POINT BLANK – BEDROHUNG IM SCHATTEN

DAS mit „deutschen“ Titelfindungen für ausländische Neu-Filme ist bisweilen ein Witz. Nehmen wir nur einmal das Beispiel um / mit „POINT BLANK“. Stammt aus der englischen Sprache und bezeichnet das Abfeuern einer Waffe aus nächster Nähe. 1967 schuf der britische Regisseur John Boorman unter genau diesem Titel ein US-Meisterwerk des Gangsterfilms. Mit Lee Marvin in der Hauptrolle. Am 25. Mai 2012 kam hierzulande der französische Streifen „À bout portant“ (von Fred Cavaye), also „Aus kürzester Entfernung“, unter dem „deutschen“ Titel „Point Blank – Aus kurzer Distanz“ gleich ins Heimkino (s. KRITIK). Und kürzlich ist wieder SO ein neuer französischer Film bei uns mit dem „deutschen“ Heimkino-Titel „Point Blank“ bedacht worden. Dabei heißt er im Original „Mains Armées“, also „Bewaffnete Raubüberfälle“. Und zählt einmal mehr zu den hervorragenden Angeboten aus dem derzeit „mächtigen“ Filmland Frankreich. Wieso behandelt man ihn also titelmäßig „so“? Hier? Gibt ihm einen „amerikanisch-deutschen“ Allerweltstitel? So dass er NATÜRLICH mit einer solchen „Überschrift“ gleich zu einer vermeintlichen Belanglosigkeit wird? Werden muss? Wenden wir uns also einem exzellenten französischen Spannungsfilm zu, dessen hochkarätiger Genre-Wert offensichtlich nicht einmal mehr seinen deutscher Heimkino- beziehungsweise Titel-Anbieter interessiert:

POINT BLANK – BEDROHUNG IM SCHATTEN“ von Pierre Jolivet (Co-B + R; Fr 2012; Co-B: Simon Michael; K: Thomas Letellier; M: Sacha Sieff + Adrien Jolivet; 109 Minuten; Heimkino-Veröffentlichung: 08.03.2013).

Fangen wir anders an. Gleich mit dem Hauptakteur. In Frankreich längst ein renommierter Star der Leinwand (und des Fernsehens), bei uns bislang wohl „nur“ Cineasten bekannt. Dabei besitzt der am 28. September 1965 im französischen Gennevilliers geborene ROSCHDY ZEM, Sohn marokkanischer Einwanderer, die charismatische, souveräne Ausstrahlung eines „Klassikers“ wie LINO VENTURA. Was auch schon im französischen „Point Blank“-Movie von neulich zu spüren war („Point Blank – Aus kurzer Distanz“), wo er einen „sympathisch“ kalten Gangster spielte. Roschdy Zem strahlt besonnene Autorität aus, Hier in der Figur des Polizisten Captain Lucas Skali aus Marseille. Mit der Bekämpfung des umfangreichen kriminellen Waffenhandels sind ER und sein Team ständig unterwegs. Dabei haben sie eine serbische Waffenschieberbande im Blick, deren Handeln immer brutaler und mörderischer wird. Die Jagd auf sie führt Lucas nach Paris. Wo seine „unbekannte“ Tochter lebt. Lucas hat sie und ihre Mutter vor langer Zeit verlassen. Maya Dervin, seine Tochter (LEILA BEKHTI), ist auch Polizistin geworden. Arbeitet bei der Drogenfahndung. Zwangsläufig kreuzen sich jetzt ihre Wege. Beruflich, aber natürlich auch privat. Was ebenso zwangsläufig zu herben emotionalen Konfrontationen führt. Die wiederum natürlich Auswirkungen auf die gemeinsame gefährliche Ermittlungsarbeit bedeutet. Zumal dabei IHR Chef keineswegs eine saubere Polizei-Weste besitzt. Ganz im Gegenteil. Captain Lucas bekommt es mit vielen prekären, rücksichtslosen „Baustellen“ zu tun.

Mehrere Geschichten. Die zusammenlaufen. Wie im wirkliche Leben. Der in die Jahre gekommene Vater, die inzwischen erwachsene Tochter, die ihn immer vermissen mußte. Diese immens profitable „Arbeit“ von Verbrecherbanden. Heute. Die immer brutaler agieren. Um ans Geld zu gelangen. „Mains Armées“ setzt auf Nähe. Bei den Hauptfiguren. Damit sie uns „ruhig“ bekannt werden. Können. Lässt sich spannend Zeit. Mit den spektakulären Szenen. Auf DIE es sowieso nicht „ankommt“. Vielmehr wird hier Spannung, Anspannung, in vielfältiger Reizlage vermittelt. Motto: Welche Umwege müssen Menschen (mühselig) gehen, um „die Dinge“ zwischen sich aufzuarbeiten. Zu klären. Oder: Mit welcher rücksichtslosen Härte starten Verbrecher durch, um im Zeitalter des reichlichen Kapitalismus „ihren Anteil“ zu bekommen? Wieviel böses Potenzial steckt inzwischen in Menschen? Das nur „herausgekitzelt“ und abgerufen zu werden braucht, damit „es“ losleg? Feuern kann. WIE muss sich „Recht“, Gerechtigkeit, heute verbiegen, um halbwegs mithalten und UNS beschützen zu können? Während die Lebenszeit läuft? Weiterläuft. Und auch abläuft. Wie für einen jungen Kollegen von Lucas.

„Unsere Geschichte ist wie eine Flipperkugel, die jederzeit überall hinspringen kann“, erläutert Co-Autor und Regisseur Pierre Jolivet, 60, im umfangreichen wie sorgfältigen einstündigen „Making Of“-Bonusteil. Und erklärt seinen Film zu einem „intimen Krimi“. Der, wie jeder guter Reißer, „stark codiert“ sei. Diese Code-Signale, Erkenntnisse, herauszufiltern, sollte dem Zuschauer ein reizvolles Vergnügen bereiten. Bedeuten. Und genauSO passiert es hier. Wenn Regen, überhaupt trübes Wetter, die kalte Architektur, die nassen Pflastersteine „Bedeutung“ erlangen. Wenn Gesten, Blicke, überhaupt die ganze Palette von „Körpersprache“, sensibel zum starken Ausdruck, zur feinen Anwendung, kommen. „Point Blank – Bedrohung im Schatten“, oh je, dieser saudumme, blödsinnige Titel kommt mir schwer über die Tastatur, ist ein ganz und gar faszinierender, atmosphärischer Suspense-Film. Mit SEHR charakterstarken Beteiligten an der Rampe: Auch die (hier) unbekannte 28jährige LEILA BEKHTI zeigt als Tochter und Polizistin Maya überzeugend Wut und Reife. Ist eine darstellerische Seelen-Wucht. Zum Demnächst-Aufpassen. Im (hoffentlich) „richtigen“ Kino.

Was für ein formidabler französischer Kriminalfilm. Regisseur Pierre Jolivet, bekannt über die Filme „Verhängnisvolles Alibi“ 1998), „Zim and Co.“ (2005) und „Kann das Liebe sein?“ (2007), hat sich damit in die vordere Reihe der erstklassigen französischen Genre-Filmer katapultiert.
Die UNBEDINGTE Heimkino-Empfehlung gilt!

Anbieter: „Koch Media“