UNTER BEOBACHTUNG

Die terroristischen Attentate vom 11. September 2001 in den USA haben die Welt verändert. Zum wiederholten Male wurde die Menschheit um ein beträchtliches Stück „Unschuld“ beraubt. Seit diesem Tag hat die weltweite ANGST noch mehr Nahrung bekommen. Angst vor Bedrohung, Angst vor Zerstörung, Angst vor der kriegerischen Dominanz der und des Bösen. Geschäftemacher wissen dies profitabel auszunutzen. Angst bedeutet Money. „Sicherheit“ hat Hochkonjunktur. Eine verstärkte „Kultur der Angst“ ist auszumachen. Was „der Staat“ angenommen hat. Mit dem warnenden Hinweis, „so etwas“ (wie die Ereignisse vom 11. September) dürfe nie wieder passieren, kassiert die – von uns gewählte, also beauftragte – Obrigkeit süffisant Freiheitsrechte ein, polt sie für ihre „Aufpasser-Funktion“ um, damit wir „sicher(er)“ leben können. Sagen Sie. Die Regierenden. Kontrolle ist jetzt alles. Hat sich allem unterzuordnen. Wer dagegen ist oder als mündiger Bürger zumindest mehr diesbezügliche Transparenz einfordert, um den Überblick zu behalten, ist vielleicht ein Feind. Unseres Gemeinwesens. Heißt es. Die demokratischen Spielregeln befinden sich in einem bitteren Dehn-Prozess. Der „Große Bruder“ von George Orwell hat heutzutage viele amtliche Ableger. Und wenn einer dieser „Brüder“ mal selber „patzt“, sollte das doch nicht unbedingt an die „große Glocke“, an die Öffentlichkeit, kommen. Diese wäre doch nur unnötig (noch mehr) verunsichert. Also irgendwie „das (demokratische) Gesicht“ wahren und….

Solche und ähnliche Gedanken fordert jetzt ein neuer britisch-amerikanischer Polit-Thriller heraus, der hierzulande gleich fürs Heimkino vermarktet wird und keinesfalls übersehen werden sollte. Der Originaltitel signalisiert die Richtung: „Closed Circuit“, also „Geschlossener Kreislauf“:

UNTER BEOBACHTUNG“ von John Crowley (GB/USA 2013; B: Steven Knight; K: Adriano Goldman; M: Joby Talbot; 96 Minuten; Heimkino-Veröffentlichung: 18.12.2014).

Es ist barbarisch. Durch die Explosion einer Autobombe sterben 120 Menschen auf einem Londoner Wochenmarkt. Die Täter sind tot, ein weiterer wird ausgemacht und verhaftet. Sechs Monate später „steht“ die Anklage. Das Gerichtsverfahren kann beginnen. Es muss ja alles seine juristische Ordnung haben. Um „das Volk“ ebenso wie die gierigen Medien „zu beruhigen“. Ein „offizieller Abschluss“, einschließlich Verurteilung, wird selbstverständlich angestrebt. Vom System. Allerdings hat soeben ein Verteidiger des Angeklagten Selbstmord begangen. Sein Nachfolger, Martin Rose (ERIC BANA/“München“), beginnt sich einzuarbeiten. Weil der Staatsanwalt Beweise vorlegen will, deren Kenntnis eventuell die nationale Sicherheit gefährden könnte, werden Sitzungstage vor Gericht angesetzt, bei denen die Öffentlichkeit ausgeschlossen ist. Sowie auch der Angeklagte und sein Verteidiger. Eine weitere Verteidigerin, die Juristin Claudia Simmons-Howe (REBECCA HALL/“The Town“), wird hierfür extra bestellt. Sie darf die geheimen Unterlagen einsehen und hat die Interessen des Angeklagten bei diesen „geschlossenen Anhörungen“ zu wahren. Dabei verschweigen Martin und Claudia, die keinen Kontakt während des Verfahrens miteinander pflegen dürfen, dass sie „mal was hatten“. Also hier eigentlich gar nicht tätig sein dürften.

Was zunächst ausschaut wie ein Gerichts-Drama in einem besonders grauenvollen Terror-Fall, entpuppt sich nach und nach als „mehr“. Motto: Wer hatte wann welche Finger und warum im makabren Beobachtungs- und Aufpasser-Spiel um „Sicherheit“? Wer hat hier eigentlich wirklich Dreck am Stecken und will dies unter allen – auch mörderischen – Umständen vertuschen? Und warum taucht hin und wieder der (eher gemütlich wirkende) britische Generalstaatsanwalt (JIM BROADBENT) bei Martin Rose auf, um ihn, ganz diskret, selbstverständlich, auf die möglichen Folgen seines Tun und Handelns hinzuweisen? Mit anderen Worten, er möge doch bitteschön seinen Job machen, aber nicht allzu genau in die spezielle Tiefe dieses Falles blicken? Und wieso gibt sich der Angeklagte, Farroukh Erdogan (DENIS MOSCHITTO), ständig so bockig-unkooperativ?

„Unter Beobachtung“ ist ein erstklassiger Thriller. Dessen gedankliche Fährten raffiniert, aber plausibel sich ausbreiten und dabei aktuelle Mechanismen gesellschaftlichen Kontroll-Lebens in der westlichen Welt an-denken. Be-denken. Was nützt uns versprochene Bürger-Sicherheit, wenn DIE, die diese garantieren sollen, selber im höchsten Maße verunsichert und möglicherweise auch inkompetent sind? Dafür zu sorgen? Und sich nun im aggressiven Vertuschen „bemühen“? London hat über eine halbe Million Überwachungskameras, erklärt der meistens für das Theater arbeitende Regisseur John Crowley (bekannt durch seine Filme „Intermission“/2003 und „Boy A“/2007) im „Making Off“-Bonus-Material und deutet auf die Wahn-Richtung: Es wird, wir werden ständig beobachtet. Ausgewertet. Ausgekundschaftet. Aber, macht das wirklich Sinn? Ist DAS wirklich gerechtfertigt? Kann es sein, dass wir uns eines Tages in unserem demokratischen Gemeinwesen in einer völligen Über-Kontrolle beziehungsweise Nur-Noch-Kontrolle befinden? Der niemand mehr „Herr“ wird? DIE völlig aus dem Ruder läuft? AUSSER KONTROLLE gerät? Wie hier?

Ein spannender Film. Mit klugen Einfällen. Des namhaften Drehbuch-Autoren Steven Knight („Tödliche Versprechen – Eastern Promises“). Dessen verblüffende Wendungen und Zusammenhänge Regisseur Crowley mit brisantem aktuellem Polit-Geschmack pikant realisiert. Als zeitgeschichtlich bedeutsamen Paranoia-Thriller.

Anbieter: „Universal“