Meeting Evil DVD-Kritik

Wenn „solch ein Typ“ an meiner Haustür stehen würde, wäre ich sofort „hellwach“. In Sachen Vorsicht. Würde eher zu freundlicher, aber bestimmter Ablehnung neigend. Dieser Typ nennt sich Richie, ist ein Glatzkopf-Schwarzer von gefühlten 2 Meter 50,. Ist äußerlich pikobello ausgestattet, mit feiner dunkler Anzug-Präsenz, und strahlt das Image eines „gefährlichen Reptils“ aus. Drückt sich ebenso cool-sicher wie scharf-„bestimmend“ aus. Angenehm wie aber auch leicht anmaßend sozusagen. Sein Wagen sei gerade liegengeblieben, er benötige Hilfe. Von Haustür-Aufmacher John. Wenn DER jetzt halbwegs bei klarem Verstand wäre, würde ihm dieser Verstand signalisieren, nein, tut mir leid, kann nicht, geht nicht. Will nicht. Und Türe zu. Doch John ist angeknockt. Im wahrsten Sinne. Und so kommt es wie es sich anspürt: John fühlt sich irgendwie bürgerlich-moralisch-höflich verpflichtet. Was ihn sogleich voll „in die Kacke“ wirft. In die totale Lebenskacke. „Sie sind ein unglückseliger Mensch“, wird sich Polizist Frank später einmal über ihn äußern.
Der Film ist bärenstark, wenn man bereit ist, nicht nur gut zuzusehen, sondern – und vor allem – auch SEHR GUT zuzuhören. Deutsche Premiere eines ganz und gar außergewöhnlichen Kopf-Thrillers mit dem originalen wie „deutschen“ DVD-Titel:

MEETING EVIL“ von Chris Fisher (B+R; USA 2011; nach einem (unbekannten) Roman von Thomas Berger; 85 Minuten; DVD-Veröffentlichung: 26.7.2012).

Wer will heute in der USA-Provinz noch Immobilien kaufen. Mitten in dieser Krise. Makler John hat es dick erwischt. In der Nachbarschaft stehen schon die Häuser zum Verkauf, gepfändet von den Banken. In seinem Briefkasten befinden sich unbezahlte Rechnungen, Mahnungen, und an seiner Tür hängt der Zwangsvollstreckungsbescheid. Da kann selbst seine Familie, die resolute Gattin Joanie (LESLIE BIBB) und seine beiden Kinder, ihn nicht aufmuntern. Selbst heute nicht, an seinem Geburtstag. Zu deprimierend und existenzgefährdend ist der Alltag geworden. Beziehungsweise: Das heute eigentlich aussichtsvolle Geschäft kam dann doch nicht zustande. So langsam ist die finanzielle wie seelische Belastbarkeitsgrenze erreicht. Als Frau und Kinder in die Stadt abgedüst sind, taucht nun auch noch ER auf. Richie: „An so einem schönen Tag kann man vergessen, dass es Böses auf der Welt begibt“, motiviert er John. Der sich plötzlich mit diesem „unglaublichen“ Kerl „verbunden“ sieht: „Wir ziehen jetzt an einem Strang“, befindet Richie und beginnt lächelnd-selbstverständlich „aufzuräumen“. Wer „Probleme“ macht oder für solche „zuständig“ ist, wird umgenietet. Gekillt. John kapiert es immer noch nicht. Appelliert und handelt „nach Anständigkeit“. Will die Polizei und dieses ganze gute Gerechtigkeitssystem in Gang setzen. Klappt aber nicht. Weil sich ständig Richie einschaltet: „Dein Leben lang hast du den Dingen den Rücken zugekehrt…“, gibt DER die Moral-Botschaft an seinen „Kompagnon“ vor. Und warnt zugleich: „Hör auf, mich lesen zu wollen; ich habe meine ganz eigenen Vorstellungen“. Die da beispielsweise lauten: „Die Welt tut den Menschen weh, ich komme erst danach“. Denn: „Ich töte DIE, die längst schon tot sind“.

