ROMANCE & CIGARETTES

ER ist ein faszinierendes Unikum von US-Schauspieler. Oft mit-dabei, wenn es darum geht, in lakonischen, schrägen, jedenfalls unorthodoxen Movies ebensolche Figuren meisterlich und auch „mit solchem Ton“ zu präsentieren: JOHN TURTURRO, geboren am 28. Februar 1957 in Brooklyn, New York City. Seine Mutter, eine geborene Sizilianerin, war Amateur-Jazz-Sängerin, sein Vater stammt aus Apulien und arbeitete als Zimmermann und Bauarbeiter. An der „State University of New York“ studierte er im Hauptfach „Dramatik“ und beendete sein Studium mit dem „Master of Fine Arts“ an der „Yale School of Drama“. Seine erste kleine Rolle erhielt er 1980 ín Martin Scorseses Boxer-Film „Wie ein wilder Stier“. Bekannt wurde er vor allem mit seinen regelmäßigen Auftritten in den Filmen von Spike Lee („Do The Right Thing“; „Jungle Fever“; „Clockers“; „Spike Lee’s Spiel des Lebens“) und in den Werken der Coen-Brüder Joel + Ethan („Miller’s Crossing“; „Barton Fink“ = Auszeichnung „Bester Darsteller“ bei den Cannes-Filmfestspielen 1991; „The Big Lebowski“/1997/als arroganter Bowler in Pink; „O Brother Where Art Thou?“/2000).

Neben seiner Arbeit als Schauspieler begann John Turturro ab 1992 auch hinter der Kamera, als Regisseur, zu arbeiten: „Mac“ hieß sein Regie-Debüt über einen tragischen Workaholic, in dem er gemeinsam mit seiner Ehefrau Katherine Borowitz auch die Hauptrollen spielte. Bei den Filmfestspielen von Cannes gab es dafür den Preis „Camera d’or“. 1998, in „Illuminata“, einer romantischen Komödie um ein exzentrisches Theater-Vöchen im New York der Jahrhundertwende, auch in Cannes erstaufgeführt, waren die Beiden auch wieder mit von der originellen Performance, gemeinsam mit dem wunderbar „gestörten Theaterkritiker“ Christopher Walken und der „realitätsfernen“ Diva Susan Sarandon. Vor 7 Jahren schuf John Turturro seinen dritten eigenen Film, diesmal „nur“ als Spielleiter und Drehbuch-Autor. Dieser Streifen geistert seit Jahren „hochgelobt“ in der Cineasten-Scene herum, ist oftmals Gesprächsthema, ohne dass man ihn tatsächlich mal gesehen hat.. Er sorgte „auf diversen Festivals für Partylaune“ („Stern“), erreichte aber nie das einheimische Kino. Jetzt endlich lässt er sich „per Scheibe“ als deutsche Premiere beurteilen – und voll genießen:

ROMANCE & CIGARETTES“ von John Turturro (B+R; USA 2005; K: der Eastwood-Kamera-Experte Tom Stern; Mit-Produzenten: Joel und Ethan Coen; 105 Minuten; DVD-Veröffentlichung: 28.09.2012).

Gleich die ersten Vorspann-Worte leuchten: „United Artists und Joel und Etrhan Coen present:“!:
Dann blicken wir ruhig auf einen „mächtigen“ nackten Fuß, währenddessen die Kamera langsam auf das schnarchende Gesicht von JAMES GANDOLFINI weiterschwebt. Das ist jener bullige Hüne, den wir hierzulande vor allem aus der vorzüglichen US-TV-Serie „DIE SOPRANOS“ als Mafia-Oberboss kennen. Und schätzen (lief im ZDF). Aber auch über die Leinwand ist sein „sauer-cooles“ Pokerface aus Filmen wie „Die 12 Geschworenen“ (der Neuverfilmung von William Friedkin/1997; als aggressiver Geschworener Nr.6); „8mm – Acht Millimeter“ oder „Das Spiel der Macht“ bekannt. Hier nun mimt dieser stiernackige Charakter-Breitkopf den Brückenbauer Nick. Einen „Eisenbieger“, der seit vielen Jahren mit der attraktiven Kitty (SUSAN SARANDON) verheiratet ist. Mit seinen Teenager-Töchtern Baby + Constanze sowie mit Adoptivkind Rosebud (!) lebt man „geordnet“ am Rande von New York, in einem Arbeiterviertel in Queens. Doch dann kommt Unruhe auf: Der alte Papa-Bock hat sich auf die geile Dessous-Verkäuferin Tula (grandios wild und sexy-versaut: die rothaarige KATE WINSLET, damals auf der „Titanic“ doch noch so züchtig) eingelassen. Mama ist sauer, mag ihren fremdgehenden Gatten – natürlich – nicht mehr, während er die eheliche Partnerschaft retten möchte.

