STILL ALICE – MEIN LEBEN OHNE GESTERN

STILL ALICE – MEIN LEBEN OHNE GESTERN“ von Richard Glatzer & Wash Westmoreland (B + R, nach dem Roman „Still Alice“ von Lisa Genova/2007; USA 2014; K: Denis Lenoir; M: Ilan Eshkeri; 101 Minuten; Start D: 05.03.2015); das seit geraumer Zeit angesagte Dauer-Thema ALZHEIMER in Kinofilmen (zuletzt: „Honig im Kopf“ von Til Schweiger/Dieter Hallervorden; davor z.B. „An ihrer Seite“ von Sarah Polley/Julie Christie oder „Iris“ von Richard Eyre/Judi Dench) signalisiert die zunehmende allgemeine gesellschaftliche wie individuelle Angst-Bedeutung um dieses aktuelle weltweite Krankheitsthema. Es filmisch „so“ zu behandeln, dass daraus kein belehrender medizinischer Diskurs, sondern „anständige Unterhaltung“ wird, gehört zum großen wie sensiblen Kunst-Stück KINO.

Lese mich gerade schlau, Alzheimer: Erstmals 1901 – vom deutschen Psychiater und Neuropathologen Alois Alzheimer – beschrieben: „Morbus Alzheimer“ ist eine neurodegenerative Erkrankung, die in ihrer häufigsten Form bei Personen über dem 65. Lebensjahr auftritt und für ungefähr 60% der weltweit etwa 24 Millionen Demenzerkrankungen verantwortlich ist.

Dr. Alice Howland (JULIANNE MOORE) ist von 65 noch weit entfernt. Die anerkannte Linguistik-Professorin steht mit Anfang 50 im vollen Lebens-Saft. Die drei erwachsenen Kinder sind aus dem Haus, die Power-Frau aus Los Angeles kann durchstarten. Die ersten kleinen „Vergessens-Anzeichen“ werden nicht wahrgenommen. Kleinigkeiten halt. Die schon mal vorkommen. Irgendwann aber können die zunehmenden „diskreten“ Ausfallerscheinungen nicht mehr ignoriert werden. Die Diagnose ist erschütternd: Alice leidet unter einer ganz seltenen Form von unheilbarer Alzheimer-Krankheit. Hört sich (viel zu) leicht an, aber fortan muss, will sie sich „der Gegebenheit“ stellen. Was zu unterschiedlichen Reaktionen und Folgen innerhalb des Familien-Verbundes führt. Während Ehemann John (ALEC BALDWIN) irgendwann innerlich aufgibt, ist es gerade die „schwierige“ Tochter Lydia (KRISTEN STEWART), die sich der Mutter immer tiefer nähert.

Als SIE den „Oscar“ – endlich – bekam (nach fünf Nominierungen), gab es wohl Niemanden, der IHR diesen Endlich-Triumph nicht gönnte: Schließlich zählt die am 3. Dezember in North Carolina geborene Julie Anne Smith, die sich JULIANNE MOORE nennt, zu den herausragenden Schauspielerinnen ihrer Generation. Ihre Wandlungsfähigkeit ist einzigartig. Die Tochter einer schottischen Sozialarbeiterin und eines US-Militär-Richters wuchs auf Militärstützpunkten in den USA, in Panama und auch in der BRD auf. Ihren High-School-Abschluss erreichte sie 1979 an der „American High School“ in Frankfurt/Main. Vier Jahre später machte sie ihren Abschluss beim „College of Fine Arts“ in Boston mit dem Bachelor. Am Off-Broadway in New York startete sie ihre Karriere als Schauspielerin.

Nach TV-Rollen in Seifenopern, Mini-Serien und bedeutungslosen TV-Filmen schaffte sie 1990 den Wechsel auf die Leinwand („Tales from the Darkside: The Movie“ / „Geschichten aus der Schattenwelt“). Charakter-brisante, hochspannende schwermütige Frauen-Figuren wurden zu ihrem einzigartigen Markenzeichen. Die erste „Oscar“-Nominierung bekam sie 1997 für die Rolle einer Pornoakteurin in „Boogie Nights“ von Paul Thomas Anderson. Weitere Nominierungen folgten später für ihre Auftritte in „Ende einer Affäre“ (2000), „Dem Himmel so fern“ (2002) sowie „The Hours“ (2003).

Ihre phantastische Wandlungsfähigkeit stellte sie 2001 unter Spannungsbeweis, als sie in der „Das Schweigen der Lämmer“-Fortsetzung „Hannibal“ in die übergroßen Fußstapfen von Jodie Foster als neue Agentin Clarice Sterling trat. 2009 war sie eine „sensationelle“ Alkoholikerin in „A Single Man“; und für den TV-Film „Game Change“ interpretierte sie formidabel die „Tea Party“-Aktivistin Sarah Palin, wofür sie mit einen „Emmy“ (2012) und dem „Golden Globe“ (2013) ausgezeichnet wurde.

„STILL ALICE“ ist eigentlich ein eher mittelmäßiger Film. Mit vielem Herumsitzen (in Wohnräumen, Lokalen, Behandlungszimmern), betroffenen Gesprächen, mit überschaubaren Motiven und traurigem Geplänkel. Doch: SIE „befreit“ alles. Von Mittelmäßigkeit. Und Langeweile. Wie SIE schleichenden Kontrollverlust, hereinbrechende Orientierungslosigkeit und das gedankliche wie emotionale Entgleiten ihrer abtauchenden Wahrnehmungen entwickelt, ist darstellerisch überragend. Bedeutet, die ge- und verstörte und schließlich extrem beschädigte Seele in einer unglaublich dichten, wahrhaftigen Intensität SEHR NAHEGEHEND = großartig berührend auszudrücken. Ohne Krampf und Kampf. Oder heldenhaftem Ausrufungszeichen. Sondern in einer sensibel-überzeugenden Glaubhaftigkeit, die erschüttert. In einer wunderbaren 1:1-Dimension: Von Realität und Kinofiktion. Die für sagenhafte Gänsehaut sorgt. JULIANNE MOORE beherrscht mit ihrer überragenden Performance einmal mehr die komplette Szenerie, ist an Gedanken und Empfindungen vielschichtig und RIESIG; dominiert diese ganze große und hier so verdammt wunderbare Leinwand.

„Still Alice“ ist, im wahrsten Sinne, eine leise, sehr behutsam- explosive One Woman-Wahnsinns-Unterhaltung (= 4 PÖNIs).