SUPER – SHUT UP, CRIME

Mit „Splatter“ habe ich es ja nicht so, demzufolge kenne ich auch nicht die bei uns im Sommer 2006 ins Kino gekommene Splatter-Komödie „Slither – Voll auf den Schleim gegangen“. Drehbuch-Autor und Regisseur war JAMES GUNN. Der am 5.August 1970 in St.Louis/Missouri geborene Anwaltssohn ist in der US-Independent-Scene als Drehbuchschreiber, Regisseur, Schauspieler, Produzent und Musiker tätig. Um seinen Lebensunterhalt zu finanzieren, schrieb er Drehbücher für „schräge“ Hollywood-Produktionen wie „Dawn of the Dead“ oder die beiden „Scooby-Doo“-Realcomic-Movies (2002/2004). Bekannt ist James Gunn auch für seine Webserie „PG Porn“, in der er seit 2008 gemeinsam mit seinen Brüdern Brian und Sean Pornofilme parodiert („Pornos, aber ohne Sex“). Und DIE im umfangreichen Bonusmaterial komplett angeboten wird.

Sein zweiter Spielfilm ist eine für 2 Millionen Dollar hergestellte Low Budget-Produktion, die 2010 als offizieller Beitrag auf dem Filmfest in Toronto lief, um dann im Vorjahr hierzulande erstmals auf dem „Fantasy Filmfest“ vorgestellt zu werden:

SUPER – SHUT UP, CRIME“ von James Gunn (B+R; USA 2010; 92 Minuten; DVD-Veröffentlichung: 27.1.2012).

Der mit einer FSK-Empfehlung „ab 18“ bei uns verkaufte Streifen „Super“ dürfte derzeit eine der umstrittensten DVD-Angebote sein. Für Kunstsachverständige und sensible Cineasten-Gemüter sicherlich ein „blödes Ärgernis“, für „Hardcore-Genre-Fans“ ein „Muß-Schocker“. Über DEN der Autoren-Regisseur im Bonus-interview selbst sagt: „Ich denke nicht, dass er für jeden ist“. Und: „Mein Film ist für die schrägen Vögel da draußen“. Etwa für DIE, die neulich über den Woody Harrelson-Stoff „DEFENDOR“ (s.DVD-KRITIK) gejuxt haben. Wie ich auch.

„Super“ stellt Frank in den Blickfang. Frank (RAINN WILSON/ja, mit zwei NN im Vornamen) ist ein Loser. Hat viel Prügel im Leben abbekommen. Schon ganz früh zum Beispiel, vom aggressiven Vater. Wurde schon in der Kindheit gedemütigt (Kumpels pinkeln auf ihn lachend). Hat viel Ablehnung einstecken müssen. Deshalb ist Frank, der Koch im Bistro, ein Außenseiter. DER dennoch irgendwann Glück hatte, als sich die attraktive Kellnerin und Ex-Junkie Sarah (LIV TYLER) in ihn verliebte und seine Frau wurde. Doch nun hat der Gangster Jacques (KEVIN BACON) sie ihm „abspenstig“ gemacht. Was den naiven Gutmenschen Frank auf die Palme bringt. Nicht schon wieder – seelische – Prügel. Also stellt er sich „dem Kampf“. Gegen Jacques und seine Gang und überhaupt. Gegen DAS BÖSE. Frank und seine Visionen.

