deren Dasein von einem viehischen Bewährungshelfer und Vergewaltiger „abhängt“. Zunächst. Die sich mit Blomkvist „einlässt“, weil sie in ihm eine Art Outlaw-Seelenverwandten spürt. Dem genauso übel mitgespielt wird, werden soll, wie ständig ihr. Zwei gesellschaftliche Außenseiter auf dem Trip durch die dunkelsten Seiten des demokratischen Wohlfahrtstaates. Thema: Missbrauch, Gewalt, Gier. In obersten Gesellschaftskreisen. Sozusagen: Der perverse, widerliche Lust-Gewinn. Von Männern, die vor allem Frauen hassen. Ihnen gerne grausames Leid antun. Sie genüsslich, viehisch „(ab-)schlachten“. Männer, die herrschen wollen. MACHT ausüben wollen. Sich für „unantastbar“ halten. Über jeden Verdacht erhaben. Grausame Bestien. Einst die Väter, jetzt die Söhne (wie Martin Vanger/STELLAN SKARSGARD, neulich noch der nette „Mamma Mia!“-Papa).

Natürlich muss sich das schnelle Remake einem Vergleich mit dem unvergessenen Original von neulich stellen. Obwohl – eigentlich auch unfair. Damals bestand das Budget aus „gerade mal“ 13 Millionen Dollar, jetzt hat es um die 100 Millionen Dollar betragen. Damals war vergleichsweise „äußerliche“ (TV-)Biederkeit angesagt, jetzt geht die schmucke Visualität schon beim Vorspann (mit schnarrender Led Zeppelin-Musikalität) in die atmosphärischen Vollen. Verweist sogleich auf Härte und seelische Düsternis. Und bleibt in dieser „coolen“ Stimmungslage. Mit brillanter wie konsequent eisiger, düsterer Schweden-Optik. Nach dem etwas unbeholfenen, menschelnden Mikael Nyqvist, 51, als Mikael Blomkvist im Erstfilm tritt hier nun „007“-DANIEL CRAIG, 43, in den Ring. Athletischer wie tougher. Mehr schnüffelnder „Kerl“ als recherchierender Journalist. Von Anfang an: Ein harter Hund.

Die bis dato unbekannte 28jährige schwedische Schauspielerin NOOMI RAPACE war damals als gepeinigte, störrische, bisexuelle Lisbeth Salander DIE Sensation im Original. War die ständige Unruhe in Person. War mental voller Dynamit. War mit ihrem „Gothic-Look“ und ihrer faszinierenden Wut-Power ein darstellerisches Natur-Ereignis. Noomi Rapace setzte GANZ starke Lisbeth Salander-Zeichen. Von Tapferkeit, List und Verletzlichkeit. Und hinterließ einen hammerharten wirkungsvollen körpersprachlichen Brandherd. An DEN die Nunmehr-Besetzung, die (bislang unbekannte) 26jährige amerikanische Akteurin ROONEY MARA, nie heranreicht. Heranreichen kann. ZU stark ist die Original-Filmfigur. Gibt sie sich auch alle Mühe, ein brachialer, exzentrischer, beschädigter weiblicher Deibel zu sein und wurde sie auch dementsprechend „interessant“ geschminkt, gekleidet und gepierct, wirkt sie doch nur wie die starke Nr.2 von Lisbeth Salander. Einer Noomi Rapace in diesem Part kann sie vergleichsweise nicht das Wasser reichen. Dennoch – keine Fehlbesetzung, sondern nur eine akzeptable wie verständliche Schwächung. In diesem Krimi-Karussell und Horror-Puzzle um lauter verkrüppelte Figuren in einer abartigen skandinavischen (Familien-)Welt.

David Fincher hat mit der Neuverfilmung von Stieg Larssons „Verblendung“ einen souveränen wie spannend-doppelbödigen weiteren „Stieg Larsson“-Spannungsfilm abgeliefert (= 4 PÖNIs).