MENASHE

„MENASHE“ von Joshua Z. Weinstein (Co-B + R; USA 2015/2016; Co-B: Alex Lipschultz; Musa Ayeed; K: Yoni Brook; Joshua Z. Weinstein; M: Bertrand Rosenkvist; Aaron Martin; 83 Minuten; OmU = Jiddisch mit deutschen Untertiteln); Filme sehen, „begutachten“, ist manchmal wie: sich auf eine Reise zu begeben. Hin zu fremden Orten, zu interessanten Personen, die uns mit spannenden Geschichten versorgen. „MENASHE“: An diesem Ort, bei diesen Menschen, war ich filmisch noch nie.

Wir befinden uns – heute – in Borough Park, im orthodox-jüdisch geprägten New Yorker Stadtteil Brooklyn. Innerhalb der größten Chassidischen Gemeinde außerhalb Israels. Hier zu leben, ist strengen Regeln unterlegt. Denn die chassidische Religions-Kultur lehnt moderne Errungenschaften wie Smartphone, Internet, Radio, Fernsehen und Filme ab. Der Ruv, der Rabbi, ist der Entscheider. Bestimmt, wie der Einzelne, die Familien, ihr Leben innerhalb der Gemeinschaft auszurichten heben. Er zitiert die Thora und weist darauf hin, dass ein Leben nur „richtig“ ist, wenn ein Mann mit einer Frau zusammenlebt, sie Kinder haben und in einem gepflegten Haus mit schönem Geschirr leben. Nichts von dem besitzt Menashe (MENASHE LUSTIG). Seit einem Jahr ist er Witwer, die einstige Zwangsheirat verlief für ihn „unglücklich“, sein Rat zu einem Bekannten lautet: „Heirate nicht. Das ist gesünder!“; und als leicht chaotischer Supermarktverkäufer kämpft er jetzt um das Sorgerecht seines Sohnes (RUBEN NIBORSKI), was nach der strengen Auslegung der Thora nicht möglich ist. Sondern nur mit einer neuen ehelichen Gefährtin akzeptiert wird. Derzeit lebt sein Sohn bei seinem reichen Vetter. Während Menashe finanziell kaum über die Runden kommt. Aber: Er ist ein liebenswertes Schwergewicht. Und so bemüht er sich, einen unmöglichen Emanzipationsprozess in Gang zu bringen. Gegen alle strikten Regeln, gegen seinen „bösen“ Schwager, gegen den „Chef“. Menashe, den sie alle nur „Schlimassel“ nennen, „Pechvogel im Schlamassel“, begehrt auf. Zumindest für eine erste Weile.

JOSHUA Z. WEINSTEIN wurde 1983 in New York City geboren. Von 2001 bis 2005 absolvierte er ein Filmstudium an der Boston University. Für seine Arbeit als Fotograf wurde er mit dem „Picture-of-the-Year“-Award ausgezeichnet. Nach zwei Dokumentarfilmen ist „Menashe“ sein Spielfilm-Debüt. Für das er zwei Jahre in der ansonsten „uneinsehbaren“, abgeschotteten chassidischen New York-Gemeinde gedreht hat. Zwei Jahre schuf er gemeinsam mit echten Haredim, Ultraorthodoxe, vor Ort diesen Film. Und wagte ein außerordentliches, riskantes ethnografisches Experiment. Denn der Hauptdarsteller MENASHE LUSTIG ist auch in Wirklichkeit Supermarktverkäufer, Witwer, Vater und Chasside und spielt sich hier selbst. Erklärte sich – gemeinsam mit Gleichgesinnten – bereit, bei diesem „speziellen“ Filmprojekt mitzumachen, wobei sie allesamt Jiddisch sprechen.

Die Authentizität ist enorm. Ebenso wie das mögliche Eintauchen in diese spezielle Welt. Mit diesen ganz anderen Werte-Eigenschaften und formalen Lebensgrundlagen. Dass der Film so unterhaltsam herüberkommt, liegt an diesem überragenden Titelhelden, MENASHE LUSTIG, der 2006 als erster chassidischer Jude begann, ein Video auf YouTube zu veröffentlichen. Bis heute ist er in mehr als drei Dutzend selber entwickelten Clips aufgetreten, zudem tritt er inzwischen auch als Stand up-Comedian auf. Der Film, der beim „Sundance Festival“ im Januar 2017 sowie anschließend auf der Berlinale innerhalb der „Forum“-Reihe lief,  beruht auf weiten Teilen auf seiner Lebensgeschichte. Und: Er beabsichtigt, als Filmschauspieler weiterzumachen. Man darf gespannt sein.

„MENASHE“, der Film, bedeutet: eine interessante, spannende neue Film-Reise anzutreten, mit sehr viel Kopf- und Herz-Wert (= 4 PÖNIs).