Mit ganzer Kraft Kritik

MIT GANZER KRAFT“ von Nils Tavernier (Co-B + R; Fr/Belgien 2013; Co-B: Pierre Leyssieux, Laurent Berton; K: Laurent Machuel; M: Bardi Johannsson; 89 Minuten; Start D: 04.09.2014); es ist mit die älteste Kino-Geschichte überhaupt: Menschen möchten etwas „machen“, was sie eigentlich nicht imstande sind zu leisten. Eigentlich. Wenn man „ihre Umstände“ betrachtet. Individuell. Und doch haben sie dazu Lust, nehmen Unmengen von Widrigkeiten dafür in Kauf, wollen „dafür“ über sich hinauswachsen. Ihr Da-Sein, ihr Name, soll mit dieser ungeheuerlichen wie triumphalen Energieleistung in Verbindung stehen. Und bleiben.

Julien (FABIEN HÉRAUD) ist von Geburt an behindert. Sitzt im Rollstuhl. Doch „daran“ hat sich der inzwischen 17jährige längst gewöhnt. Zumal sich seine Schwester um ihn ebenso entspannt kümmert wie liebevoll seine Mutter. Diese oft inzwischen ein bisschen „zu sehr“. In ihrer Sorge und Liebe. Und da sind ja noch die Freunde in der Umgebung. Nur Vater Paul (JACQUES GAMBLIN) hat sich sozusagen „abgenabelt“. Hat nie eine „richtige“ Beziehung zu ihm aufgebaut und, im Gegenteil, viel Distanz zu seinem Sohn geschaffen. Der ehemalige Hobby-Leichtathlet kam und kommt ganz offensichtlich nicht damit klar, dass sein zweites Kind mit einer Körperbehinderung zur Welt gekommen ist. Was seine Frau Claire (ALEXANDRA LAMY) immer wütender und verbitternder betrachtet. Paul ist als Wartungsingenieur für Skilifte viel außer Haus. Doch nun hat er diesen Job verloren, und Ausreden gelten nicht mehr. Denn der Bengel hat sich etwas völlig Verrücktes in den Kopf gesetzt. Will mit seinem Vater, inspiriert von einem amerikanischen Vater-Sohn-Triathlon-Team, an der im nächsten Sommer in Nizza annoncierten Veranstaltung „Ironmance France“ teilnehmen: 3,86 Kilometer Schwimmen, danach sofort 180,2 km Radfahren sowie abschließend ein Marathonlauf (von 42,195 Kilometer). Während er natürlich zunächst mit dieser Idee auf Granit stößt, beginnt Julien, die persönlichen wie bürokratischen Hindernisse aus dem Wege zu räumen. Was schon alles andere als einfach für den – allerdings sehr energischen wie engagierten jungen Mann ist. Doch Julien weiß nun genau, was er unbedingt erreichen will und vermag auch seine Eltern „damit“ zäh wie beharrlich anzustecken. Einzubinden.

Das erzählerische Baukastenschema ist bekannt, geht aber „amerikanischen Kraft-Klischees“ diskret aus dem Weg. Indem er sich die verbalen Brüll-Kanonaden und die „übermenschlichen“ Schweißausbrüche schenkt. In einer einzigen, eher nebensächlich formulierten und doch so deutungsvollen Szene beschreibt der Co-Autor und Regisseur Nils Tavernier seine Liebe-volle Geschichte: Julien in seinem häuslichen Zimmer, vor einem größeren Fernglas (James Stewart und das berühmte „Das Fenster zum Hof“-Hitchcock-Motiv). Blickt durch dieses auf die Welt „draußen“. Sieht zuerst Vögel am Himmel fliegen, entdeckt gegenüber (wohl nicht zum ersten Mal) eine junge, sich ausziehende Frau und betrachtet seinen Vater, der mit Kumpels joggt. Der ewige Menschheitstraum vom losgelösten, befreiten Fliegen; der verständliche Wunsch des 17jährigen nach sexueller Erfüllung; die für ihn nicht mögliche Betätigung von „Sport“. Diesen Sport-Versuch wird er nun angehen. Mit seinem Vater. Der Film aber beschränkt sich nicht auf heroische „Rocky“-Trainingseinheiten und dem bekannten sich-selbst-Mut-machenden Dauergelaber, sondern vermittelt sensibel wie besonnen etwas von den seelischen wie gedanklichen wie beziehungsfeinen Bewegungen und Veränderungen im Umfeld durch das Vorhaben dieser kleinen Gemeinschaft von Familie und Freunden. Was zu einem unterhaltsamen Spannungsdrama führt. Im Außen wie im Innern der Beteiligten.

Sein Vater ist BERTRAND TAVERNIER, sein Paten-Onkel Volker Schlöndorff. Der am 1. September 1965 geborene NILS TAVERNIER stand schon als Kind vor der Kamera seines berühmten Regie-Papas („Verwöhnte Kinder“/1977), später dann auch in größeren Parts in den Filmen seines Vaters („La passion Béatrice“/1987; „D’Artagnans Tochter“/1994) oder berühmten Filmemachern wie Claude Chabrol („Eine Frauensache“) oder Milos Forman („Valmont“), bevor er 2003 die Schauspielerei aufgab und sich vermehrt dem Kurzfilm und dem Dokumentarfilm zuwandte. Sein erster eigener Langspielfilm entstand 2006 und thematisierte seine große Leidenschaft, den Tanz: „Aurore“, ein Märchen aus der Welt des Tanzes, mit u.a. Carole Bouquet. Mit der abendfüllenden Dokumentation „Destins de familles, face à la maladie d’un enfant“ beschäftigte er sich schon 2011 mit dem Thema Kindheit und Behinderung. Sein aktueller Film ist stimmig Erwachsenen-besetzt und besitzt mit der Entdeckung FABIEN HÉRAUD, einem behinderten jungen Mann, eine mental verbundene Julien-Seele. Dessen Spiel ist glaubhaft. Unverkrampft. Überzeugend. Gelöst. Setzt starke Sympathiepunkte.

Der deutsche Untertitel bringt es auf den Punkt: „Hürden gibt es nur im Kopf“. Was fein emotional bestätigt wird (= 3 ½ PÖNIs).