Mimi – In seiner Ehre gekränkt Kritik

Manchmal ist es beim Film wie beim Wein. Je älter der Jahrgang, je besser die Qualität. Dies unterstreicht einmal mehr und mit Vehemenz der 1972 entstandene Film „MIMI – IN SEINER EHRE GEKRÄNKT“ von Lina Wertmüller (B+R; It 1972; 112 Minuten; Start D: 1989).

Mimi, das ist der wunderbare Giancarlo Giannini als naiver Sizilianer, der noch an Treu und Glauben und an das Wahlgeheimnis glaubt. Aber kaum ist die Wahl vorbei, ist es auch um ihn geschehen. Die dörfliche Mafia ist sauer darüber, dass Mimi nicht ihren Vertreter gewählt hat und kündigt ihm den Job in einer Schwefelgrube. Also macht sich der Bursche auf in den Norden nach Turin, wo es seiner Meinung nach nicht nur genügend Arbeit, sondern auch reichlich Freiheit gibt. Aber kaum angekommen, landet er auch da im Kreis der ‘Sizilianischen Brüderschaft‘, die alle und alles unter Kontrolle hat und Stinker und Aufrührler gar nicht mag. Aber Mimi hat einen wenn auch entfernten Schutzpatron, so dass seinem Aufstieg vom Bau- zum Metallarbeiter nichts im Wege steht. Seiner Familie teilt er seinen Karriereweg in einem begeisterten Brief mit. Und wer Erfolg hat, braucht auch Anerkennung. In Italien nennt man die ‚Amore‘.
Zwar weiß Mimi Zuhause schon eine Ehefrau, aber Sizilien ist weit weg und überhaupt…, wo doch Fiore (gespielt von der hinreißender Mariangela Melato) nicht nur gut aussieht, sondern auch noch klug und selbstbewusst ist.

Aber damit ist längst noch nicht alles vom Metallarbeiter Mimi und seinem Liebes- und Leidensweg gesehen und gesagt. Er muss natürlich in seine Heimat zurück und sieht sich nun mit offiziellem und heimlichem Liebesleben konfrontiert. Und als seine Frau ihm ebenso ‘Hörner‘ aufsetzt, tritt er zum großen Rachegang à la ‘Verdi‘ an. Am Ende ist er wieder ein genauso armseliges, einsames Dorf-Würstchen wie am Anfang.

“Mimi – In seiner Ehre gekränkt“ ist ein radikales Bild auf italienische Mentalität und Zustände. Vier Jahre nach 1968 holte Lina Wertmüller zum großen Schlag aus. Schuf eine gepfefferte Gesellschaftskomödie als bitterböse Satire auf alles, was dem Süden teuer und heilig ist: Mafia, Amore, Korruption, Politik, Oper. Dabei ging die wütende Regisseurin, prachtvoll unterstützt durch ein hervorragendes Darsteller-Ensemble, ebenso vulgär und hemmungslos vor, wie es die Zustände sind, die sie attackiert. Rechts wie links bekommt reichlich ihr Fett ab und wird kräftig beschmaddert und vorgeführt. Das Leben eines Durchschnitts-Italieners ist das eines Opportunisten und Dämelsacks, aber das ist bei diesen tückischen und gemeinen Verhältnissen auch kein Wunder, lautet ihr betrübliches wie vergnügliches Resümee.

“Mimi – In seiner Ehre gekränkt“ von Lina Wertmüller, der Film könnte auch “Der Macho und die Doppelmoral“ heißen, ist Sozialkritik mit Verdi-Touch. 1972 bekam der Streifen beim Filmfestival von Cannes den Regie-Preis, erst 1989 ist er hierzulande erstmals im Kino zu sehen. Ein Meisterwerk à la Fellini. Nur viel böser…(= 4 PÖNIs).