Klingt wie gehabt, simpel, nach filmischem Was-soll-das??? Hatten wir doch schon tausende und viele schlechte Film-Male? Gewiss, nur eben hier nicht. Denn – „Romance & Cigarettes“ kann nicht nur mit dieser „speziellen Fresse“ von James Gandolfini protzen, sondern auch mit dessen und der Anderen GESANG. Der Film ist ein witzig überkandideltes MUSICAL. Aber eben nicht mit irgendwelchen belanglosen Plärrereien aufdrehend, sondern mit bekannten, populären Hits daherschnarrend. Wie die Schnulze „Man Without Love“ von Engelbert Humperdinck oder „Delilah“ von Tom Jones. Oder mit dem Kreisch-Giganten-Klassiker „It’s A Man’s World“ von James Brown, jetzt dargeboten vom Team „Brückenbauer & Straßenluden“. Und natürlich auch mit choreographischen Spitzeneinlagen von denen urig begleitet. Motto: Wenn Vollpfosten hüpfen. Köstlich. Abgefahren. Schräg.

Mit der magischen SUSAN SARANDON („Thelma + Louise“) als „begabte“ Janis Joplin-Oma; dem unwiderstehlichen neurotischen „Oscar“-Hero CHRISTOPHER WALKEN („Die durch die Hölle gehen“), der ja einst tatsächlich eine Ausbildung zum Tänzer im „Actor’s Studio“ absolviert hat, als ELVIS-Verschnitt („Es gibt Menschen, die fürchten den Herrn – ich fürchte Frauen“). Oder auch mit „unserer“ BARBARA SUKOWA („Rosa Luxemburg“, 1986 Darstellerpreis in Cannes) als flippige, ebenfalls tüchtig gesangsfreudige Nachbarin. Es fallen Sätze wie „Ich will dich küssen, starker Mann“/Kate „Tula“ Winslet zu James „Nick“ Gandolfini, der dann prompt antwortet: „Ich will dir einen dicken, schlabbrigen Kuss geben“. Aber auch mitteilt: „Ich bin kein Denker“. Sex auf dem Friedhof ist auch mal angesagt ebenso wie scharfe Lakritze oder wie eine kurze Diskussion über das beliebte allgemeine wie drängende Thema „Stuhlgang am Morgen“. Sowie dann aber auch eine Denkprobe über die zustimmungsfähige Nick-Feststellung: „Es gibt viele Dinge in diesem Sumpf des Lebens, die keinen Sinn ergeben“. Wohl wahr.

Dieser köstliche Film zählt auch dazu. Schließlich gibt noch der ebenfalls immer wieder unwiderstehliche STEVE BUSCEMI (= gesprochen Buchini) als Nick-Kollege Angelo, der natürlich in diesem Independent-Reigen ausflippender Outlaw-Star-Brüder auch nicht fehlen darf, seine lakonischen, schmutzigen Kommentare süffisant mit-dazu. Ab. Zum Beispiel immer wieder gerne über den „richtigen“ Sex zum Feierabend. Motto: „Jeder Atemzug ist ein Sieg“. Wir erfahren letztlich von einer „Prinzessin Nikotin“, hören von Nick den Ruf „Zu zwei Dingen sollte ein Mann fähig sein – romantisch sein und sich kaputt rauchen“. Gut. Yeah. Okay: Aber mal im ernsten Ironie-Ernst: Worum geht es hier eigentlich und überhaupt wirklich bei diesem „lebensprallen Spaß, der wirkt, als hätten hier alle zu viel Bowle getrunken“ (nochmal: „Stern“): Also erstens – um den wohl ersten tollen RICHTIGEN GERUCHSFILM in der Geschichte des Films, denn man kann dieses schmutzig-fröhliche Zelluloid förmlich aufsaugen, flott prollig einatmen; und zweitens – in der Tat, Zitat Nick: „Es gibt im Leben mehr als einen Ständer. Okay?“.

„Romance & Cigarettes“, diese völlig überdrehte Gassenhauer-Posse, bei dem ein Müllmänner-Chor launisch mit-swingt und schwangere Ballerinas den Sound haben, ist so etwas von schön beknackt, furios rattenscharf, abgedreht stimmungsvoll aufgedreht, dass vor dem Film-Genuss gewarnt werden muss: Begleitende Prozent-Getränke sind hier absolut vonnöten. Was Augen UND Inneres bestens „aufblühen“ lassen. Zum DVD-Probieren jedenfalls dringend empfohlen. !!!!

Anbieter: „Atlas Film Home Entertainment“