Renoir Kritik

RENOIR“ von Gilles Bourdos (Co-B+R; Fr 2011; Co-B: Jérome Tonnerre; nach dem Buch “Le tableau amoureux“ von Jacques Renoir; K: Mark Li Ping Bing; M: Alexandre Desplat; 111 Minuten; Start D: 07.02.2013); auch ein „Meister“, wie man ihn nennt, wird alt. Und physisch gebrechlich. Zum Krüppel. Als wir den großen Franzosen PIERRE-AUGUSTE RENOIR (25.2.1841 – 3.12.1919), d e n Maler des Impressionismus, erstmals erblicken, ist sein Körper nur noch ein Wrack. Die Arthritis bereitet dem 74jährigen starke Schmerzen. Er kann kaum laufen und hält sich in einem Tragsessel aufrecht. Materiell sind er und die Seinen um ihn herum, seine Söhne und das viele weibliche Personal, sich zusammensetzend aus ehemaligen Modellen, Dienstmädchen-Verehrerinnen, Ex-Geliebten, abgesichert. Man residiert in einem prächtigen Landhaus mit wunderschöner Terrasse und üppigem Garten an der malerischen Cote d’Azur. Einem paradiesischen Natur-Fleck. Weit weg vom Krieg anno 1915. Renoir leidet unter dem Verlust seiner kürzlich verstorbenen Ehefrau; arbeitet unaufhörlich. Täglich. Umhegt und gepflegt von seinem Bewunderer-Umfeld. Und trifft auf seine letzte Muse, Andrée Heuschling, eine schöne junge rothaarige Landfrau, die er als Modell engagiert. Und die ihn inspiriert. Zu seinen farbenprächtigen Gemälden: „Ein Bild sollte liebenswert sein, glücklich machen. Tragödien, das übernehmen andere“.

Aber auch: „Man kann ein Bild nicht erklären, man betrachtet es“, lässt Pierre-Auguste Renoir einmal vernehmen: Der französische Produzent, Drehbuch-Autor und Regisseur GILLES BOURDOS, Jahrgang 1963, liebt vor allem die atmosphärische Bildersprache. Mit seinem vierten Kinofilm (zuletzt: „Danach“, 2008, mit John Malkovich) erzählt er von ruhig und besonnen von „seinem“ begnadeten Landsmann in der letzten kreativen Lebensphase, stellt dessen neue Muse in den optischen Mittelpunkt und entwickelt sanft die aufkommende Liebesgeschichte zwischen dem desillusionierten Renoir-Sohn Jean, dem späteren begnadeten Cineasten und Filmemacher („Die große Illusion“), der verwundet aus dem Krieg gekommen ist und seiner Genesung harrt, um wieder an die Front „zu seinen Kameraden“ zu ziehen, und der schönen Andrée. – Wir wissen, SIE wird später (von 1920 bis 1930) seine Ehefrau und übernimmt dann in den Zwanzigern in mehreren seiner Filme unter dem Künstlernamen Catherine Hessling die Hauptrolle -.

„Sanft“ bedeutet hier das emotionale Verständigungsmittel. Zwischen Schönheit und Gedanken. Gilles Bourdos und sein aus Taiwan stammender Kameramann MARK LI PING BING schwelgen. Mit einem faszinierenden emotionsvollen Bilderreichtum. An „Mensch“ und Natur. Landschaft. Die Bewegungen der Frauen an der Quelle, der sichtbare Wind, die einzigartig leuchtenden Farben der Bäume, Sträucher, das „Taumeln“ des Grases. Ein Wasserfall wird zum Motiv-Ereignis. „Renoir“ ist eine filmisch dichte, sonnige, faszinierende bildliche Einzigartigkeit. Jede Einstellung strahlt „wie gemalt“ an. Und aus. Jedes Bild wirkt wie „eine eigenständige Handlung“. Atmet wärmende, humane Lebensfreude. Ist von betörender Sinnlichkeit. Von HERZlicher Sinnlichkeit. „Schmerz vergeht, aber Schönheit besteht weiter“, deutet der alte Maler seine Visionen. Während Sohn Jean eher nüchtern argumentiert: „Mein Vater sieht sich nicht als Künstler. Er sieht sich als Arbeiter der Malerei“.

Ein wunderbarer Film zum Zeit-Nehmen. Innehalten. Genüsslichen Schauen. In einer imponierenden Kino-Galerie. Mit voller atmosphärischer Sogwirkung. Weil mit so formidablen „beweglichen“ Beteiligten. Der 86jährige MICHEL BOUQUET, früher oft ein Bourgeoisie-Fiesling in den Filmen eines Claude Chabrol („Vor Einbruch der Nacht“; „Hühnchen in Essig“), lässt „den Meister“ spüren. Empfinden. Ist ein weises körpersprachliches Spannungsfeld. Als gebrechlicher Farben-Poet. Was für eine souverän-leise, eindringliche mimische Seelenspannung. Michel Bouquet fesselt augenblicklich. In jedem Moment. Seines melancholischen wie schmerzhaften Ausdrucks von Schaffen und Endlichkeit. CHRISTA THERET als lebensfrohe Andrée findet beschwingt wie sinnlich zu diesem „Meister“. Sowohl auf dem Fahrrad wie dann vor Ort. Als gescheites Modell.
Eine konventionelle, schöne Leinwand-Pracht, zum lustvollen Satt-Sehen, inmitten süchtig machender Ruhe.
Herrlich: Der Film „Renoir“ ist stimmungsvolle Kino-Gegenhektik pur (= 4 PÖNIs).