Liberace Kritik

Die Amis und ihre filmische Doppelmoral. Geht es um Gewalt, werden im Film Menschen genüsslich wie ausgiebig massakriert, gilt es zumeist als akzeptabel. Dramaturgisch erforderlich. Notwendig. Von wegen der „künstlerischen Freiheit“. Law and Order im Entertainment ist schon recht okay, brüllt es inzwischen aus vielen Ami-Kinofilmen und aus noch vielen aggressiven US-TV-Serien. Wenn aber das Thema Homosexualität im Mittelpunkt eines hauseigenen Films angepeilt wird, zeigt man sich „aufgeregt“. Pikiert. Entsetzt. So geschehen beim neuesten STEVEN SODERBERGH-Knüller „LIBERACE“. Der in den USA nicht offiziell im Kinoprogramm auftauchte, ganz im Gegensatz zum weniger prüden Europa. Wo er „normal“ im Kino lief.

Nach dem KINO-Einsatz neulich bei uns möchte ich jetzt – anläßlich des hiesigen Heimkino-Starts – noch einmal an dieses herrliche Filmvergnügen erinnern beziehungsweise ihn nachhaltig empfehlen. Mit nun prächtigem Bonusmaterial ausgestattet, darunter dem Beitrag: „Michael Douglas presents´Making of´“:

LIBERACE – ZUVIEL DES GUTEN IST WUNDERVOLL“ von Steven Soderbergh (K + R + Schnitt; USA 2012; B: Richard LaGravenese; M: Marvin Hamlisch; 119 Minuten; Start D: 03.10.2013; Heimkino-Veröffentlichumg: 21.03.2014); am 21. Mai 2013 hatte der Film seine Welturaufführung beim Festival von Cannes; fünf Tage später lief der Streifen im amerikanischen Bezahlfernsehen. Beim Sender HBO, der den Film produzierte. Weil „Hollywood“, also die Studios, ihn nicht machen / finanzieren wollten. Begründung: er sei zu schwul. Mit insgesamt 3,5 Millionen Interessenten (einschließlich Wiederholung) verbuchte HBO die höchste Einschaltquote für einen TV-Film seit 2004. Nach der euphorischen Cannes-Aufnahme war klar, dass er in der übrigen, weniger prüden (außeramerikanischen) Welt durchaus KINO-Chancen besitzt. In Großbritannien hatte „Behind the Candelabra“ (Originaltitel) am 7. Juni 2013 vielbeachtete Kino-Premiere.

Sein Name: Wladziu Valentino Liberace. Geboren wurde er am 16. Mai 1919 in West Allis, Wisconsin. Die Mutter stammt aus Polen, der Vater aus Italien. Als Wunderkind konnte er schon mit sechs Jahren stundenlang klassische Stücke auswendig am Klavier spielen. In den 1950er Jahren gewann er siebenmal nacheinander den Preis für den „schnellsten Klassikpianisten der USA“. Nannte sich nun LIBERACE (= gesprochen: LIBERATSCHIE), bekam ab 1952 eine eigene Fernsehshow („The Liberace Show“) und erreichte in jener Zeit eine Popularität wie Elvis Presley, später Elton John und heute etwa Lady Gaga. Wurde mit seinen schrillen, vulgären Las Vegas-Shows zum „Mr. Showmanship“, der Millionen verdiente. Liberace war „heimlich“ homosexuell. Seine Bühnengarderobe war pompös. Weißer Hermelinmantel aus Straußenfedern, auf seinen Schultern ein mächtiger weißer Fuchspelz mit einer fünf Meter langen Schleppe, 300.000 Dollar Wert, 30 Kilo schwer, zahlreiche massive Klunkerringe an den Fingern. „Schaut mich ruhig an. Ich komme nicht in diesem Aufzug, damit er unbeachtet bleibt“. Seinen Bühnenflügel schmückte ein verschnörkelter Kerzenleuchter. Dennoch kam damals niemand auf die Idee, an der Geschichte von seiner Verlobung mit der norwegischen Eiskunstläuferin Sonja Hennie zu zweifeln. Wie auch Rock Hudson verschwieg er seine Homosexualität und verklagte jeden, der diesen Verdacht nährte. Die Wahrheit hätte seine Karriere zerstört und ihn ruiniert.

