STAR WARS: DER AUFSTIEG SKYWALKERS

PÖNIs:     (3/5)

„STAR WARS: DER AUFSTIEG SKYWALKERS“ von J.J. Abrams (Co-B + R; USA 2018/2019; Co-B: Chris Terrio; K: Dan Mindel; M: John Williams; 144 Minuten; deutscher Kino-Start: 18.12.2019);

Gastkritik von Dr. Rolf Giesen

1914, an der Westfront, schlossen deutsche und britische Soldaten eine spontane Waffenruhe und feierten, fernab jeglicher Feindseligkeiten, das Weihnachtsfest. Der Disney-Konzern feiert das Weihnachtsfest ganz anders, hier ruhen die Waffen auch zu den Festtagen nicht, aus allen Rohren wird geschossen, dass die Fetzen fliegen und die Ohren dröhnen – obwohl disney-gerecht kein Blut fließen darf, denn an diesem (angeblich utopischen) Feldgottesdienst, in dem die Lichtschwerter reihenweise gesegnet werden, sollen ja auch die Zwölfjährigen mit Erbauung teilnehmen dürfen. Schließlich handelt es sich um Familienkino mit viel Popcorn und Cola und so: Halleluja! 42 Jahre Star Wars enden für Großeltern, Eltern und Kids in einem bombastischen Kriegsgetümmel, einem Feuerwerk, wie man es derart spektakulär ja wohl auch erwarten durfte. Teil IX gilt immerhin als Abschluss von ganzen drei Trilogien, und da liegen die Nerven der Fans blank, dürfen die stolzen Erwartungen nicht enttäuscht werden.

IF THIS MISSION FAILS IT WAS ALL FOR NOTHING! (Ein besorgter C-3PO)

Wir erinnern uns: In der dritten Trilogie, die 2015 mit dem Titel Das Erwachen der Macht (s. Kino-KRITIK) begonnen hat, übergeben die altgedienten Veteranen Han Solo und Leia Organa die Lichtschwerter an eine jüngere Generation. Die unglückliche Carrie Fisher stand mit einem Bein schon im Grabe und muss für ihren posthumen, über mehrere kurze Szenen verteilten Auftritt in Episode IX aus Archivmaterial rekonstruiert und eingeschnitten werden, damit sie Rey ein paar Nachhilfestunden geben kann und ein paar aufmunternde Worte dazu: „Sei optimistisch!“ Mit Rey, der Protagonistin (verkörpert von der Engländerin DAISY RIDLEY), ist endlich Frauenpower im Spiel: kein platter Sexismus à la Barbarella, sondern futuristischer Feminismus; kein Erlöser, sondern eine zeitgemäße Erlöserin, von der es niemand erwartet hätte, denn Rey hat, wie der christliche „Heiland“ auch, ganz unten auf der Leiter des Erfolgs angefangen, als Schrottsammlerin. Trotzdem sind die Mächte des Bösen hinter dem toughen Aschenputtel her wie Herodes hinter dem Jesuskind und der Teufel hinter der armen Seele.

In diesem Fall heißt Herodes aber Palpatine (IAN McDIARMID). Der neue Teufel ist damit der alte. Den totgeglaubten Imperator haben Disney und Lucasfilm wohl mangels neuer Einfälle aus der Mottenkiste geholt, zumal der zeitweilige Möchtegern-Tyrann Kylo Ren (mit ADAM DRIVER ist sogar ein richtiger Schauspieler an Bord), der Enkel von Darth Vader, der das oberste Performance-Capture-Wesen Snoke (ANDY SERKIS) beseitigt hat, auf einmal sehr unmännliche Schwächen zeigt und nicht dem Imperator, sondern der femininen Kraft Reys verfällt. Warum aber sucht Palpatine, dieser erfahrene Tyrann, der so reich an Dienstjahren ist (keine Bange: Disney bleibt unpolitisch, daher kein Verweis auf Adolf Hitler, Richard Nixon oder aktuelle Diktatoren), ausgerechnet die Müllkippen des Universums nach einer Feministin ab?

Nach zwei geschlagenen, funkensprühenden Stunden erfahren wir des Rätsels Lösung, und wir Kritiker sind gebeten worden, sie bitteschön nicht preiszugeben, aber da gibt es nicht viel zu verraten, weil das alles so dürftig, so armselig in das Korsett gestelzt-pathetischer Dialoge gezwängt ist, dass man nur den Kopf schütteln kann: In Rey schlummert nämlich die gebündelte Energie von 1001 Generationen tapferer Jedi. Palpatine („Somehow Palpatine has returned„) spielt erst mal den Versucher und lockt Rey, indem er ihr seinen steinernen Thron anbietet bzw. die Hälfte seines Throns, denn er will, dass sie gemeinsam über das Universum herrschen und dort so etwas wie ein Viertes Reich errichten, nachdem es mit dem Dritten ja nicht gut ausgegangen ist. Dann vertraut er der staunenden Kämpferin an, dass er ihr Opa ist und dass sein böses Blut ja doch auch in ihren Adern fließt (nein, es fließt immer noch kein Blut, es wird nur davon geredet): Prinzessin Palpatine, sozusagen. Doch die standhafte Zinnsoldatin widersteht dem Angebot und zückt, Kylo Ren an ihrer Seite, das Lichtschwert.

