Slow West Kritik

Link für Pöni TVSLOW WEST“ von John Maclean (B + R; GB/Neuseeland 2013/2014; K: Robbie Ryan; M: Jed Kurzel; 85 Minuten; Start D: 30.07.2015); ein Western, der wie ein Märchen beginnt. Mit einem „Es war einmal“-ähnlichen Erzähler, der von einem Burschen namens Jay Cavendish zu berichten weiß, über den es offensichtlich lohnt, mehr zu erfahren. Die Zeit: 1870. Der erste Ort: Schottland. Wo sich Adels-Spross Jay (KODI SMIT-McPHEE), gerade mal 17, erstverliebt hat. In die „nicht standesgemäße“ Rose (Caren Pistorius). Es gibt, sagen wir mal, Komplikationen, und danach sind Rose und ihr Vater (Rory McCann) auf und davon. Gen „Traumland“ Amerika. Und was macht dieser emotional überkandidelte Bengel, er reist ihr nach. Will seine große Liebe wiederfinden. Im amerikanischen Westen. In Colorado. Dem Hauptort des Geschehens.

Naiv und besessen ist Jay felsenfest von der Richtigkeit seines Tuns überzeugt. Nur mit einem Revolver und Kompass ausgestattet, macht er sich auf den beschwerlichen wie gefährlichen West-Weg. Und wäre längst zu einem anonymen Toten dieser Härte-Region geworden, wenn nicht ein Fremder namens Silas (MICHAEL FASSBENDER) eingegriffen hätte. Silas, auch der Eingangs-Berichterstatter dieser Geschichte, ist ein Outlaw. Bietet sich zum gekauften Helfer an und zielt auf ganz eigene Pläne. Der kindliche Naivling und der ausgefuchste Cowboy-Stratege: Paar-Ungleicher geht es eigentlich gar nicht.

Leichen pflastern ihren Weg. Denn „Amerika“ zeigt sich von der übelsten Kampf-, also Gier-Seite. Wo nur die Stärksten und Listigsten überhaupt eine Chance haben. Überleben ist, zumindest für diesen Träumer Jay, hier im Grunde völlig unmöglich. Was für ein Glück also, diesen ausgefuchsten, wortkargen Silas an der Seite zu haben. Dabei geht es natürlich einmal mehr um Geld. Präzise: Kopfgeld. Das sich viele gerne verdienen wollen. Also heizen sie dem Jungen und seinem väterlichen Beschützer (mit seinen ganz eigenen Plänen) kräftig wie brutal ein. Der Höllentanz nimmt Fahrt auf.

Wie so oft festgestellt – die Natur. Diese wunderschöne, einzigartige, augen-berauschende Landschaft. (Hier: Neuseeland, das für Colorado wunderschön herhält). Die der irische Kamera-Fuchs ROBBIE RYAN („Philomena“) grandios im prächtigen Cinemascope-Bild einfängt. Dass in solch einer wunderschönen Region „böses“ geschieht, ist angesichts seiner Pracht und Herrlichkeit geradezu eklig. Aber die meisten Menschen hier interessieren sich nicht für Bäume, Grün und Berge und schon gar nicht für die blühenden Gefühle eines liebenden Fast-Erwachsenen, sondern haben handfeste Money-Interessen. Der geschickte und schnellere Umgang mit dem Revolver und Gewehr sichern einzig den Gewinn. Die Existenz. Immer und immer mehr.

Eine Art Philosophie-Western. „Das Herz ist ein einsamer Jäger“, lese ich gerade (Magazin „Ray“). Mit existenzialistischem Geschmack. Die Mythen des Wilden Westens in der Light-Version: Der Poet und der Rowdy. Der Abgesang von Western-Romantik und die Annahme der nun üblichen und sich ausweitenden Zivilisations-Gewalt. Als „Argument“. Zum Weiterleben.

Während Jay von Kodi Smit-McPhee (davor: „Planet der Affen: Revolution“) zu simpel gezeichnet und vielfach unglaubhaft-naiv wirkt, steht Michael Fassbender als charismatischer Solist Silas in der guten Tradition bewährter Westerner wie einst der zynische „Fremde“ Clint Eastwood oder wie kürzlich erst Mads Mikkelsen („The Salvation“). Eigen-interessiert, aber mit menschlichen Regungen.

JOHN MACLEAN, 42, ist Musiker. Gehörte zu den Gründungsmitgliedern der Indie-Gruppe „The Beta Band“. Wurde zum kreativen Kopf hinter ihren vielen bemerkenswerten Videos. „SLOW WEST“, sein Debüt-Spielfilm, erhielt im Januar 2015 auf dem renommierten „Sundance-Festival“ den „Großen Preis der Jury“. Mit seiner außergewöhnlichen Bilder-, also Deutungssprache, seinem lakonischen wie konsequenten Schwarz-Humor und seinem intensiven Spannungs-Rhythmus ist ihm eine exquisite, vielschichtige Western-Parabel gelungen, die Auf- und Ansehen verdient (= 3 ½ PÖNIs).