SNOWDEN

PÖNIs:       (4,5/5)

„SNOWDEN“ von Oliver Stone (Co-B + R; USA/D 2015; Co-B: Kieran Fitzgerald; basierend auf den Büchern „Edward Snowden: Geschichte einer Weltaffäre“ von Luke Harding + „Time of the Octopus“ von Anatoli Grigorjewitch Kutscherena; K: Anthony Dod Mantle; M: Craig Armstrong; 134 Minuten; deutscher Kino-Start: 22.09.2016); „Wir brauchen ein Kino, das unsere Nerven und unser Herz wachrüttelt!“ ER zählt zu den bedeutendsten wie kontroversesten Filmemachern überhaupt: Der Produzent, Drehbuch-Autor, Regisseur OLIVER STONE, der soeben, am 15. September 2016, 70 Jahre alt geworden ist. Die Filme des dreifachen „Oscar“-Preisträgers („Midnight Express“/Drehbuch; „Platoon“ + „Geboren am 4. Juli“/Regie) zählen, salopp gesprochen, zu den besten „Aufregern“ in der Filmgeschichte. Weil stets aussagekräftig-provokant; politisch brisant, dabei vorzüglich-unterhaltsam-kontrovers. Sein 2008 entstandener Film über George W. Bush – „W. – Ein missverstandenes Leben“ (s. Heimkino-KRITIK) – bedarf immer noch der Entdeckung und Würdigung.

Im Vorjahr kam auch bei uns das mit dem „Oscar“ belobigte Dokumentarfilm-Meisterwerk „Citizenfour“ von Laura Poitras (s. Heimkino-KRITIK) heraus. Thema: EDWARD SNOWDEN. Und die aufgenommenen Gespräche mit ihm, beginnend am Montag, den 3. Juni 2013 in einem Hotelzimmer in Hongkong. Auch für Oliver Stone ist dies der Ausgangspunkt der Aufarbeitung der wichtigsten Lebensstationen des bekanntesten Whistleblowers der Welt. Damals bekanntlich mit dabei: Besagte Dokumentarfilmerin Laura Poitras (MELISSA LEO), der britische Journalist und Rechtsanwalt Glenn Greenwald (ZACHARY QUINTO) und der Verteidigungs- und Geheimdienstkorrespondent der britischen Zeitung „The Guardian“ Ewen MacAskill (TOM WILKINSON). Ihnen „liefert“ Edward Snowden „das Material“.

Edward Joseph „Ed“ Snowden (JOSEPH GORDON-LEVITT). Geboren am 21. Juni 1983 in Elizabeth City, North Carolina. Snowden ist zwar, gesundheitlich bedingt, Schulabbrecher, aber einer mit Ambitionen. Und: Er ist technisch hochbegabt. Die Terror-Attacken vom 11. September 2001 lassen ihn zum Patrioten werden. Er meldet sich freiwillig, um im Irak-Krieg zu dienen, bricht sich aber bei einem Trainingsunfall beide Beine. „Es gibt andere Wege, deinem Land zu dienen“, tröstet ihn der Arzt. 2005 geht Snowden zum Geheimdienst CIA, wo er im Sicherheitsbereich tätig ist und aufgrund seines Talents schnell aufsteigt. 2009 wechselt er zur Beratungsfirma Booz Allen Hamilton, die im Auftrag des Geheimdienstes NSA an der Internet-Überwachung mitarbeitet. Im Rahmen dieser Aufgabe hat er als Techniker auch Zugriff auf geheime Unterlagen. Sein Mentor wird Corbin O‘Brian (RHYS IFANS), ein mächtiger „Big Brother“-Strippenzieher hinter den Geheimkulissen, der von den außergewöhnlichen technischen Fähigkeiten dieses schmalen Burschens beeindruckt ist und dessen Einwände ob der rechtlichen Angemessenheit des geheimen Überwachungshandelns abschwächt: „Die meisten Amerikaner wollen nicht Freiheit, sie wollen Sicherheit“.

Der Rest ist bekannt: Edward Snowden „verlässt“ den Dienst, im Sticker-Gepäck geheime Unterlagen, um die Welt-Öffentlichkeit von den weltweiten Überwachungsmethoden der USA zu informieren. Seit Juni 2013 lebt er, gemeinsam mit seiner Lebenspartnerin Lindsay Mills (SHAILENE WOODLEY), als Asylant in Russland. In den USA wird er wegen Spionage verfolgt. Im Falle einer Verurteilung drohen ihm bis zu 30 Jahre Haft. „Er wusste, was auf ihn zukommt; dass das Spiel schmutzig werden würde. Er wusste, dass sein bisheriges Leben vorbei sein würde“ (Oliver Stone).

