Rebellion

Keine Frage – FRANKREICH ist DAS kreative, innovative FILM-LAND in Europa. Dermaßen viele gute Produktionen aus allen Genres sind seit geraumer Zeit von dort wieder Niveau-Standard. Neuestes Heimkino-Beispiel ist ein politischer Kriegsfilm-Thriller, der auf wahren Begebenheiten beruht:

REBELLION“ von und mit Mathieu Kassovitz (Co-B, Co-Pr, R + HD; Fr 2011; Co-B: Benoit Jaubert, Pierre Geller; nach einem Buch von Phillippe Legorjus; K: Marc Koninckx; M: Klaus Badelt; 129 Minuten; DVD-Veröffentlichung: 18.01.2013).

Bevor wir einsteigen, müssen wir uns mit der Region befassen, in der dieser „packende Film“ („Stern“) angesiedelt ist: NEUKALEDONIEN. Eine noch heute zu Frankreich gehörende Inselgruppe im südlichen Pazifik. Von 1946 bis 2003 war Neukaledonien Französisches Übersee-Territorium, davor französische Kolonie. Seit der Änderung der französischen Verfassung vom 28. März 2003 ist die Inselgruppe eine zu Frankreich gehörige Überseegemeinschaft mit besonderem Status (Collectivité sui generis). Zwei Vertreter Neukaledoniens sitzen in der Pariser Nationalversammlung. Nach den Artikeln 76 und 77 der Französischen Verfassung muss in den Jahren zwischen 2014 und 2019 eine Volksabstimmung in Neukaledonien abgehalten werden, ob die Inselgruppe auch weiterhin unter der Territorialeinheit Frankreichs bleiben will oder die Unabhängigkeit erwerben möchte.
Anmerkung: In Neukaledonien befindet sich eines der größten Erzlager der Welt. 100.000 Tonnen NICKEL, das silbrig-weiße Metall-Mineral, das derzeit weltweit jährlich mit mehr als eine Million Tonnen gefördert wird, kommen jährlich von dort.

Es ist der 22.April 1988. Frankreich befindet sich mitten in der Wahlkampfschlacht um den nächsten Präsidenten. Der 2. Wahlgang wird bald entscheiden, ob Francois Mitterand Regierungschef bleibt oder Herausforderer Jacques Girac die staatliche Führungsrolle übernimmt. Mitten in dieses aufgehitzte politische Wahlkampffieber „stört“ ein Ereignis im ganz fernen „französischen“ Neukaledonien. Dort haben Einheimische einen Stützpunkt der französischen Polizei überfallen und 30 Geiseln genommen. In dem Chaos wurden vier Franzosen erschossen. Die Forderung der Angreifer: Verhandlungen über die Unabhängigkeit, Abzug der Franzosen.
Phillippe Legorjus (MATHIEU KASSOVITZ) ist professioneller Unterhändler: „Mein Job ist es, Leben zu retten“. Der Kommandant einer Antiterroreinheit wird beauftragt, mit seinen Mannen ‚rüber zu fliegen, um die Ordnung wieder herzustellen. Ungewöhnlich jedoch ist, dass der Premiereminister gleichzeitig das Militär mit demselben Auftrag „in Bewegung“ gen Neukaledonien gesetzt hat. „Das Militär hat das Heft in der Hand, und die Politiker wollen, dass wir ihrem Kommando folgen“, erklärt Phillippe seinem Team die schwierige Situation. Denn während ER bemüht ist, über Verhandlungen mit den Rebellen „ruhig“ voranzukommen, möchte „Frankreich“, sprich das Militär, eine möglichst baldige und „erfolgreiche“ Klärung. Beendigung. Dieses eher „lästigen“ Polit-Falles. Von wegen der anstehenden Präsidentenwahl. Während sich also das Militär wie Elefanten im Porzellanladen aufführen und die Einheimischen „amtlicherseits“ komplett zu Terroristen erklärt und behandelt, hat Phillippe mit dem Anführer der Aufständischen, Alphonse Dianou (beeindruckend „fiebrig“-sensibel: IABE LAPACAS), Kontakt aufgenommen. Man kommt „in Gespräche“. Die Aussichten, „dies hier“ besonnen und ohne weitere Verluste über die „Kriegsbühne“ zu bringen, sind vorhanden. Doch im fernen politischen Zuhause wie dann „natürlich“ auch bei der militärischen Obrigkeit lautet das geschätzte Lieber-Motto: „Verhandlungen dauern eben länger, schießen geht schneller“. Schließlich will das große Frankreich bei diesem Fußnoten-Ereignis der Weltgeschichte nicht als „Schwächling“ dastehen. Heißt es. Offiziell dann. Der entsetzte Phillippe kann schließlich nur erschöpft wie desillusioniert konstatieren: „Wir wurden alle verraten“.

