Prisoners Kinokritik

389.620 Kino-Besucher für einen überragenden Spannungsfilm sind eindeutig viel zu wenig. Deshalb gilt es, auf diesen außergewöhnlichen Thriller anläßlich seiner Heimkino-Premiere erneut hinzuweisen. SpannungsFANS kommen hier VOLL auf ihre Unterhaltungskosten:

PRISONERS“ von Denis Villeneuve (USA 2012; B: Aaron Guzikowski; K: Roger A. Deakins; M: Jóhann Jóhannsson; 153 Minuten; Start D: 10.10.2013); meine Güte, was ist das nur für ein atmosphärischer, packender, großartiger Spannungsfilm! Trotz Überlänge = eine meisterliche Suspense. Durchweg. Der am 3. Oktober 1967 im kanadischen Gentilly geborene Regisseur gab nach zahlreichen Musikvideos und Kurzfilmen mit „Der 32. August auf Erden“ 1998 sein Spielfilmdebüt. Mit dem mehrfach ausgezeichneten Werk „Maelström“ („Genie Award“) wurde im Jahr 2000 der nächste Erfolg eingefahren. Nach einer längeren Pause folgte 2009 das Drama „Polytechnique“ über ein Massaker in Montreal („Best Picture Award“). „Die Frau die singt“ bescherte ihm 2011 schließlich eine Auslands-„Oscar“-Nominierung. „Incendies“, so der Originaltitel, bezeichnete die „New York Times“ als einen der besten zehn Filme des Jahres.

Sein Hollywood-Debüt ist gleich ein Hochkaräter-Movie geworden. Wir befinden uns in einer Kleinstadt. In Pennsylvania. Zu Thanksgiving. Draußen herrscht herbstliche Tristesse. Es ist nasskalt. Grau. Eine allgemeine fade Stimmung. Selbst der matte Anstrich der Häuser bröckelt. Während die befreundeten Familien Dover und Birch zusammen feiern, verschwinden plötzlich die kleinen Töchter der beiden Familien spurlos. Die Polizei wird eingeschaltet und findet bald eine Spur zu einem heruntergekommenen Wohnmobil. Dessen Fahrer ist der etwas debile junge Alex (PAUL DANO). Dem aber nichts nachzuweisen ist. Als er freigelassen wird, rastet der ständig aufbrausende und außerordentlich wütende Keller Dover (HUGH JACKMAN) aus. Nimmt den Jungen „heimlich“ gefangen, um ihn unter Folter zu einem Geständnis zu bewegen. Um den Ort herauszubekommen, wo sich die beiden Kinder befinden. Der ermittelnde Polizist, der bisher jeden seiner Fälle lösen konnte, Detective Loki (JAKE GYLLENHAAL), geht derweil weiteren Recherchen nach und stößt auf böse Spuren. Derweil bemüht sich der raubeinige Handwerker Dover mit seiner selbstgerechten Paranoia und in seinem „heiligen Schmerz“ immer „umfangreicher“, aus diesem großbrilligen verstockten Alex „die Wahrheit“ blutig herauszuprügeln. Die Nerven aller Beteiligten sind extrem angespannt. Und dies wird auch lange SO bleiben. Furchtvoll andauern.

Natürlich, es ist der Alptraum aller Eltern: Das eigene Kind ist „weg“, ein „Versehen“ ist auszuschließen (dummer Spaß, Unfall), also Entführung, offensichtlich. Ein „verrückter“ Verdächtiger ist gefunden, ein schräger Typ, der durch seine linkische „Art“ unangenehm auffällt. DER MUSS ES DOCH SEIN…und: Was würde man selbst tun? Wenn die Verzweiflung und die Wut jedweden Moralverstand außer Kraft setzen? Ehemann und Vater Keller Dover ist ein stark religiöser Denker. Der in seinem alttestamentarischen Fundamentalismus der Überzeugung ist, dass es durchaus gerecht ist, so gemein zu handeln wie er es tut: Wenn du „Dem Bösen“ begegnest, dann bekämpfe es! Hart und direkt. Wie überhaupt hier, an diesem weltlichen Außen-Ort, eine beklemmende Religiosität durchgeatmet wird. Wie sich herausstellt. Um Menschen wieder zum Glauben zurückzuführen, herrscht hier ein „diskreter“ Krieg. Um die „Rückführung“ zu Gott. Selbst Kinder werden mit-einbezogen. Entsetzlich benutzt.

Ein Spitzen-Thriller. Mit immer neuen verblüffenden Entwicklungen, Wendungen, Motiven. Ein gestandener Vater läuft bewusst Amok, während ein seltsam eigenwilliger, mit tiefen Augenringen und einem ständigen Augenzucken „ausgestatteter“ Polizist in und mit ruhiger Gründlichkeit ermittelt. Ihre Interessen sind dieselben, doch ihre „Aktionen“ unterscheiden sich immens. Eine gruselige Atmosphäre. Ohne künstlich hochgefahren zu sein. Ganz im Gegenteil, minimale Bewegungen erregt hier Aufsehen. Vieles braucht gar nicht gezeigt zu werden, ergibt sich kommentarisch aus den Abblendungen. So werden viele (überflüssige) Worte / Erklärungen eingespart. Ein Pfeifen aus einer Trillerpfeife sagt mehr aus als einige Sätze. Der Rest findet im Kopf statt. Genial. Fesselnd. Intensiv. Resolut unter die Haut aufregend kriechend. Mit einem HUGH JACKMAN (einer der „X-Men“), der noch nie darstellerisch so „ausgiebig“ gefordert war und seinen Part als Zorn-Vater Keller furchteinflößend eindrucksvoll ausstößt.

Nicht minder grandios JAKE GYLLENHAAL („Brokeback Mountain“) als stoischer wie undurchschaubarer Ermittler Loki. DER mit einer gefährlichen Aura umgeben ist, obwohl er doch „das Gesetz“ vertritt. Zu vertreten hat. Dabei wirkt er nicht wie ein souveräner Sheriff, sondern eher wie ein Hier- Gestrandeter. Mit seinen Tattoos am Hals und auf den Fingern, dem Gel-Haar und dem bis zum Kehlkopf zugeknöpften hellblauen Hemd. Jake Gyllenhaal zieht permanent Neugier und „heikles“ Interesse an. Passt in diese unruhige Atmosphäre hier, wo selbst der idyllische Wald im Taschenlampenschein bedrohlich wirkt. Kamera-As Roger A. Deakin („James Bond 007: Skyfall“) entwirft virtuose wie durchweg eher leise Düsterstimmungen. Mit enorm viel emotionaler Sog-Wirkung. Während der famose Autor Aaron Guzikowski („Contraband“), der die Thrillerfäden geschickt wie (man schließlich feststellt) stimmig auslegt, den beiden namhaften Ehefrauen MARIA BELLO & VIOLA DAVIS nur eher „zurückhaltende“, begleitende Trauer-Auftritte gönnt. Was dieser „bekloppte“ PAUL DANO als gepeinigter Alex mehr als wettmacht: Was für eine eigenwillig-verschrobene Leidenstype. Paul Dano ist mimisch furchtbar- gut. Angsteinflößend beeindruckend.

Spannend, spannend, spannend. Bis zum verblüffenden Schluss. Nervenaufreibend. Gut. An Ideen, Optik, Darstellung. Denis Villeneuve hat mit „Prisoners“, also „Gefangene“, einen der besten, wenn nicht den (bisher) besten Spannungsfilm des Kino-Jahres geschaffen (= 4 ½ PÖNIs).