Rossini

ROSSINI – oder die mörderische Frage, wer mit wem schlief“ von Helmut Dietl (Co-B+R; D 1996; 110 Minuten; Start D: 23.1.1997).

Wohl noch nie wurden in den letzten Jahren einem neuen deutschen Kinofilm vorab so viele Vorschusslorbeeren zuteil: Viele Interviews, viele lobende Vorab-Kritiken, “Ernst-Lubitsch-Preis“ vom ‘Club der Berliner Filmjournalisten‘, Drehbuchpreis an den Regisseur und an seinen Co-Autoren Patrick Süskind. Hier stellt sich die erste Frage: Ist es gerechtfertigt?
Die nächsten Fragen folgen sogleich: “Rossini“ spielt an einem Ort, an einem Abend, bei einem “Italiener“ “in einer deutschen Großstadt“, wie es im Presseheft heißt. Dabei weiß jeder, dass der “leidenschaftliche“ Münchner Dietl ein bestimmtes Münchner Restaurant meint. Und auch bei den Personen gibt es Hinweise auf “tatsächliche Personen“. Will “Rossini“ abbilden oder ist es ist ein “eigenständiger“ Film?
Also kein Insider-Film – auch, weil es ja vordringlich ums Filmemachen geht?
11 gleichberechtigte Hauptakteure, das dürfte für den deutschen Film einmalig sein, sind diese wirklich gleich/allesamt gut?

Zur 1. Frage:
Absolut. Lassen Sie mich es gleich vorwegnehmen: Der beste deutsche Film/das beste deutsche Kino seit “Schtonk!“. Und den Grund dafür liefert Dietl gleich auch noch selbst mit, indem er sagt: “Ich mache KOMÖDIEN und keine Klamotten“. Zu sehr haben wir es uns nämlich angewöhnt, jeder dieser lappischen Lustspielversuche wie “Irren ist männlich“ oder “Echte Kerle“ als komödiantische Highlights zu bezeichnen. Nach Dietls zweitem Kinofilm “Rossini“ muss es für den deutschen Film/für die deutsche KOMÖDIE andere (nämlich ernstzunehmende) Kriterien geben. Dietl beschämt uns sozusagen auf wunderbare kreative Kino- und Unterhaltungsweise …

Zu den anderen Eingangsfragen:
Helmut Dietl und sein Co-Autor Patrick Süskind beschreiben natürlich zunächst einmal d a s, was sie kennen. Nämlich: Die/Ihre Münchner “Szene“, im Volk gemeinhin auch ‘Schicki-Micki-Szene‘ genannt. Seit 1976 arbeiten sie zusammen. Haben gemeinsam einige Folgen der TV-Serie “Der ganz normale Wahnsinn“ geschrieben. Und haben die vielbeachteten, vielgeschätzten TV-Serien “Monaco Franze“ und “Kir Royal“ verfasst. Die gemeinsame Arbeit am Drehbuch zu “Rossini“ dauerte rund 2 Jahre; und ich empfehle schon jetzt das parallel zum heutigen Filmstart herausgekommene Buch zum Drehbuch mit einem etwa 60seitigen Essay von Süskind.

Aber zu der Frage zurück: Beide haben in München einen “Stamm-Italiener“, und von den Beobachtungen/Erlebnissen/Erfahrungen aus, die in vielen Jahren und Aufenthalten dort gemacht wurden, handelt der Film. Dabei ist er aber keine Abrechnung für irgendwelche Seelen-Qualen, sondern nur Standort und Bestimmung. Was man kennt, wo man sich öfters aufhält:
darüber lässt es sich trefflich sagen und zeigen. Die Personen sind Fiktion und natürlich auch wieder nicht. Insider erkennen Bezüge/Verweise/ Andeutungen zu dortigen Stammgästen. Aber gewiss so, dass keine direkten oder verwerflichen Rückschlüsse gedacht und möglich sind. Deshalb ist es auch müßig zu spekulieren, ob diese oder jene Personen mit Dem oder Der zu tun haben oder nicht.
Nehmen wir doch, so wie die meisten von uns, den Film “pur“ und freuen und genießen wir ihn denn “so“. Als, natürlich ganz eigenständigen Film.

Es ist kein Insider-Film, ganz und gar nicht, und lassen wir uns bitte nicht von solchen Meldungen ver- oder abschrecken. Dann nämlich würden wir auf den Genuss an einem unglaublich, schönen, klugen und sehr unterhaltsamen Film verzichten, und das wäre außerordentlich schade.

Aber nun zum Film-direkt: Abend für Abend
besetzt eine Gruppe illustrer und zahlungskräftiger Leute/Stammgäste, das exklusive Großstadt-Restaurant “Rossini“. “Rossini“ bedeutet für sie Sauerstoff, Bühne, Orgie, Lebensgefühl und Lebensstätte zugleich, sehen wir sie uns doch einmal an: Da ist Uhu Zigeuner, der Regisseur mit Potenzproblemen. Der immer nur “kann“, wenn er einen Film droht. Der sozusagen im “Rossini“ lebt, dort seine Hemden wechselt und seine Post hinschicken lässt. Uhu, gespielt vom wunderbar ‘berlinischen‘ Götz George, hat gerade mal wieder Eheprobleme und ist magenleidend. Der Filmproduzent Oskar Reiter – Heiner Lauterbach – jongliert hier Abend für Abend zwischen Tischen und Personen mit Millionen. Dabei “sackt“ er schon mal kurz auf der Toilette ab, um dann doch seinen “typischen“, also gierigen und schleimigen Bank-Managern eins auszuwischen. Außerdem “teilt“ er sich mit dem Lyriker Bodo Kriegnitz die schöne Valerie: Der eine verteilt dabei Schmuck, der andere Gedichte “Primitive Zipfelspiele“ nennt
Gudrun Landgrebe als Valerie das ewige abendliche Männer-Duell, um dann von Beiden zu kosten.