Das Ereignis um die „Ouvéa Höhle-Geiselnahme“, wie der Vorgang in den Analen der Geschichte lautet, ist passiert. Am 5. Mai 1988 erfolgte der Befreiungsangriff der Franzosen. Im Original heißt der Film „L’ordre et la Morale“. Ein sarkastischer Häme-Titel. Denn von Ordnung und Moral war damals keine Rede. Mehr. MATHIEU KASSOVITZ, geboren am 3. August 1967 in Paris, gilt als „harter Hund“ des französischen Kinos. Neben seinen Aktivitäten als Schauspieler („Jakob der Lügner“; „Der Stellvertreter“; „München“) provoziert er gerne auch als Drehbuch-Autor und Regisseur. So 1995, als er bei den Filmfestspielen von Cannes mit seinem Debüt-Spielfilm „Hass“ die Gemüter schockte. Für den Schwarz-Weiß-Streifen um 24 Stunden im trostlosen Leben von drei Jugendlichen im Brennpunkt-Viertel von Chanteloup-les-Vignes bekam Mathieu Kassovitz die Auszeichnung als „Bester Regisseur“ und später den „Cesar“ als „Bester Film“. Mit „Die purpurnen Flüsse“ schuf Kassovitz 2000 einen außergewöhnlichen und weltweit vielbeachteten Thriller (mit Jean Reno + Vincent Cassel in den Hauptrollen). Bei seinem neuesten Werk spült er ein Ereignis aus der jüngsten Neulich-Vergangenheit hervor, das „so“ sicherlich nicht in Erinnerung (der Franzosen) sein dürfte. Denen damals seitens gieriger Medien die Widerständler in Neukaledonien eher als „Kannibalen“ denn als Menschen geschildert wurden, die die Schnauze endgültig voll hatten von ihrer ewigen Kontrolle bzw. Dauerbevormundung. Durch das ferne Oberhaupt-Frankreich. Phillippe Legorjus interessierte sich damals weniger um Politik und mehr um Verhinderung. Von Gewalt. Von Blutvergießen. Er setzte auf Verständigung, und aus dieser Sicht folgt der Film seinen Spannungsspuren. Geht sparsam mit Gewalt-Details um und beschreibt die aufregende Atmosphäre zwischen dem stets aggressiven „bereiten“ Militär und den Wenigen, die auf mögliche Eben-Doch-Verständigung setzen. Doch „Angriff ist Eure Art, Probleme zu lösen“, weiß auch der durchaus gesprächsbereite Alphonse. (Der übrigens damals durch einen Schuss verwundet, aber nicht behandelt wurde und dann starb).

„Rebellion“ ist großes Unterhaltungskino mit Anspruch. Setzt ein bis in die kleinsten Rollen und Nebengeräusche erstklassiges Ensemble in glaubhafte Bewegung. Bei dem man von Anfang an den Eindruck der Wahrhaftigkeit und Tatsächlichkeit bekommt: Ja, DAS sind SIE doch wirklich. Oder? Eine überzeugende Darstellerriege. Die der Co-Drehbuch-Autor und Regisseur unaufdringlich vorsteht. Vorgeht. Mathieu Kassovitz inszeniert den Stoff sozusagen als französische Version vom aktuellen Kathryn Bigelow-Kinofilm „Zero Dark Thirty“: Mit vehementen gesellschaftspolitischen (Demokratie-)Gedanken und einer ständigen enormen Spannung in Sachen Fakten und Psychologie. Als Action-Drama mit ausgezeichnetem Polit-Geschmack. Stark erinnernd an die Wirkung des anklägerischen „Z“-Filmes von Costa-Gavras (aus dem Jahr 1968). Motto: „Die Schreibtischtäter“ als Kriegstreiber. Als inhumane Taktiker. Auf Posten, also Macht, und hohe Pensionen („Ehrensold“) versessen. Nicht an Menschen und Menschlichkeit interessiert. Wenn es gerade nicht in den „öffentlichen Kram“ passt.
„Rebellion“ ist ein starker, (SEHR) aufregender Kopf-Thriller. In dem uns ein Alphonse einmal direkt anspricht: „Wenn ihr den ganzen Planeten in Geld verwandelt habt, dann werden WIR die letzten Überlebenden sein“. Unwahrscheinlich? Unvorstellbar?

Frankreich kann auch mit diesem neuen (bei uns: Heimkino-)Film bestens bestehen: „Rebellion“ ist ein ganz großer, also SEHR beeindruckender, spannender Filmwurf. Der im Kino sicherlich in die 5 PÖNIs-Bewertungsnähe gekommen wäre.

P.S.: Es soll gutes Bonusmaterial geben, aber auf meiner DVD war keines drauf. Schade. Hätte mich schon mächtig interessiert, was hier so im ideenreichen Hintergrund geschah. Zum Beispiel um die filmische Vorgeschichte um eine „inspirierende“ Dokumentation mit dem Titel „Die Zeit der Kanaken“ von Olivier Rousset aus dem Jahr 2007. Und auch das „Making Of“ wäre hier sicherlich eine interessante ergänzende Information gewesen. Vielleicht achten SIE beim Ausleihen oder Kauf an DA-DRAUF.

Anbieter: „Capelight“