No Country for Old Men Kritik

NO COUNTRY FOR OLD MEN“ von Joel und Ethan Coen (B+R; USA 2007; Start D: 28.02.2008); wurde bekanntlich soeben mit 4 „Oscars“ prämiert: Für den „Besten Film“; für die „Beste Regie“; für das „Beste adaptierte Drehbuch“ sowie für den „Besten Nebendarsteller“ (Javier Bardem). Der Film, der im letzten Frühjahr im Wettbewerb der Filmfestspiele von Cannes seine Uraufführung erlebte, basiert auf dem gleichnamigen, 2005 veröffentlichten Roman des amerikanischen Schriftstellers CORMAC McCARTHY. (Der vielfach für seine Bücher preisgekrönte, heute 74jährige McCarthy wurde 2007 für seinen Roman „The Road“ mit dem Pulitzer-Preis geehrt). Die filmenden Brüder Joel (53) und Ethan Coen (50) machten erstmals 1984 mit dem Film-Noir-Werk „Blood Simple“ beim renommierten Sundance-Festival auf sich aufmerksam. Danach haben sie sich mit Filmen wie „Arizona Junior“ (1987), „Barton Fink“ (1991/“Goldene Palme von Cannes“), natürlich „FARGO“ (1996) und „THE BIG LEBOWSKI“ (1998/mit Jeff Bridges) sowie „O Brother, Where Art Thou?“ (2001/mit George Clooney) und der „unglücklichen“ Neuverfilmung von „Ladykillers“ (2004/mit Tom Hanks) den Ruf als (im besten Sinne) ungewöhnliche, SCHRÄGE Geschichtenerzähler abseits des Hollywood-Mainstreams erwiesen.

Das Auffällige dabei: Neben ihrem ausgeprägten Hang zu schwarzem Humor und dem Film-Noir-Unterhaltungsgenre, entwickeln sie ihren eigenen Filmstil, kombiniert aus Dialogen mit trockenem Witz, scharfer Ironie und teilweise ungewöhnlichen Schockmomenten. Ihre Filme loten gerne die Abgründe der menschlichen Existenz aus, mal auf schrille, mal auf bitterböse Weise. Dabei zeigen sie sich auch als originelle Handwerker-Filmer, die mit einem ganz eigenen, unvergleichlichen Stilgefühl und bisweilen ungewöhnlichen Bildkompositionen aufwarten. Der Begriff KULTFILMER ist bei Joel und Ethan Coen durchaus angebracht/angemessen. Die in St. Louis Park, einem Vorort von Minnesota, als Professoren-Eltern-Kinder aufgewachsenen Brüder haben beide ihren Uni-Abschluss, wobei die Philosophie-Abschlussarbeit von Ethan den Titel trug: „Zwei Ansichten über Wittgensteins philosophisches Spätwerk“.

Ihren neuesten Film kann man als WESTERN mit zeitgenössischem Thriller-Geschmack bezeichnen: Er spielt 1980 in West-Texas, im amerikanischen Grenzland zu Mexiko. Dort, wo die leeren Weiten BESONDERS LEER und die ortsansässigen Menschen BESONDERS TRÄGE (er-)scheinen. Zunächst. Doch der Wilde Westen, so mit guter Tradition, hehren Helden und letztlich gütiger Moral, der existiert hier längst nicht mehr. Vielmehr sind hier jetzt Drogen bzw. Drogengeschäfte an der Tages-/Nachtordnung. Was den traditionsbewusst-gealterten Sheriff Ed Tom Bell (TOMMY LEE JONES) eingangs zu melancholischer Werte-Kommentierung veranlasst. Doch aus dem LAKONISCHEN Gedanken-Blick hier entwickelt sich sogleich ein schrilles Gemisch aus totaler Fiesheit und menschenverachtendem Blut-/Gewaltweg. Das liegt zuallererst an Anton Chigurgh, einem extrem bösen, tiefsinnig-redenden, völlig humorlosen Auftragskiller. Der mit minimalen Mitteln „höchst effektiv“ arbeitet. Und dabei gerne ein Bolzenschussgerät mit Gasflasche herumträgt, das sonst vorwiegend beim Ochsenschlachten benutzt wird, und hier zum Türen-Öffnen (ver-)hilft oder zum Menschen-Töten verwandt wird.

