Pride Kritik

PRIDE“ von Matthew Warchus (GB 2013; B: Stephen Beresford; K: Tat Radcliffe; M: Christopher Nightingale; 120 Minuten; Start D: 30.10.2014); entweder die Franzosen („Ziemlich beste Freunde“; zuletzt: „Monsieur Claude und seine Töchter“) oder die Briten („Ganz oder gar nicht“; „Brassed Off“; „Kalender Girls“; „Billy Elliot“) – in beiden Ländern ist es öfters möglich, verdammt ernste und schmerzhafte Gesellschaftsthemen in einer tragikomischen Stimmung aufzuarbeiten. Politisch völlig unkorrekt wie wunderbar unorthodox und beeindruckend unterhaltsam. Neuestes hervorragendes Beispiel dafür: „PRIDE“. „Stolz“. Ein großer ernsthafter Spaß.

Politiker sind – eigentlich – Volksvertreter. Von UNS gewählte Vertreter, um UNSERE Interessen vehement zu vertreten. Damit es UNS gut gehen möge. Ein Demokratie-TRAUM, natürlich. Margaret Thatcher (13. Oktober 1925 – 8. April 2013) war als Premierministerin des Vereinigten Königreichs von Mai 1979 bis November 1990 eine mächtige politische Herrschaftsfrau. Ihre Lieblingsformulierung lautete: „There is no alternative“. In ihre politische Ära fiel auch beispielsweise die Verabschiedung der „Clause 28“, einer Gesetzeserweiterung von 1988, die in Großbritannien den Kommunalbehörden (Gemeinden, Schulen, öffentlichen Einrichtungen) eine „Förderung von Homosexualität“ verbot. Einer der Beweggründe der konservativen „Eisernen Lady“ könnte auch solch ein Ereignis gewesen sein, an das dieser Film erinnert und DAS davor, Mitte der Achtziger Jahre, in England für „Unruhe“ = positive Furore sorgte.

Der soziale Horror. Beide „Seiten“ haben Probleme. Die britischen Bergarbeiter befinden sich im Ausstand. Streiken gegen die geplanten Schließungen und Privatisierungen ihrer Zechen. Zigtausende Arbeitsplätze stehen „auf der Kippe“. Nichts Anderes als die Zerstörung eines gesellschaftlichen Gemeingefühls im Lande, hat „Maggie“ auf ihrer rigorosen Wirtschaftsfahne festgeschworen. Nicht der Mensch, sondern „das Geld“ soll künftig die Richtung im Lande vorgeben. Motto: Soziale Bedingungen hintenan. Bestimmt die Volksvertreterin Number One. Aber auch eine andere gesellschaftliche Gruppe leidet ebenfalls unter Thatchers reaktionärer Politik und massiver polizeilicher Willkür: die Schwulen- und Lesben-Szene in London. „Abschaum der Gesellschaft“ titelt eine mächtige britische Zeitung anlässlich der sommerlichen Gay Pride. Die Aktivistengruppe um Mark (BEN SCHNETZER) & Kumpane haben es schwer, Akzeptanz zu finden. Zu Beginn der Aids-Epidemie werden sie noch mehr verunglimpf. Attackiert. Schikaniert. Nichtsdestotrotz: Eine „völlig verrückte Idee“ entsteht: Man sollte „diese Bergarbeiter“ unterstützen. Denen es offensichtlich genauso gesellschaftlich mies geht wie Ihnen.

