TRUST – DIE SPUR FÜHRT INS NETZ

Bei diesem neuen US-Spielfilm, der seine Deutschland-Premiere auf dem diesjährigen Filmfest in München hatte, es aber danach nicht in unsere Kinos schaffte, sondern jetzt seinen deutschen Start auf DVD hat, dauert es länger. Als bei so manch anderen. Von wegen das mit dem „Interesse“, mit der zunehmen Neugier. Spannung. Anspannung. Der gedanklichen Anteilnahme. Mit der Übertragung an den Zuseher. Der Einvernahme des Zuschauenden. Weil er sich eine ungewöhnliche ruhige Eingangszeit lässt. Weil er nicht gleich in den ersten Minuten mit dem thematischen „Pfund“ wuchtig wuchert und mit dem dramaturgischen „Hackebeil“ losdonnert. Sondern sich lieber auf seine zwei bedeutsamen Anziehungspunkte konzentriert.

Erstens: Die namhaften und beliebten beiden Hauptdarsteller – CLIVE OWEN, der mal für den James Bond im Gespräch war (und es leider nicht wurde) und seit „Shoot `Em Up“ (2007) Kultverehrung genießt, sowie CATHERINE KEENER, die 2005 in „Capote“ so grandios neben Philip Seymour Hoffman („Oscar“) mitmachte und mit der (nach ihrem Auftritt in „Being John Malkovich“/2000) zweiten „Oscar“-Nominierung belobigt wurde. Zweitens: Auf das wirklichkeitsnahe, brandheiße Thema: Die unmögliche Kontrolle des Internets und die, mitunter, verheerenden Folgen. Dadurch. Wobei es auch hier eher „normal“ anläuft. Sowie offen. Nicht als heimliches Tochter-Geheimnis. In der Art „Verbotene Liebe“. Am bzw. über den Computer. Laptop. Ganz im Gegenteil.

Denn – wir befinden uns in einer völlig intakten amerikanischen Mittelstands-Family. Mit vier Personen. Den Eltern, der hübschen wie pubertierenden 14jährigen Annie, dem älteren Bruder, der die Sippe in Sachen Studium bald verlassen wird. Bruder und Schwester verstehen sich prima, die Eltern lieben sich und mögen ihre Kinder SEHR, gehen respektvoll und liebevoll mit ihnen um, und umgekehrt ist es genauso. Überhaupt: In dieser Gemeinschaft stimmt die fröhliche Chemie. Komplett.

Annie chattet (LIANA LIBERATO). Offen. Im Internet. Hat dort einen kommunikativen, adäquaten Partner kennengelernt. Einen kalifornischen Boy, der wie sie Volleyball spielt und überhaupt in vielen Meinungen, Ansichten wie sie denkt. Fühlt. Mit ihr übereinstimmt. Jedenfalls kommt DAS so ‚rüber. Online werden die Dinge des Alltags besprochen. Doch beim ersten Treffen in einem Kaufhaus dann die Überraschung: „Charlie“ ist weder gleichaltrig noch der Sunnyboy, als der er sich gab, sondern ein erwachsener Kerl. In der Nähe von 40. Doch anstatt unverzüglich das Weite zu suchen, lässt sich Annie AUF DEN ein. Erliegt seinem Geschmalz. Seinem Charme-Gesülze. Von wegen „alterslose einmalige Seelenverwandtschaft“. Folgt ihm ins Hotelzimmer. Akzeptiert Intimität. Zuhause ist man schockiert. Entsetzt. Aufgewühlt. Schaltet die Polizei ein. Doch Annie möchte überhaupt nicht, dass „ihr Geliebter“ verfolgt wird. Stellt sich gegen die offiziellen Ermittlungen. Macht es den Behörden wie ihren Eltern nicht leicht. In denen es jetzt untereinander „gärt“. Während die Mutter die Besonnere dabei ist, reagiert der Außer sich-Vater fassungslos, aufgescheucht, unkontrolliert. Nur noch emotional. Ohne Denkansatz. Und macht es allen Beteiligten noch schwerer. Sein Inneres schreit nach Rache. Die Wut hat ihn vereinnahmt und nimmt von ihm Besitz. Mehr und mehr. Während Annie zudem immer noch „um ihre Liebe“ kämpft. Sie will und kann einfach nicht glauben, es einem „Kinderf…..“ zu tun gehabt zu haben. Ein menschlicher Teufelskreis.

Wie sich ein widerwärtiger erwachsener Typ in eine gut funktionierende Familie „begibt“, um dort einen tiefen Keil in diese
hinterhältig, gemein und schmutzig hineinzutreiben, dort für Aufruhr, Trauma und Verzweiflung sorgt, davon handelt der Film

TRUST – DIE SPUR FÜHRT INS NETZ“ von David Schwimmer (USA 2010; B: Andy Bellin+ Robert Festinger; K: Andrzej Sekula, M: Nathan Larson; 101 Minuten; DVD-Veröffentlichung: 02.12.2011).

Es ist der – nach „Run, Fatboy, Run“ (2006) – zweite Regiefilm des amerikanischen Schauspielers DAVID SCHWIMMER (44). DER sicherlich vielen als Ross Geller aus der US-TV-Serie „Friends“ bekannt sein dürfte. Hier nun beabsichtigt er nicht, ein „typisches“, also klischeetriefendes, vorhersehbares US-Rache-Movie à la die Tat, die Jagd, der Verbrecher, seine Festnahme schmalzig-beliebig zu schaffen, sondern vielmehr „das Innere“ einer „solchen Geschichte“ ebenso spannend wie empfindsam auszuloten. Bei den vielen Opfern. Die es hier gibt. Mit ihren zahlreichen traumatischen Wunden. Und dem Unverständnis, wie etwas dermaßen Ekliges durch diese neue globale „Unordnung“ WEB, sprich INTERNET, überhaupt möglich ist. Machbar ist. Passiert.

Ein gescheiter Spannungsfilm. Der vom DVD-Anbieter bildlich (zumindest auf dem Blue-ray-Cover) als düsterer, blindwütiger Rachefeldzug filmisch geortet wird. Doch solch ein Film ist „Trust“ keineswegs. Sondern ein Film über das Heute. In dem sich zwei Welten begegnen: Eine wirkliche und eine virtuelle. Was bisweilen zu paranoiden Verhaltensweisen führt. Bei den Welt-Bürgern.
Eigentlich ein moderner George Orwell-Schocker („1984“): Der große Computer-Bruder hat uns alle längst im Griff. WIR sind im Grunde nur noch seine Marionetten. Doch – wir haben diesen gesetzeslosen Technik-Gesellen ja erdacht, erfunden, ausprobiert. Zugelassen. Und wir „erweitern“ ihn auch noch ständig. Überall. Global. Damit seine „Macht“ immer überdimensionaler werde. Immer unkontrollierbarer. Und anbetungswürdiger. Perfekter. Schizophrener. Es wird uns immer besser gehen, aber dabei verelenden wir zusehends.

„TRUST“ ist ein DVD-Hochkaräter von gedankenvollem Gegenwartsreißer.

Anbieter: „Koch Media“