Der Spanier JAVIER BARDEM (gerade „Die Liebe in den Zeiten der Cholera“; „Das Meer in mir“/2004/Auslands-„Oscar“; „Montags in der Sonne“/2002/“spanischer „Oscar“, gen. „Goya“, als „Bester Hauptdarsteller“) mimt dieses schaurig-urige Sadisten-Monster ebenso eindrucksvoll-kalt-nüchtern wie nachhallend-genüsslich-maßlos und lakonisch-gelassen-psychopathisch; äußerlich mit geradezu provozierend-hässlich-schwarzer „Prinz-Eisenherz-Pony-Frisur“ ausgestattet, ansonsten mit geradezu provozierend-ekligem, furz-trockenem No-Humor herumtötend. Der personifizierte Teufel auf Erden, HANNIBAL LECTER ist ihm gegenüber geradezu ein Menschenfreund: Javier Bardem wurde soeben für diese Meisterleistung an menschlicher Amoralität-Figur mit dem Nebendarsteller-„Oscar“ belobigt. Das Pech von Llewelyn Moss (JOSH BROLIN), einem hier ansässigen Vietnam-Veteran, ist es, einmal ZUVIEL Menschlichkeit zu besitzen.

Als der Prekariats-Outlaw in der Gegend Antilopen jagen will, stößt er auf einen zerschossenen Auto-Konvoi. Mit mehreren Leichen, einem Schwerverletzten und einem Koffer, in dem sich 2 Millionen Dollar befinden. Er greift sich den Koffer, verschwindet nach Hause und kehrt nächtens mit einer Karaffe Wasser für den Schwerverwundeten zurück. Und genau DAS war/ist sein Fehler. Denn fortan befindet er sich im Ausnahmezustand. Als Gejagter: Von Anton, dem kompromisslosen Killer; von einer texanischen Drogen-Gang und auch vom Sheriff, der ihm im Grunde helfen will, ihn (be-)schützen will, aber es letztlich doch nicht schafft.

Die Welt/unsere Welt heißt Amerika und ist – filmisch derzeit jedenfalls – auch ein manchmal GANZ böser Ort. Wie hier. Mit fiesen, gierigen, nicht (mehr) „zu heilenden“ Menschen, die entweder andere Menschen jagen, um sie zu vernichten, oder die einfach aufgegeben/resigniert haben. Dieser SO IST ES HALT-Zustand. Den „alten Männern“, von denen der Titel symbolisch spricht, bleibt nichts anderes mehr übrig, als sich höchstens noch in ihre Träume zu flüchten. Wie Sheriff Ed Tom Bell letztlich auch resignierend hier. Ein Thriller der deftig-bösen Illusions- bzw. Ausweglosigkeit, reizvoll-spannend eingefangen, entwickelt, erzählt, mit ausgetüftelter Düster- Lakonie („Sag meiner Mutter, ich liebe sie. Aber deine Mutter ist doch tot. Na, dann sag´ ich´s ihr selbst“), mit harten Gewalt-Bandagen, erinnernd an Genre-Klassiker wie „The Getaway“ von Sam Peckinpah (1972) oder Leones „Zwei glorreiche Halunken“ (1966), garniert mit einer fast surrealen Heute-Ironie.

„Der zweiköpfige Regisseur“, wie die Film-Brüder von Kollegen schon mal genannt werden, hat einen aufregenden, aber durch die explizite Dauer-Gewalt auch ziemlich verstörend-radikalen Cinemascope-Western-Thriller geschaffen (= 4 PÖNIs).