Die LGSM, die „Lesbian an Gays Support the Miners“, entsteht. Motto: Geld sammeln „für DIE“. Allerdings – wollen „DIE“ offensichtlich gar keine Spenden. Annehmen. Sobald der Name der Spender-Organisation fällt. Doch so leicht lassen sich die Wagemutigen nicht einschüchtern. Nach dem Zufallsprinzip wird eine kleine Bergarbeiter-Gemeinde in Wales ausgewählt, ein bunter Lieferwagen gechartert und ab geht die unorthodoxe Tour in die Provinz. Nach Onllwyn. Wo die „Begegnungen“ allerdings anfangs nicht unbedingt 1:1 ablaufen, im Gegenteil: Vorurteile zuhauf, Anfeindungen und Berührungsängste machen die örtliche Runde. Allerdings gibt es auch im Gemeinderat markige Befürworter für dieses „außerordentliche“ Aufeinandertreffen von Arbeiter- und Gefühls-Klasse. In Gestalt von Helfina (IMELDA STAUNTON/“Vera Drake“), Cliff (BILL NIGHY/“Tatsächlich… Liebe“) und einigen anderen aufgeschlossenen Mitstreitern. Man nähert sich an. Marke: Die Disco ruft. Musikalität vereint. Wenn „Bronski Beat“ (um Sänger Jimmy Sommerville) tobt. Wenngleich auch weiterhin von hasserfüllten Moralaposteln und irritierten Gewerkschaftsbürokraten misstrauisch beäugt. Und bekämpft.

„Pride“ ist überhaupt kein strenger Fahnen-Film. Will keine trockene Botschaft sentimental vermitteln. Sondern vielmehr Spaß auslösen. Mit sehr viel ergreifendem, unterhaltsamen Sinn. (Die Betonung liegt auf SEHR). Im Britannien der Achtziger: Gesellschaftliche Mitte und gesellschaftlicher „Rand“ begegnen sich zufälligerweise, entdecken und finden gesellschaftliche wie persönliche, also individuelle Gemeinsamkeiten. Wie Solidarität, Gleichheit, Freundschaft. Dies kommt nicht als filmische Leid-Gefühlsduselei daher, sondern wird mit SEHR vielem Feingefühl ausgebreitet; zudem herrlich pointiert, also mit diesem unvergleichlichen, ansteckenden „britischen“, gleich trocken-doppelbödigen Humor, einfühlsam erzählt. Sowie in einer überzeugenden menschlichen Warmherzigkeit und mit einer immensen Portion herrlichstem Figuren-Charme – besonders und geradezu köstlich angesetzt bei diesen kauzigen älteren Dorf-Ladies.

Keine blindwütige linke Hau-Drauf-Ideologie tuckert hier vor sich hin, sondern ein lebensbejahendes Feeling. „Gemeinsam“ ist annonciert. Aufbruch. Andersdenkende, Andersempfindende, los – mit hinein in die gesellschaftliche Zusammengehörigkeit. In diesen extrem schwierigen Zeiten. Die Kräfte bündeln. Den unsinnigen Knoten „Widerspruch“ lösen. Anstatt „Dagegen“ „Dafür“. Miteinander und nicht mehr dieses unsinnige Gegeneinander. Stattdessen: Das gegenseitige Akzeptieren. Eine starke, widerborstige Allianz bilden. Die alte verknöcherte Moral hat sich überlebt. Beginnt, sich langsam aufzulösen. Aber eben nicht im Hurra-Stil. Sondern zwischen irritierendem Empfinden und zäher Beharrlichkeit. Jedenfalls: Ein zunächst zaghafter Schulterschluss ist möglich. Machbar. Auf den es ideologisch wie persönlich und emotional aufzubauen gilt. Wie sich dann auch ein Jahr später zeigt, als in London die nächste „Guy Pride Parade“ ansteht.

Der 1972 in London geborene britische Schauspieler („That Thing You Drew“/2010) und erfolgreiche Bühnen-Autor STEPHEN BERESFORD („The Last of the Haussmanns“/seit 2012 im „National Theatre London“) hat ein brillant-gescheites, sympathisch-einfühlsames Drehbuch verfasst. Das sein britischer Kollege, MATTHEW WARCHUS, Jahrgang 1966, seines Zeichens Dramatiker und Regisseur, der 1999 mit dem Spielfilm „Simpatico“ (mit Nick Nolte und Jeff Bridges) im Kino debütierte und der im nächsten Jahr Kevin Spacey als Direktor des Londoner „Old Vic Theatre“ ablösen wird, ebenso humorvoll wie würdevoll inszenierte. Mit einem grandiosen Ensemble aus gestandenen Akteuren und Newcomern. Als politische Briten-Sozial-Komödie vom Feinsten. Vom ALLER-Besten (= 5 PÖNIs).