St. Vincent Kritik

St. VINCENT“ von Theodore Melfi (B + R; USA 2013/2014; K: John Lindley; M: Theodore Shapiro; 102 Minuten; Start D: 08.01.2015); die „Golden Globe“-Nominierungen für den (unbekannten) Autoren-Regisseur THEODORE MELFI und seinen Star BILL MURRAY bildeten kürzlich den ersten Abschluss einer ganzen Reihe von internationalen Auszeichnungen für diesen Film, dessen Skript sich 2011 auf der sog. „Black List“ von Hollywood befand. Einer Liste, die jährlich die „besten der noch zu realisierenden Drehbücher“ notiert. Jack Nicholson sollte hier zunächst mitmischen, so wurde gemunkelt, bevor dann BILL MURRAY 2012 in das Projekt – Budget: 17 Millionen Dollar – mit einstieg.

IHN zu verpflichten, war für Theodore Melfi mit Sicherheit nicht so einfach. Denn bekanntermaßen ist der am 21. September 1950 in Wilmette, Illinois geborene Kult-Typ („Ghostbusters 1-3“; „Die Geister, die ich rief“; „Und täglich grüßt das Murmeltier“; „Lost in Translation“; „Broken Flowers“) nicht zu erreichen, wenn er es nicht will. Er hat keinen Manager oder Agenten, sondern nur einen Anwalt, ist „immer in Bewegung“, wie sein jüngster Schauspieler-Bruder Joel Murray „Variety“ verriet, verfügt über Wohnorte im ganzen Land, geht grundsätzlich nicht ans Telefon. Wenn Bill Murray an irgendetwas „interessiert“ ist, meldet ER sich. Beim Anfrager. So wie hier auch.

Theodore Melfi, 44, geboren in Brooklyn, New York, schrieb und drehte MTV-Spots, TV-Serien-Projekte und Kurzfilme. 1999 realisierte er mit „Winding Roads“ (unter dem Namen Ted Delfi) seinen ersten (Independent-)Spielfilm. Danach schuf er weitere Kurzfilme (wie den Thriller „The Beneficiary“ und den fiktionalen Dokumentarfilm „Rosambo“/2010), bevor er sich an sein zweites Kinospielfilm-Projekt machte. Basierend auf eigenen Erfahrungen: 2006 starb sein ältester Bruder und er adoptierte dessen 11jährige Tochter. Diese bekam in der Schule die Hausaufgabe, die Geschichte über einen „realen Heiligen“ zu schreiben, und sie schrieb ihren Aufsatz über IHN.

Vincent MacKenna (BILL MURRAY) sieht ungepflegt aus; mit wirrem, grauem Haar, unrasiert, ständig mit einer Zigarette fuchtelnd. Der Vietnam-Veteran ist ein ausgesprochener Misanthrop. Ein griesgrämiger Anti-Menschenfreund, der mit wenig Money durch seinen Solo-Alltag zieht, gern viel Alkohol trinkt, Besuche in Strip-Clubs bevorzugt, bei Pferdewetten zockt, Schulden hat und mit einer wunderschönen weißen Perserkatze sein – gelinde gesagt – bescheidenes Haus-Heim in Brooklyn teilt. Und: Regelmäßig begibt sich Vincent in ein Pflegeheim, wo er eine demente ältere Dame besucht. Quasi betreut. Ansonsten will der dauer-mürrische Kerl einfach seine Ruhe haben, in Ruhe gelassen werden. Was bisher auch ganz gut funktionierte. Doch als Maggie Bronstein (MELISSA McCARTHY) mit ihrem 12jährigen Sohn Oliver (JAEDEN LIEBERHER) nebenan einzieht, ist es mit seiner „Beschaulichkeit“ vorbei. Denn die alleinerziehende Mutter „parkt“, natürlich gegen Honorar, ihren Jungen schon mal bei diesem „vertrauenswürdigen“ Vincent, wenn sie Überstunden schieben muss. So lernt Oliver sogleich Lektionen in Sachen Erwachsenen-Dasein. Denn Vincent nimmt ihn gerne mit auf „seine Touren“. Durch die Stätten der Trinkhallen und Pferderennplätze und „hilft“, also „trainiert“ ihn auch schon mal, wenn es darum geht, sich gegen die aggressiven Attacken schulischer Kameraden tatkräftig zu wehren. Zudem lernt der Bengel Vincents einzigen Freund, die schwangere russische Stripperin Daka Paramova (NAOMI WATTS), kennen. Mutter Maggie ist über die „Entwicklung“ ihres Boys erst überrascht. Dann entsetzt.

Natürlich ist diese Geschichte filmisch schon oft erzählt worden: Nicht domestizierter Unheiliger trifft auf kluges Unschuldskind und beide werden Seelen-Partner. Erinnerungen an gute Vorbilder werden wach: „Gran Torino“ (Clint Eastwood); „About A Boy“ (Hugh Grant) oder auch Pixars „Oben“ und der jährliche Weihnachts-TV-Klassiker „Der kleine Lord“ (Alec Guinness). Nun also der grandiose, für diesen feinen Loser-Part geradezu prädestinierte BILL MURRAY, Motto: und täglich grüßt das schlurfende Elend, sowie dieser kleine wunderbar ausdrucksvolle und überhaupt nicht altkluge Debütanten-Jüngling JAEDEN LIEBERHER aus Philadelphia. Murray, der zuletzt nur noch in Nebenparts auffiel („The Monuments Men“; „Grand Budapest Hotel“), zelebriert hier, füllt hier imposant „die große Bühne“. Als knochentrockener Eremit.

Der ehemalige „Saturday Night Liver“ ist mit jeder Pore „aufregend“, faszinierend, selbst wenn er, wie beim Abspann, nur noch herumsitzt, einen Bob Dylan-Song mitträllert und dabei – smokend natürlich – eine Topfpflanze bewässert. Was für ein wunderbarer, körpersprachlich- toller Outlaw-Mime! Um den herum urige Stichwortgeber-Mitstreiter mitmischen wie MELISSA McCARTHY („Brautalarm“), die endlich mal nicht als pralle Dampfwalze prollen muss („Taffe Mädels“); der irische Komiker CHRIS O’DOWD („Radio Rock Revolution“) als pfiffiger katholischer Pädagoge und NAOMI WATTS („The Impossible“) als clevere Nutte mit Herz.

„St. Vincent“, ein schelmischer Ami-Spaß, mit – sehr – viel Potenzial zum Forever-Movie mit Kult-Geschmack (= 4 PÖNIs).