Ein guter oder sagen wir – ein ordentlicher Mensch auf dem Tiefpunkt. Gebeutelt und gebeugt. Kurz vor dem existenziellen Aus. Abgrund. John (LUKE WILSON). Dennoch sucht er nach „sauberen“ Lösungen. System-immanenten Lösungen. Schließlich gibt es Regeln, nach denen alles funktioniert. Funktionieren sollte. Und diese Regeln, Gesetze, sind definitiv einzuhalten. Sagt er. Denn sie gelten ja für alle. Und alles. Sind für jeden verbindlich. Meint er. Glaubt er. Also handelt er auch dementsprechend: „Ich hab‘ Vertrauen“. Und muss sich von diesem Richie eines „Besseren“ belehren lassen. „Bist du bereit zu kämpfen?“, lockt ihn der zynische, kalte Typ. Die Welt ist böse, soll John endlich begreifen und sich „entsprechend“ darauf einstellen. „Oder geh‘ raus und lüge weiter“. Richie, der sich auch schon mal von John an einer Filmstelle Rich (= reich) nennen läßt, ist sich absolut sicher, dass SEINE „Konfliktlösung“ die einzig richtige, machbare, „vernünftige“ ist. Auge um Auge. Kugel in Körper. Die aktuellste Bibel-Interpretation. Im Ami-Country. Heute.

Ein teuflischer Thriller. Spannend und mit exzellentem Philosophie-Geschmack. Der gute Bürger und sein satanischer „netter“ Verführer. Der ihn umpolen und endlich „in die gemeine allgemeine Spur“ bringen möchte. Marke: Existenzkampf „auf Augenhöhe“. Mit Gewalt. Wird John, der Naive, Überrumpelte, Anständige, sich einfangen lassen? Wird er dies annehmen? Und übernehmen? Um überhaupt weitermachen zu können? Und: Wie lange eigentlich lässt er sich noch „so“ übel dauer-demütigen??? Oder können ihm der ermittelnde Polizisten-Melancholiker Frank (MUSE WATSON) und seine toughe Kollegin Latisha Rogers (TRACIE THOMS) noch helfen? Obwohl sie doch John „eigentlich“ für den wahren Übeltäter halten? Der das „Gemeinwohl“ in dieser Gemeinde erheblich „stört“? Also endlich einzufangen ist. Damit wieder „Frieden“ herrscht.
Schließlich, wieder: At Home. Im Haus der Familie. Wo sich ALLE einfinden. Zum Show Time-Finale. Bei dem ein neuer und ebenfalls sehr unanständiger Verdacht auftaucht und die weitere Gedanken-Runde macht…

Was für eine reizvolle Atmosphäre. Was für ein Duell zwischen SAMUEL L. JACKSON & LUKE WILSON. Der massige 62jährige „Pulp Fiction“-Star als Richie gegen das sympathische Weichei, gegen den 40jährigen Texas (Dallas-)“Boy“ und Owen Wilson-Bruder LUKE, alias John, der Gesichts-bekannt aus Filmen wie den beiden „Natürlich blond“-Movies mit/neben Reese Witherspoon ist oder in Streifen wie „Motel“ (2007/mit Kate Beckinsale) und „You Kill Me“ (neben Sir Ben Kingsley/2008) auffiel. Beide sorgen in und mit ihrem „intimen Fight“ für eine dämonische wie kraftvolle Sogwirkung. In Sachen Böse & Etwas-Gut. Moral & Seele. Unrecht & Weniger-Unrecht. Heute.
Der mit kleinem Budget hergestellte Film des kalifornischen Drehbuch-Autors, Regisseurs und Produzenten CHRIS FISHER, 37, dessen Hauptinteresse in seiner Arbeit der Auseinandersetzung mit den dunklen Seiten menschlichen Daseins gilt, der 2003 seinen Regie-Erstling „Nightstalker – Die Bestie von L.A.“ auf der Berlinale vorstellte und viel für das US-Serien-Fernsehen arbeitet („Hawai Five-O“), besitzt lakonischen schwarzen Gesellschaftshumor. Der starke und der schwache Mensch. Im „unreinen“ Duell. Wie er hier dies entwickelt und schließlich zusammenfügt, ist faszinierend. Im provokativen Bild wie im spannenden Wort. Dank der großartigen überzeugenden Akteure.

„Meeting Evil“, ein besonderer, ein spezieller, ein vorzüglicher aktueller DVD-Thriller.

Anbieter: „Sony Pictures Home Entertainment“