Ziemlich unappetitliche (eine erinnert an die Splatter-Szene aus „Hannibal“ am Esstisch, bei der Ray Liotta vom Anthony Hopkins = Hannibal Lecter eigene Gehirnteile „lecker serviert“ bekommt). Zudem „unterhält“ das christliche Serienfernsehen andauernd mit einem Superhelden „Der Heilige Rächer“, der ständig in der Lage ist, den verführerischen Alltags-Satan zu besiegen. Frank, der Auserwählte. Packt es an und greift zu. Näht sich eine Art Superman-/Batman-C-Uniform und begibt sich auf die Straße, um dort gegen „das Böse“ anzutreten. Einfach so. Als Supermann ohne Superkräfte. Als nunmehr „Der blutrote Blitz“ (im Original: „The Holy Avenger“). Attackiert er „Gegner“. Kriegt natürlich erst einmal „voll auf die Fresse“. Bis er begreift, daß man sich „ein bißchen“ bewaffnen muß. Also läßt er sich im Comic-Laden beraten. Von Libby (ELLEN PAGE/“Juno“). DIE schließlich zu seiner voll überdrehten, explosiven „Assistentin“ Blitzie wird. In grüner Uniform („In den Comics langweilt sich niemand“). Dermaßen ideen-vollgepumpt und angeturnt machen sich nun die überbrutale Libby-Blitzie und der „tollkühne Psycho“ Frank ans heilige Moral-Werk.

Auweia. Mal sanft, mal soft, mal ganz brutal. Mal zynisch, mal schwarz-schmunzelnd. Ein „Irrer“ auf dem Helden-Trip. Angetrieben von seiner Liebe zu seiner Frau Sarah, die er unbedingt zurückhaben will („Die Wahrheit ist in meinem Herzen“). Und deshalb bereit ist, „dafür“ ganz und gar außergewöhnliche Spinner- und Blutwege auf sich zu nehmen.
„SUPER“ ist ein Comic-Western. Mit viel Gewalt-Performance. Sozusagen Frieden schaffen und Recht herstellen über einen „nützlichen“ Blut-Weg. Gib‘ Rache, Kumpel. So was in der Art. Bereitet manchmal Naiv-Spaß, ist bisweilen komisch (Libby will „verkleideten“ Sex, der verheiratete Frank empört: „Back lieber einen Kuchen“). Wirkt manchmal doppelbödig locker, als eine Art Charme-Comic, um dann wieder extrem düster zu tönen. Verweist schon mal pulpig auf Quentin Tarantino, wenn der „nette“ Kevin Bacon-Mafiosi auftritt. Und erinnert mit diesem ungleichen Paar Frank-Libby an das Anarcho-Gespann Mickey + Mallory aus Oliver Stones Zivilisationsparabel „Natural Born Killers“. Der Mensch, mal Moralist, mal Psychopath. Der Grad nach hier und dort ist schmal. Ein kurzer Auslöser weckt schon mal den Mr. Hyde in uns…: Kontrolle passé.

James Gunn hat einen „ziemlich wilden“, spannenden Billigfilm gemacht. Dessen Sog „interessant“ ist. Zum Gegenhalten wie zum Mögen. So ein Tölpel Frank steckt schließlich in jedem von uns. Wenn wir wieder einmal „verarscht“ werden. Wenn sich mal wieder ein vermeintlich Stärkerer einfach so vordrängt oder wir mal wieder Demütigungen ausgesetzt sind, gegen die es keine „normale Abwehr“ gibt. Dieses ewige Runterschlucken-Müssen. Irgendwann ist mal finito. Irgendwann mal wird „zurückgedonnert“. Zumindest im Comic. Sowie im Kino.

„Super“ handelt von den vielen säuischen Baustellen im Leben eines Normalbürgers. DEN mimt dieser 44jährige RAINN WILSON aus Seattle imposant. Weil in seiner Beklopptheit auch identifizierbar. Rainn Wilson ist – mit seinem markanten Völlig-Normal-Face – aus einigen Loser-Nebenrollen in Komödien wie „Almost Famous – Fast berühmt“, „Die Super-Ex“ oder „Transformers -Die Rache“ bekannt. Hier nun darf er sich als couragierter Spott-Held („Ich denke, manchmal wird das Glück überbewertet“) augenzwinkernd bewähren. Atmosphärisch wie deftig.

Der neue DVD-Film „SUPER“ wirkt. Auch nach. SO, aber auch SO. „Trocken“ jedenfalls lässt er Niemanden.

Anbieter: „Koch Media“