Unberührbare Kritik

In den westdeutschen 60er Jahren galt GISELA ELSNER als d i e literarische Entdeckung. Ihr Roman “Riesenzwerge“, 1964 veröffentlicht, machte sie zu einer linken Berühmtheit: Die böse Satire auf den bundesdeutschen Gesellschaftsmuff zählte fortan zur Pflichtlektüre für den fortschrittlich-modischen Linksintellektuellen. Während
Gisela Elsner zur Mit-Vordenkerin der 68er Rebellion wurde: Nebenan das gelobte Land, die DDR, mit dem praktizierenden Sozialismus; hier die BRD, mit ihrer kapitalistischen Gier. Als 1989 die Mauer fiel, war Gisela Elsner entsetzt.

Der neue deutsche Kinofilm„DIE UNBERÜHRBARE“ von Oskar Roehler (B+R; D 2000; 110 Minuten; Start D: 20.04.2000) erzählt von dieser
Gisela Elsner, die im Film Hanna Flanders heißt.

Erzählt von den letzten
Monaten und Stationen einer klugen, aber auch sehr zerrissenen Frau. Die
als Tochter aus vermögendem Industriemanager-Hause im persönlichen
Zwiespalt zwischen privilegierter “Besserer Tochter“ und
marxistischen Idealen lebt. Die gerne und scharfzüngig-analytisch das
westdeutsche System attackiert, um sich anschließend genüsslich bei Dior einzukleiden. Die der DKP nahesteht, sich aber zum Einkaufen 200 Meter mit dem Taxi fahren lässt. Als in den 70er Jahren Lenin und die Mao-Bibel ins Abseits geraten, taumelt auch die provokante
Schriftstellerin immer mehr ins Vergessen. Alkohol, Tabletten und Nikotin werden zur teuren Flucht und zum privaten Fluch.

Der Film “Die Unberührbare“, in Schwarz-Weiß gedreht, zeigt eine verzweifelte, sich mehr und mehr “auflösende“ Frau zwischen Depression und
Kapitulation: Ihr Weg zwischen München und Berlin ist ein langes
Abschiednehmen: Von alten Freunden und Liebhabern, vom verlassenen Sohn, von den bourgeoisen Eltern. Vom NEUEN, alten Land, in dem sie sich nun überhaupt nicht mehr wohlfühlt und in dem sie sich auch nicht mehr zurechtfinden will.

Der 40jährige Autor und Regisseur OSKAR ROEHLER ist der Sohn von Gisela Elsner alias Hanna Flanders. Nach “Sylvester Countdown“ und “Gierig“ ist “Die Unberührbare“ erst sein 3. Kinofilm – und schon sein MEISTERSTÜCK! Dabei setzt er seiner Mutter ein überzeugendes Denkmal. Eines, das sie weder hofiert noch denunziert, sondern ganz eindringlich, sensibel und radikal von einer zerbrechlichen und zerbrechenden Intellektuellen spannend handelt und mitteilt. Ganz dicht verknüpft Oskar Roehler Privates und Gesellschaftliches. Und skizziert dabei viel über dieses Land und sein Seelenbefinden zur Wendezeit. Die vorzügliche, kraftvolle Schwarz-Weiß-Kamera von Hagen Bogdanski vermag es brilliant, die Innen- wie Außenansichten von damals zu dokumentieren. Ganz klar: Ein Gänsehaut-Film.

Der allerdings natürlich und zuallererst deshalb so grandios funktioniert, weil die Hauptakteurin HANNELORE ELSNER in der Rolle ihres Lebens auftritt und agiert. Sie, weder mit Gisela Elsner verwandt noch verschwägert, ist in j e d e r Szene dieses packenden 110minütigen Films mit-dabei…und frisst förmlich ihre Figur in sich auf. WIE Hannelore Elsner sich hier bewegt, WIE sie flucht, schreit, heult und wütet, ist von einer Überzeugungskraft und Faszination, die schon lange nicht mehr in einem deutschen Film zu sehen und zu spüren war. Gesten, Blicke, Bewegungen bekommen in jedem Moment so einen außerordentlichen wie atmosphärischen körperlichen, seelischen und geistigen Ausdruck. Hannelore Elsner: Man kann sich an dieser phantastischen Mimin hier gar nicht genug satt sehen!: Eine unglaubliche Präsenz: Erinnernd an DIE von Fassbinder + Hanna Schygulla einst.

1,7 Millionen Mark hat “Die Unberührbare“ NUR gekostet. Nach den jeweiligen 18 Millionen Mark-Flops “Marlene“ und “Otto’s Katastrophenfilm“ ein wunderbarer wie preiswerter Glücksfall. Auch natürlich für Hannelore Elsner.

Übrigens: Der Film “Die Unberührbare“ wurde für den diesjährigen Berlinale-Wettbewerb eingereicht. Doch Festivalleiter Moritz de Hadeln wollte ihn nicht haben, lehnte ihn ab. Jetzt läuft er im nächsten Monat bei den Filmfestspielen von Cannes…(= 5 PÖNIs).