“Ich will leben und möglichst viel; ich will alles“, erklärt sie das lustvolle Treiben. Zu dem ihr auch der verliebte
Schönheitschirurg rät, der natürlich – wie in einem guten Possenspiel – auch zum festen Repertoire/Gäste-Ensemble gehört: “Sex ist gut für die Verdauung“, lautet der ärztliche Ratschlag. Übrigens Armin Rohde, der grobe Schlächter aus “Der bewegte Mann“, spielt hinreißend aufopferungsvoll diesen feinen Scharlatan. Eine Klatschkolumnistin wird phantastisch vital und
verzweifelt von Hannelore Hoger dargeboten, die zum überforderten Uhu Zigeuner/Götz George die Kernsätze zu trompeten hat: “Du gibst mir
jetzt deinen Schwanz. Ich brauch‘ jetzt einen Orgasmus, sonst kriege ich eine Migräne“. Schwere Anforderungen an einem feinen Ort. An den sich eine aufreizend blonde junge, große, schöne Frau mit dem aussagestarken Namen SCHNEEWITTCHEN begibt.

Veronica Ferres, neulich erst “Das Superweib“, trifft die Lügen/Heuchelei-Bindungen und Verbindungen und die berechnenden Beziehungen vorzüglich: Sie will die Hauptrolle in dem zur Vorbereitung anstehenden deutschen Millionen-Film, und sie will sie um jeden Preis. Ein so attraktives Biest und Luder gab es lange nicht mehr in einem deutschen Film. Dietl führt seine Lebensgefährtin aufreizend unschuldig durch diese Szenerie, die Produzent Oskar Reiter
mit den Worten beschreibt: “Film ist schließlich Krieg“. Seelischer Krieg, dem auch der verliebte/schüchterne/verklemmte Separé-Poet Jakob Windisch/ Joachim Krol ausgeliefert ist. Denn: Um seine Unterschrift geht es, damit die Rechte an seinem “Loreley-“Bestseller endlich vermarktet werden können. Doch Jakob wehrt sich: “Ich will nichts erleben, ich bin Schriftsteller“, posaunt er tapfer heraus und: “Ich schreibe, ich lebe nicht“.

Schließlich der Wirt: Mario Adorf als Paolo Rossini; ein Clown, ein eitler Pfau, ein verliebter alter Gockel mit wunderbaren
Zwischentönen und Chef-Allüren, und doch: Stets “der Benutzte“, der Verlierer, zuständig für die Stich- aber nicht Endworte.
Warum zitiere ich so oft, nenne Dialog-Fetzen wortgetreu?: Weil man bei diesem brillanten Feuerwerk der Gedanken/Einfälle/Bewegungen und bei diesem Personen-Karussell auf jedes einzelne Wort achten muss. Denn: Es sind blitzende, hochkarätige, durchtriebene, intelligente und natürlich oft auch zweideutige Worte und zugleich Pointen. Gescheit, lustig, böse,
dramatisch. Wie alles andere drumherum, und wie auch die weiteren vielen hervorragenden Mitwirkenden:
Ein erstklassiger Film mit einer Ensemble-Choreographie “Rossini ist Schauspieler Entertainment vorn Vortrefflichsten.

Und so ist “Rossini“ wie ein deutscher Robert-Altman-Film (“Short Cuts“/ “Nashville“): Der lebendige Mikrokosmos einer “persönlichen Welt“; vielschichtige eitle Selbstdarstellung einer oberen Gesellschaftsgruppe:
als Ausdruck ihrer dekadenten/stressigen/neurotischen/künstlichen wie künstlerischen Denk- und Lebensweise. Das unterhaltsame Beobachten einer Schicki-Clique als spannende Metapher auf die menschliche Existenz bestehend aus Show und Kunst.

Dietl agiert wie Altman: Er als allgewaltiger Perfektionist und Zampano hat alle und alles im Griff. Die Beteiligten/die Stars vertrauen ihm voll und ganz und öffnen sich bei ihm und lassen sich “fallen“. Während ER als Direktor die Auftritte und “den Circus“ souverän wie glänzend inszeniert. Mitunter sogar bei Nur-Kerzenlicht. Dietl bändigt “seine Promis“, ihre Marotten und Eitelkeiten und bindet sie faszinierend in das Ensembles so dass sie alle zum GESAMTKUNSTWERK mutieren. Das der Regisseur selbst als MELODRAMÖDIE bezeichnet.

Alsdann: “Rossini“ oder: Wenn Kino zum Groß-Ereignis, zum phantastischen Erlebnis wird (= 5 PÖNIS)!