Was wollen wir? Sicherheit. Gut. Zu jedem Preis? Wie sieht das aus, „um jeden Preis“? Na ja, auf dass wir „dafür“ in jedem Moment unseres Lebens und an jedem Aufenthaltsort „beobachtet“ werden dürfen. „Privat-Sein“ gibt es, existiert nicht mehr. Ständig, rund um die Uhr, wird auf uns „aufgepasst“. Werden wir überwacht. Vermeintlich aus Sicherheitsgründen. Von wem genau? Das bleibt geheim. Nur mit der Gewissheit, dass dies so ist, permanent stattfindet, sollen wir uns abfinden. Müssen wir uns abfinden. Oder? Das Recht, das dies eigentlich verbietet, vergiss es. Du sagtest es schon: eigentlich. Gedanken zu diesem bedruckend spannenden Film.

Der von einem Nerd erzählt, aus dem … WAS … wird? „Edward Snowden: Held und Verräter“ titelte einst der „Spiegel“ (27/2013). Und: „Allein gegen Amerika“. Oliver Stone verschafft ihm ein Forum. Stellt sich natürlich auf seine Seite und lässt unsere Real-Zeit dabei kreisen: Wie leben wir; wie wollen wir leben; dürfen Gesetze einfach nur Makulatur sein; haben wir überhaupt noch Anspruch auf einen „Rechtsstaat“ beziehungsweise auf dessen Schutz? Oder akzeptieren wir nicht viel mehr „die demokratische Kehrtwendung“, hin zu permanenter geheimer Beobachtung/Überwachung/Ausspionierung? Im Namen der Allgemein-Sicherheit? Überall existieren inzwischen Kamera-Augen: Weitere globale diskutable Gedanken, die der politische Thriller „Snowden“ spätestens hinterher gruselig auslöst.

Und, gleich mit: von wegen Sicherheit. Das Gefühl von individueller Freiheit? Lächerlich. Geworden. Die Paranoia steigt viel mehr. Von wegen: der allgegenwärtigen Bedrohung. Die Kultur der Angst beutet uns mehr und mehr genüsslich und – Stichwort: die gigantische Angstmacher-Industrie – profitabel aus. Lässt die Herrschenden machen und uns lieber kleinlaut verstummen. Im „Spiegel“-Interview (35/2016) erklärt Oliver Stone USA-Fakten: „Wir führen gerade gegen mehrere islamische Länder Krieg, aber kein Mensch redet davon. Allerorten herrscht militärisch-industrielle Glückseligkeit. Wir sind auf dem Weg zu einem gutmütigen Faschismus“.

Ein Mann löscht sein bisheriges, auch finanziell komfortables Leben aus, weil er es mit seinem Gewissen nicht mehr vereinbaren kann und will, wie heutzutage das Individuum Mensch immer mehr nicht mehr stattfindet. JOSEPH GORDON-LEVITT, 35, zuletzt als französischer Seiltänzer zwischen den New Yorker-Türmen in „The Walk“ aktiv, spielt seinen Titelhelden in einer Mischung aus „scheu“ und „wütend“, zwischen „impertinent“ (nach-)denkend, entdeckend, und immer mehr ausbrechen-müssend. Mal als zerbrechlich wirkender, erschrockener Jüngling, mal als selbstbewusster Enthüller. Der nicht mehr Nur-Zuschauer sein will. Und mutig wie äußerst gefährlich handelt.

Ein spannender Unterhaltungsfilm über unsere Zeit. Das 21. Jahrhundert im Spiegel eines packenden, aufklärerischen, nachhaltigen, faszinierenden Meinungswerks. Zu dem ein Abschluss-Satz perfekt passt: „WIR KÖNNEN DAS RECHT NICHT IGNORIEREN, WENN ES UNBEQUEM WIRD. DAS IST NICHT UNSERE ART. WIR ZEIGEN DER WELT, DASS DAS RECHT NICHT DEN LAUNEN STURER HERRSCHER GEHORCHT“ (der Kandidat Barack Obama am 1. August 2007).

(= 4 ½ PÖNIs).

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