SCHENK MIR DEIN HERZ

SCHENK MIR DEIN HERZ“ von Nicole Weegmann (D 2010; 89 Minuten; Start D: 12.05.2011); dass bei uns die Grenzen zwischen TV- + Kinofilm „fließend“ sind, ist bekannt. Siehe beispielsweise TV-Kino-Hits wie „Männer“ von Doris Dörrie einst (1985) oder „Alles auf Zucker“ von Dany Levi (2004). Jetzt startet im Kino wieder „so was Tolles“ durch. „Schenk mir dein Herz“ hatte im Vorjahr seine Uraufführung beim „Hamburger Filmfest“ unter dem Titel „“Etwas Besseres als den Tod“ und fand viel Zuspruch. Bekam dort den Produzentenpreis zugesprochen. Und „tourt“ jetzt mit kleiner Kopienanzahl durch die Republik.

In der Zusammenarbeit von Drehbuch-Autorin Ruth Thoma („Solino“) und (TV-)Regisseurin Nicole Weegmann („Ihr könnt Euch niemals sicher sein“) entstand ein richtig emotional schöner Schatz von augenzwinkerndem deutschem Unterhaltungs-Movie. Bei dem der „merkwürdige“ Star Alexander Ludwig (PETER LOHMEYER) den fuzzihaften Schlagerton angibt. Vor allem mit seinem Rumpelpumpel-Erfolgshit „Schenk mir dein Herz“. „Merkwürdig“ deshalb, weil DER im Moment „nicht ganz dicht“ ist. Und nach einem groben Herzinfarkt unter massiven Gedächtnisstörungen leidet. Langzeit geht noch halbwegs, Kurzzeit bedeutet wirklich nur „kurze Zeit“. Dann ist gedanklich, erinnerungs-technisch alles wieder „futsch“. Also wird er in eine Klinik beordert. Was ihm natürlich überhaupt nicht behagt. Von wegen „Blöd-Hotel“. „Ohne Minibar“. Und mit diesen „komischen“ ollen Leuten. Wie Heinrich. Heinrich Mutesius (unvergleichlich: PAUL KUHN). Einem Bar-/Jazz-Pianisten, in dessen Gesicht sich viele Konsum-Stunden von Alkohol „& Entspannung“ ablesen lassen. Und der sich HIER nicht mehr die Butter vom Brot nehmen lässt: „Ich bin über 80 und habe keine Lust, meine Zeit mit irgendeinem Entspannungstraining zu verplempern“.

Stattdessen spielt er viel lieber und andauernd Klavier. Mit einigen Gleichgesinnten wie dem Schlagzeuger Max (BERND BIRKHAHN) und einem erkenntnisvollen Bassisten (JOE SYDOW), der die Parole lauthals vorgibt: „Alt-Werden ist scheiße“. Und der weiß: „Den nächsten Schlaganfall überleben wir nicht“. Also soll musikalisch nochmal so richtig „die Post abgehen“. Am besten mit Alexander Ludwig. Der aber benötigt einige Zeit, um alles mitzukriegen. Weil es auch in seinem Privatleben reichlich grummelt. Stichwort: Aktuelle Sänger-Frau (MINA TANDER in Simone Thomalla-Sexy-Pose) gegen Ex-Frau (CATRIN STRIEBECK). Mit inzwischen halbwüchsigem Sohn Jan (Lohmeyers Sohn LOUIS KLAMMROTH/“Das Wunder von Bern“). Wie soll man was halbwegs überschaubar „sortieren“, wenn man so wenig richtig mitbekommt? „Wer war ich eigentlich früher?“, fragt er seinen Manager. Der ihm natürlich zu einem „richtigen Schlager-Comeback“ rät und nicht zu diesem „blödsinnigen“ und kontraproduktiven Jazz-Combo-Experiment. Doch dann entsteht doch der REHA-Blues. „Wir starten durch, obwohl wir keine achtzig mehr sind“, holen alle Beteiligten nochmal tief Luft. Mit dabei nun auch: Der verwirrte, selbstgefällige Egomane von Einst-Schlagersänger, der sich immer alles aufschreiben muss, um es später auch zu glauben.