Wenn du nicht willst, gebrauch‘ ich Gewalt! Der rachsüchtige Palpatine erhebt die schwarzmagischen Knochenarme und saugt den beiden, seiner Enkelin und dem Vader-Spross, mit gespreizten Krallen die Jedi-Energie aus, die er dann wie ungeheure Lichtblitze ins Universum strahlt, wo die armselige Flotte schrottreifer Rebellen-Raumschiffe einen Angriff auf seine hochgerüstete Armada startet. Kylo Ren wird in ein dunkles Loch verstoßen. Und was tut Rey? Sie kreuzt zwei Lichtschwerter wie ein Kruzifix und verwandelt Großväterchen Nosferatu in ein lächerliches Häufchen Asche. Das hat natürlich viel Kraft gekostet, aber Kylo Ren steigt noch einmal aus seinem Loch, um Rey mit neuer Lebenskraft zu heilen, bevor er in die ewigen Jagdgründe abrauscht.

Zum Schluss liegen sie sich alle in den Armen, Mensch, Roboter, Aliens, Billy Dee Williams als Lando Calrissian, wohl auch ein paar Ewoks und anderes „Getier“, und feiern den Triumph des Willens (über den Verstand). Aber Moment mal: Wo bleibt denn Skywalker? In der Fortsetzung von 2017, Die letzten Jedi (s. Kino-KRITIK), ist der alte Mark Hamill als Luke Skywalker ja noch mal groß herausgekommen und durfte sich über die Aufbesserung seines Gehaltskontos freuen. Willig ließ er sich am Schluss von Kylo Rens Lichtschwert in zwei Hälften teilen und verschmolz solcherart mit der Macht. Da dürfen wir doch wohl erwarten, wenn uns heuer The Rise of Skywalker versprochen wird, dass auch Skywalker drin ist, wo Skywalker drauf steht: dass Luke von den Toten wiederaufersteht und wenigstens als direkt mit der Macht in telepathischer Verbindung oder so stehendes Geistwesen kräftig die Strippen zieht. Zu früh gefreut. Mit dem Skywalker des Titels ist nicht Luke gemeint. Der taucht nur ein paar Minuten im Bild auf, um der Schrottsammlerin ein paar Tipps, von Held zu Heldin, mit auf den Weg zu geben. Eigentlich hätte es seines Auftritts gar nicht bedurft, aber wenn schon Harrison Ford kurz in die Kamera grinsen darf, warum dann nicht auch Mark Hamill? Die Sternensaga ist ja auch so etwas wie eine Saga zerrütteter Familienverhältnisse: Luke, ich bin dein Vater!

Erst als die Schrottsammlerin nach ihren Heldentaten auf ihre heimatliche Scholle resp. Müllkippe zurückkehrt, erfahren wir, was es mit dem Aufstieg Skywalkers auf sich hat. Ich bin Rey SKYWALKER! spricht die Schrottsammlerin. Nicht Luke, sie war gemeint.

Wer da aber glaubt, dass es jetzt vorbei sei mit der Heilsgeschichte vom Krieg der Sterne, wird sicher bald eines Besseren belehrt, denn die Kinokassen sollen in Zukunft ebenso wenig verstummen wie die galaktischen und intergalaktischen Kriegstrommeln. Möglicherweise wird Rey auf ihrer Müllkippe die Reste eines netten Roboters à la Wall-E finden, um sich (Disney macht Wunder wahr!) mit ihm zu paaren und Nachwuchs zu klonen. Und in den Weiten des Alls wird sich doch wohl noch ein anderer finsterer Tyrann finden, der die Rolle des Buhmanns übernimmt (ein willkommener Cameo-Auftritt für Donald T.?), und wenn nicht, wird der alte, lebenshungrige Satanist Palpatine gewiss ebenso oft zurückkehren wie Graf Dracula.

Ansonsten ist die geballte Blockbuster-Banalität so gestrickt, dass sie bestimmt die von den Disney-Buchhaltern errechnete Milliarde Dollar in die globalen Kinokassen spült. Weniger darf’s nicht sein. Und wo der Geist zu kurz kommt, vermitteln wenigstens die Special Effects der nach CyberWars gierenden weihnachtlichen Computerspiel-Gemeinde den erwarteten Seh- und Heilsgenuss.  Einmal mehr haben an dem Spektakel Heerscharen von VFX-Supervisoren gearbeitet, als gehe es um den Dritten, Vierten, Fünften, Sechsten und Siebenten Welt(en)krieg zusammen. So lernen auch unsere Zwölfjährigen, dass Kriege zur „Unterhaltung“ gehören wie Micky zur Maus, Donald zur Ente oder die Butter aufs Brot. Sie werden daher das zu Weihnachten von ihren Eltern für sie erworbene digitale Kriegsspielzeug aus dem Disneyschen Merchandising-Arsenal unbedingt zu schätzen wissen und sich irgendwann von der CyberWars-Abteilung der Bundeswehr oder wem auch immer für den geplanten „Endsieg“ (über das unaussprechlich Böse natürlich, das glücklicherweise austauschbar ist) anwerben lassen. Na dann, frohe und keinesfalls friedliche Weihnachten, ihr Rekruten des Alls!

4 PÖNIs für die visuellen Effekte, 2 für den Inhalt – ergibt einen Mittelwert von 3 PÖNIs!

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