SHADOW DANCER

SHADOW DANCER“ von James Marsh (GB/Irland/Fr 2011; B: Tom Bradby; K: Rob Hardy; M: Dickon Hinchliffe; 100 Minuten; Original mit deutschen Untertiteln; Start D: 05.09.2013); fiel schon im Berlinale-Wettbewerbsprogramm von 2012 als außerordentliches dichtes Spannungswerk auf und ist jetzt im Kino endlich zu entdecken. James Marsh, 50, aus dem britischen Cornwall stammend und heute im dänischen Kopenhagen beheimatet, erhielt 2008 den „Oscar“ für seinen Dokumentarfilm „Man on Wire“ (über den waghalsigen französischen Balancekünstler Philippe Petit). Hier nun blickt er in einem packenden Psycho-Duell auf Menschen, die – wie wir alle – einfach nur halbwegs gut leben, überleben wollen, was aber an diesem Ort der Welt mit sehr vielen Schwierigkeiten und Problemen verbunden ist. Dabei beginnt die individuelle Radikalisierung für Collette (sensationell: ANDREA RISEBOROUGH) bereits in Kindheitstagen. Als 1973 in Belfast ihr kleiner Bruder bei einer Besorgung, die sie eigentlich für den Vater machen sollte, in einen Schusswechsel zwischen IRA und britische Polizei gerät und stirbt.

20 Jahre später ist sie IRA-Aktivistin und wird in London nach einem Attentatsversuch vom britischen Geheimdienst MI 5 geschnappt. Die Alternative, die ihr Agent Mac (CLIVE OWEN) bietet, ist klar und deutlich: Informationen aus ihrer Umgebung. Dann geht es nicht für 25 Jahre in den Bau, dann darf sie bei ihrem kleinen Sohn und bei ihrer Mutter wohnen bleiben. Fortan steckt Collette in einem moralischen Zwiespalt. Weiter mit und in der IRA kooperieren, wo ihre Brüder mit an vorderster Front beteiligt sind, und zugleich diese verraten. Ein verzweifelnder Zwiespalt für die junge Frau. Zumal man in ihrer familiären Umgebung beginnt, ihr misstrauischer zu begegnen. Aber auch beim MI 5- Mac läuft keineswegs alles so reibungslos. Immer mehr bekommt er mit, dass seine Chefin Kate (die diesmal blonde GILLIAN ANDERSON/“Akte X“) ihr eigenes schmutziges Erfolgsspiel betreibt. Und dabei ist Collette als Opfer auserkoren. Dabei hat Mac ihr Schutz und Sicherheit zugesichert. Alle hier bewegen sich wie Figuren in einem Schachspiel, das mehr und mehr einem griechischen Drama gleicht: Wer setzt den entscheidenden Zug? Und kann dabei den Gegner endgültig vernichten? Wer verliert, wer überlebt? Schließlich???

Ein packender, atmosphärisch düsterer Menschen-Plot. Angesiedelt in wenig wärmenden und schon gar nicht sehr wohnlichen Räumen. Die sich den „kalten Menschen“ angepasst zu haben scheinen. Eng, verwinkelt, muffig, also wenig gastlich. Wo selbst „Familie“ nichts bedeutet, wenn es die radikale innere „Politik“ verlangt. Wo Bruder den Bruder unbarmherzig umbringen würde, wenn es nur „der loyalen Linie“ dient. Die alltägliche „normale“ Gewalt ist 1993 noch an der irisch-britischen Tagesordnung. Und mittendrin: Die „doppelte“ Collette. Die ihren Sohn und sich beschützen will. Und die fanatischen, entschlossenen „Freiheitskämpfer“ bei ihren mörderischen Jagdzügen. Sowie auf der Suche nach einem (weiteren) inneren Verräter-Feind: Codename „Shadow Dancer“.

SIE ist keine Unbekannte, hat vortrefflich in „Brighton Rock“ (2010/neben Helen Mirren und John Hurt) mitgemischt; war die Wallis Simpson im Madonna-Film „WE“ und stakste neulich neben Tom Cruise ziemlich unverbindlich in „Oblivion“ herum. Hier aber gehört IHR ALLEIN die Bühne: ANDREA RISEBOROUGH, 29 (zur Drehzeit). Mit minimalem Aufwand ´rein in die beschädigte Seele von Collette. In diese gespaltene Persönlichkeit zwischen Furcht und Melancholie. Verschlossen, keinerlei „echte“ Gefühle offenbarend. Im permanenten Gewissenskonflikt. Andrea Riseborough vermag „Ahnungen“ sichtbar, deutbar, zu machen. Ohne aufdringlich zu sein oder gar zu übertreiben. Ein dem Zuseher ganz nahe kommender MENSCH leidet. Lautet das sensible Spannungsthema. So oder so. Erlösung nicht vorgesehen.

Der Film „Shadow Dancer“, der Titel ist auch als Existenzblick auf die Untergrundtätigkeiten doppeldeutig zu verstehen, lebt von dieser großartigen Darstellerin und ihrem charismatischen, präsenten Star gegenüber: CLIVE OWEN (Lieblingsfilm: „Shoot `Em Up“). Beide sind die überragenden emotionalen Führungspersonen in einem intensiven Polit-Thriller mit viel faszinierendem Psycho- und schmutzigem Polit-Geschmack (= 4 PÖNIs).