Still Kritik

STILL“ von Matti Bauer (Produzent + R; D 2003 – 2013; K: Klaus Lauterbacher; 80 Minuten; Schwarz-Weiß; Start D: 19.06.2014); ich wiederhole es gerne, Dokumentarfilme haben längst die Nischenhaftigkeit des Genres verlassen und konkurrieren inzwischen im Kino mit ihren Power-Kollegen von der „großen Spielfilmunterhaltung“ gut mit. Also informativ wie unterhaltsam. Und: Langzeitdokumentationen, die Leben in authentischen Auszügen beobachten und begleiten, sind offensichtlich „in“ und stoßen auf reges Interesse. Nach den legendären „Kindern von Golzow“ und dem kürzlichen Meisterstück „Boyhood“, einer faszinierenden Quasi-Doku im spannenden Spielfilm-Format, wird nun eine junge Frau aus dem bayerischen Oberland vorgestellt: Uschi. Keine elitäre Tochter aus einer Bauernfamilie, sondern eine gestandene junge Frau, die bereits vieles probiert und erlebt hat. Als Kellnerin, Gärtnerin, als Sennerin. Sie ist viel gereist, war in Neuseeland, Thailand, in den USA. Dreimal in Südamerika. „Still“ will also keine Geschichte von einer „armen Bäuerin“ auftischen und Mitleidsboni pflegen, sondern über einen Jahrzehnt- Zeitraum eine sympathisch-burschikose Frau begleiten, die am Beginn Ende Zwanzig ist und ihr Da-Sein selbst zu bestimmen pflegt.

„Alm ist wie eine Sucht“, ist zu vernehmen, „einmal gemacht, immer wieder“. Also nimmt sie eine Auszeit vom elterlichen Hof bei Fischbachau, um für ein Sommerhalbjahr alleine auf der Alm als Sennerin zu arbeiten. Bei und mit „ihren“ Tieren. Den Kühen und zwei störrischen „Goaßn“. Ziegen. „Wenn man immer Ablenkung braucht, kommt man mit sich nicht zurecht“, lautet ihr Credo. Sie melkt, buttert, macht Käse. Ist zufrieden mit und in dieser Abgeschiedenheit. „Ich bin Stille- süchtig“. Zurück auf dem Hof im Herbst erwarten sie die Fragen nach der dortigen Zukunft. Die Eltern haben den Wunsch nach der Individualität ihrer Tochter akzeptiert, doch nun stehen die internen Probleme an. Der Vater Stefan ist 60 („Viel gibt’s ja, was man eigentlich nicht braucht“) und kann ebenso NOCH voll arbeiten wie Mutter Rosi, aber gerade DIE scheint ein wenig auf das selbstbestimmte Leben ihrer Tochter eifersüchtig zu sein. Gibt sie in den Gesprächen mit Matti Bauer ohne Murren zu erkennen, dass auch sie sich in Sachen Selbstverwirklichung „Eigenes“ vorstellen kann. (Was sie später, im nahe rückenden Rentenalter, dann auch verwirklichen wird). Doch im nächsten Winter sieht alles schon ganz anders aus: Uschi ist schwanger, der Freund ist weg und der nächste Almsommer in weite Ferne gerückt. Jakob wird geboren. Drei Generationen unter einem Dach. Auf diesem schönen, denkmalgeschützten Hof. Die Planungen für das Weiter, den Erhalt, die Veränderungen bestimmen fortan das Machen und Zusammensein dieser „wachsenden“ Familie. Dabei im – teilweise – bockigen Blick- und Mittelpunkt: Uschi, die schon mal dem Filmemacher „absagt“ und dann es doch wieder zulässt, von ihm und seiner diskreten Kamera, sensibel geführt von Klaus Lauterbacher, beobachtet und begleitet zu werden. Um ihren neuen Partner vorzustellen, einen Piloten. Die alleinerziehende Mutter ist wieder schwanger und plant schließlich den Hof zu übernehmen. Allerdings nun wirtschaftlicher. Mit „Es müsste mehr Lebensmittelskandale geben, damit die Leut Lebensmittel wieder zu schätzen wissen“, setzt sie ironisch politische Pointen.

Der Film ist in Schwarz-Weiß gedreht. Nicht aus ästhetischer Nostalgie-Verklärung, sondern um an der Realität besser dran zu sein. Wie der Filmemacher im Presseheft erklärt. Matti Bauer, 1955 in Dießen am Ammersee geboren, studierte Völkerkunde und Portugiesische Philologie in München. Von 1978 bis 1988 unternahm er Forschungsreisen zu Indianern in Zentralbrasilien und im nördlichen Amazonasgebiet. Parallel startete er seine Karriere als Dokumentarfilmer. Bekannt(er) wurde er mit dem Film „Lokalderby“, als er 1997 die Rivalität der beiden Münchner Fußballclubs FC Bayern München und TSV München 1860 beschrieb. Für die Sendereihe „Unter Unserem Himmel“ des Bayerischen Fernsehens hat er zusammen mit dem Kameramann Klaus Lauterbacher in Filmen wie „Die Sennerin“ und „Die Schneeschöpfer“ Menschen der alpenländischen Region mit Humor und Gefühl porträtiert. Für seinen Film „Domspatzen“ erhielt er 2009 den „Bayerischen Fernsehpreis“.

Für „Still“ hat er sich zehn Jahre lang Zeit genommen. Immer mal wieder in die Uschi-Familie einzutauchen, um auf ein sehr persönliches „bayerischen Leben“ in Langzeit zu blicken. Mit Allgemeinverwertung: Wer bin ich wirklich, was möchte ich tatsächlich machen und erreichen; wie soll die Reise Leben nach dem vielen Probieren und den zahlreichen Erfahrungen „richtig“ weiterlaufen? „Ich bin eine Bäuerin“, stellt Uschi schließlich mit großer innerer Kraft lachend klar. Eine spannende Frau.

„Still“, der beeindruckende Schwarz-Weiß-Film, hat viel Farbe im Herzen. Kommt ohne Musik und nur mit dem „Soundtrack“ von Kuhglocken aus. Beobachtet und beschreibt merklich unangestrengt, ist mit nur wenigen Off-Erklärungen versehen. Besitzt eine angenehm meditative Ruhe. Ist ein mit einfühlsamen (bisweilen untertitelten) Bildern und Motiven ausgestattetes Plädoyer für die Akzeptanz von „anderem Leben“. Lässt die durchaus packende Ruhe und Langsamkeit der Bergwelt als „charmanten“ Gegensatz zur Dauerberieselung der Großstadt empfinden. Nicht als Ideologie, sondern als pure Seh- und Denkfreude. „STILL“ ist ein besonderer Film (= 4 PÖNIs).