Spur der Steine

Der hier vorgestellte Film ist fast 25 Jahre alt und
kommt aus der DDR. Es ist einer der zahlreichen Regalfilme. Filme, die
lange Jahre verboten waren, weil sie den Oberen nicht gefallen haben. Jetzt
sind sie da, aber von durchaus unterschiedlicher Qualität und Betrachtungsweise.

Eher besser, wie ein lange gelagerter Wein, sieht sich heute
SPUR DER STEINE“ von Frank Beyer (Co-B+R; nach einem Roman von Erik Neutsch; DDR 1966; kurz erstaufgeführt in der DDR am 1.7.1966, dann erst wieder am 10.5.1990; Erstaufführung BRD: 9.9.1990; 150 Minuten; schwarz-weiß) an.

Frank Beyer gehört zu den besten
DDR-Regisseuren, das unterstreichen Werke wie „Nackt unter Wölfen“ oder
„Geschlossene Gesellschaft“, der kürzlich in der ARD zu sehen war. In
„Spur der Steine“ geht es um Handwerker. Geht es um das Schaffen auf einer
Großbaustelle in Schkona. Dort herrschen schlimme Zustände. Kein Material,
viele Planungsfehler, menschliche Dramen im Kleinen wie im Großen, und
mittendrin Balla , Hannes Balla. Ein Baum von Kerl, der sich von nichts und
niemand etwas sagen lässt; der weiß, dass er als Boss einer fleißigen
Zimmermanns-Brigade den Bürokraten und Sesselpupsern von Leitung und Partei
immer einen kreativen Schritt voraus ist, Natürlich führt das zu Auseinandersetzungen, zu Spannungen. Der neue Parteisekretär schaltet sich ein.

Da taucht Kati auf. Eine junge, hübsche Ingenieurin, die es schwer hat, sich
in dieser herben Männergesellschaft auf dem Bau zu behaupten. Und dann sind ja
da noch die Gefühle. Kati und der verheiratete Werner von der Partei werden
heimlich ein Paar. Balla hat auch ein Auge auf Kati geworfen und bemüht
sich in seiner ungelenken, robusten Art um sie.

Als Kati ein Kind bekommt, gibt’s Aufruhr. Genossen, Vorgesetzte und auch
Balla möchten wissen, was los ist. Aber Werner, sonst ganz aufrecht im
Anblick des Sozialismus, zieht den Schwanz ein und kneift. Lässt die junge
Frau allein mit ihren Problemen und dem Kind. Und auch Balla sieht sich
ein ums andere Mal in die Enge getrieben und fürchtet um seinen schlechten
Ruf.

„Spur der Steine“ ist der zynische, bittere, sarkastische, sehr
spannende und mitteilsame Blick auf vergangenen DDR-Alltag. Mehr als es je
eine bemühte Dokumentation zu zeigen und sagen bereit ist, stellt er das
faule, korrupte, schwache System vor und infrage, attackiert es in seiner
Unmenschlichkeit und Ungerechtigkeit und wirkt ekelhaft realistisch. Wie da ‚Staat‘ und ‚Bürger‘ vorgestellt werden, wirkt heute – mehr noch als gestern – entlarvend und hundsgemein.

Regisseur Frank Beyer hat dies nicht trocken, sondern sehr dicht-dran, aufregend, sehr genau inszeniert. „Spur der Steine“ gehört in die Hitliste der großen sozialkritischen Filme wie sie etwas Martin Ritt – „Norma Rae“ – oder auch der amerikanische Dokumentarist Frederik Wiseman gedreht haben.
„Spur der Steine“ ist aber auch deshalb solch kraftvolles, faszinierendes Kino-„Futter“, weil Manfred Krug den Balla spielt. Krug/Balla als selbstbewusster, rotziger, gefühlvoller Rebell, das besitzt
Western-Qualität. Manfred „Balla“ Krug als Clint Eastwood der Armen, der DDR, das ist schon was. Wenn es in diesen heißen Tagen unbedingt ins Kino geht, dann darf man auf keinen Fall an „Spur der Steine“ vorbeisehen. Dieser Film ist gerade in dieser Zeit ein Muss für die Deutschen. In West und Ost (=5 PÖNIs).