Mein ziemlich kleiner Freund Kritik

MEIN ZIEMLICH KLEINER FREUND“ von Laurent Tiard (Co-B + R; Fr 2015; Co-B: Grégoire Vigneron; nach dem argentinischen Film „Corazón de Leon“ („Das Herz eines Löwen“) von Marcos Carnevale/2013/bei uns nie zu sehen gewesen; K: Jérome Alméras; M: Eric Neveux; 99 Minuten; Start D: 01.09.2016); sie sind ein ideales Paar: Alexandre (JEAN DUJARDIN) und Diane (VIRGINIE EFIRA). Alexandre ist ein erfolgreicher Architekt, sie eine gutsituierte Anwältin. Sie hat ihr Handy verloren, er hat es gefunden. Hat sie deshalb angerufen, man verabredet sich in einem Bistro zur Rückgabe (ER: „Ich bin nicht zu übersehen“). Alles ist gut. Sehr gut sogar. Bis auf die klitzekleine Tatsache: Alexandre ist nur 1 Meter 38 groß. Beziehungsweise klein. Wenn er sich auf einen Stuhl hievt, baumeln seine Füße über dem Boden. Doch er ist ein erstklassiger Charmeur. Geistreich, witzig, kultiviert. „Aktiv“. Schleppt sie sogleich zu einem Fallschirm-Absprung ab. Sozusagen und buchstäblich: Hals über Kopf ins kalte Gefühlswasser, in das magisch anziehende Unbekannte. „Es“ funkt. Langsam, aber sicher.

Wir sind genormt. Formatiert. Alle. Sind geeicht auf bestimmte Regeln. Der Mann sollte immer etwas größer sein als seine Partnerin. Erhebliche Altersunterschiede bei Paaren sorgen für Misstrauen. Beide „gesund“ ist am besten. Wenn dies nicht „eingehalten“ wird, sind wir überfordert. Der Aussehens-Rassismus. Was aber ist, wenn diese Regeln von einem Paar durchbrochen werden? Klar: Aufsehen garantiert. Und viele hämische Kommentare. Hier, bei ihr: Von ihrem Ex in der Kanzlei, einem eifersüchtigen Chauvi durch und durch, und von ihrer Mutter, die bei ihrer Tochter von einer „Reise ins Reich der Extreme“ spricht. Alexandre einen Zwerg schimpft. „Ich lebe mit einer Behinderten zusammen“, kommentiert dagegen ihr gehörloser Gatte die Äußerungen seiner Ehefrau. Ihm ist es offensichtlich egal, wie „das“ aussieht zwischen Alexandre und seiner Tochter. Hauptsache, sie verstehen sich.

SO ETWAS vermögen offensichtlich nur die Franzosen. Eine warmherzige Romanze mit „solch“ einem Gesellschafts-Thema pointiert-amüsant wie ernsthaft-schelmisch prächtig zu erzählen. In einer ironisch-sensiblen Gefühlsart, dass es weder verletzend noch lächerlich ist, sondern prickelnd-interessant wie höchst amüsant wird. Ein kleiner Mann und eine mittelgroße Frau. Man lernt sich kennen, sie ist von ihm und von sich (und ihrem Kribbeln im Bauch) überrascht, ist perplex („Sobald ich alleine bin, finde ich es grotesk“); er öffnet sich von wegen ewiger = dauerhafter „öffentlicher“ Verletzungen („Die Leute starren mich an, oder sie schauen weg“); dennoch hat er sich selbstbewusst, clever und begabt hochgearbeitet, gilt als eine Koryphäe in seinem Beruf, anerkannt und respektiert. Ist bestens geeicht in seinen Umgangsformen. Während sie sich eingestehen muss, dass ihr taffes „großes“ Auftreten so langsam schmilzt. Gleichwohl in ihr sich die Nerven mit den Emotionen zünftig duellieren.

Das alles: Ein permanenter Spaß zum Viel-Schmunzeln. Mit außerordentlichem Dialog-Spaß. „Un homme à la hauteur“, also „Ein Mann auf der Höhe“, ist auf dem niveauvollen, köstlichen Komödien-Level wie „Ziemlich beste Freunde“. Mit überraschenden Einfällen, verblüffenden Bauch-Resonanzen, superben Emotions-Motiven. Als zutiefst menschliche Toleranz-Hymne. Und auch in den Nebenparts ohne alberne Witz- und Stichwort-Figuren auskommend; sowohl die „kuriose“ Kanzlei-Sekretärin (STÉPHANIE PAPANIAN) wie auch Alexandres schlusiger erwachsener Sohn (CÉSAR DOMBOY) sind „inspirierend“ mit-dabei.

Natürlich: Die Technik. WIE haben sie DAS hingekriegt, aus dem 1 Meter 82 großen „Oscar“-Schauspieler JEAN DUJARDIN („The Artist“) einen kleinwüchsigen starken Alexandre „herzustellen“? Ergebnis: Bewundernswert. Weil nie blöd oder denunzierend wirkend, sondern sympathisch-einfach-normal. Er mimt auch in dieser Größe den stattlichen Lover mit Format. Die blonde VIRGINIE EFIRA, 1 Meter 75 groß und bei uns noch in dem Open-Air-Sommerkino-Hit „Birnenkuchen mit Lavendel“ zu erleben, zeigt als verunsicherte Diane, die ihre Vorurteile und Ängste überwinden will, überzeugende Tiefe. Mit glaubhaften Dur- und Moll-Seelen-Spuren.

„Mein ziemlich kleiner Freund“ ist eine wunderbare Romanze wie sie Ernst Lubitsch heute auch filmisch stemmen würde: Fröhlich-tief und gefühlvoll-klug (= 4 ½ PÖNIs vom, lt. früheren Ausweisen, 1 Meter 65 „mittelgroßen“ PÖNI).