Die ALTEN sind auf dem Vormarsch. Auf der Leinwand wie auch auf der Bühne: Vor einiger Zeit gab es diesen großartigen britischen Dokumentarfilm „YOUNG & HEART“. Über diese herrliche US-Oldie-Truppe, die anstatt Gospel-Songs den Rock ´n´ Roll auf der weltweiten Bühne kreiert. Und im Berliner „Renaissance Theater“ steht seit Oktober 2009 das Erfolgsstück „EWIG JUNG“ (ständig ausverkauft) mit auf dem Spielplan. Altersheim-Herrschaften proben ausgelassen den Rock ´n´ Roll des Lebens. Vergnüglich. Irre. Als stimmungsvolles Tollhaus. Spaß mit Sinn. Oder umgekehrt. Zwar geht es in „Schenk mir dein Herz“ nicht um den Rock, aber eben auch und vor allem um die MUSIK. Im Allgemeinen und überhaupt. Jazz, Blues, Ballade. Wie gewünscht. Als begeisternde Melancholie. Als emotionale Seelen- und Herzensverbindung. Als Brücke zwischen Menschen verschiedener Orientierungen und Generationen. Grenzüberschreitend wie „heilend“ bei Wehwechen jedweder Art. So kommen Alexander Ludwig, 48, mit dem Aussehen von 38, und Heinrich Mutesius, 85, mit dem Aussehen von 120, gut zusammen. Und aus. Man muss sich nichts mehr beweisen, außer – wir machen jetzt (endlich) mal DAS, was WIR wollen. Und UNS zusagt. Eine beharrlich- schöne musikalische Alterssturheit. Das ist es. Das bringt es. Auf den aktiv-wehmütigen Lebenspunkt.

Ein Juwel von kleinem, feinem deutschen Film. Phantastisch unangestrengt. Leicht, aber nie seicht. Mit zwei wunderbar dominanten wie clever lächelnden Hauptakteuren: PETER LOHMEYER habe ich seit Sönke Wortmanns Endspiel-Komödie „Das Wunder von Bern“ (2003) nicht mehr so sanft-präsent erlebt. Mit einer tragikomisch passenden wie packenden Körpersprache. In seinen vielen Irrungen und Wirrungen. Die Sensation aber ist zweifellos der 82jährige PAUL KUHN. Seines Zeichens hochversierter Jazz- und Swingmusiker. Pianist, Ex-Bandleader (Big-Band beim SFB ab 1968, bis 1980) und Sänger (mit Hit-Gassenhauern wie „Der Mann am Klavier“/1954 + „Es gibt kein Bier auf Hawai“/1963). Vielfach erfolgreich TV-Serien erprobt („Paul´s Party“). Über die Jahrzehnte. Der heute in der Schweiz (in der Lenzerheide) lebt und zuletzt mit Mario Barth die CD „Mensch Berlin“ (2008) aufnahm.
Mit zerfurchtem Gesicht, aber voller lakonischem Optimismus mimt Paul seinen swingenden Heinrich und überzeugt mit seinem grandiosen wie garantiert ungelifteten Poker-Altface. Zuletzt war er übrigens 1959 (!) auf der Leinwand zu sehen, und zwar als „Sänger“ in einer Nebenrolle beim dreifachen Heinz Erhardt-Jux „Drillinge an Bord“.

Es sieht so aus, als habe sich der deutsche Film eine viel zu lange Zeit ein so köstliches wie kostbares Ironie-Talent entgehen lassen: Allein Blues-Man „Paulchen“ Kuhn ist hier das Eintrittsgeld wert. Für diese vorzügliche klein-dufte Swing- & Heart-Show. Bitte mehr davon (= 3 ½ PÖNIs).