Der Film setzt 1977 ein, als der 58jährige Liberace den muskulösen 17jährigen Hundetrainer und Waisenjungen Scott Thorson kennenlernt. Für Liberace ist es Liebe auf den ersten Blick. Scott wird sogleich „eingemeindet“. Umschmeichelt. In das pompöse, luxuriöse schlossähnliche Kitsch-Heim aufgenommen. Mit Schmuck, Pelzen und Uhren überhäuft. Zum „persönlichen Assistenten“ befördert. Der als „Chauffeur“ auf der Bühne Liberace die Tür öffnet. Seinem Maestro, der ihn zum Ebenbild „schaffen“ will. Und deshalb Schönheitsoperationen auch bei Scott „anordnet“. Alles soll schön sein und bleiben. Dieser Jugend- und Schönheitswahn. Außen wie Zuhause. Wo der Sex blüht. Man ist ein Traum-Paar. Lebt schließlich wie ein gutbürgerliches Ehepaar zusammen. Doch irgendwann ist Sättigung angesagt. Bei dem alten Pfau. Der nach neuem Frischfleisch giert. Scott, der sich immer mehr mit Drogen voll pumpt, wird aufs emotionale Abstellgleis beordert. Die Liaison ist vorüber. Eine eheähnliche Beziehung bestritten. Der Rosenkrieg beginnt. Mit schmerzhaftem Epilog.

Der von Steven Soderbergh angekündigte Abschieds- bzw. (hoffentlich nur vorläufige) Ausstiegsfilm aus dem Business basiert auf den Memoiren des heute 54jährigen Scott Thorson: „Behind the Candelabra“, in Anspielung auf die Kerzenhalter, die immer das Klavier des Meisters zierten. Veröffentlicht ein Jahr nach dessen Tod: Liberace starb am 4. Februar 1987 in Palm Springs, Kalifornien, an Aids. Autor RICHARD LaGRAVENESE („König der Fischer“; „Die Brücken am Fluß“) entwickelte daraus ein gescheites, pointiertes Drehbuch. Ergebnis: Der Film von Steven Soderbergh ist ein intimer Augen- und Sinne-Schmaus. Zwei Männer, die sich lieben. Die ein paar (sehr) glückliche Jahre verbringen. Abgeschottet, weil ein öffentliches, sprich gesellschaftliches Leben wegen ihrer sexuellen Orientierung nicht möglich ist. Man sitzt gemütlich vor dem Fernseher und wird gemeinsam rundlicher. Der Eine mit Millionen Dollar auf seinem Konto und alt, der junge Andere mit zunehmender Drogenfrustsucht. Mitten in einem Palast voller nackter David-Statuen, Kronleuchter, leckerer Whirlpools und scheißender Pudel. Wie schrecklich hätte DAS werden können, wenn Steven Soderbergh sich nicht zwei absolute Spitzendarsteller „gesichert“ hätte: MICHAEL DOUGLAS und MATT DAMON. Douglas, inzwischen 68, spielt DIE ROLLE seines Lebens.

Bewältigt eine unglaublich gute, überzeugende theatralische Masken- und mutige Überzeugungsleistung. Jede Pore seines Körpers eine vortrefflich-eitle Mix-Figur aus Stolz (schaut her, was ICH bin und mache), Verletzlichkeit, Verschlagenheit und scharfem Humor („I love to give people a good time“). Ohne dusslig zu übertreiben oder gar seinen Liberace zu denunzieren. Michael Douglas, dessen Privatleben seit geraumer Zeit – gelinde gesagt – turbulent ist, besiegter Krebs, Sohn wg. Drogen hinter Gittern, Trennung von Ehefrau Catherine Zeta-Jones, signalisiert im Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ seinen aktuellen Seelenzustand: „Ich habe keine Angst mehr“ (SZ vom 28./29.9.13). Soll heißen – deshalb war ich zu solch einer Ausnahmeleistung überhaupt fähig. Seine Performance ist in der Tat umwerfend. Gut. Einfach sensationell. Im tänzelnden wie tiefen Körper-Ausdruck. Mit viel draufgängerischen Tiefenspuren. Kurzum: Michael Douglas ist überwältigend atmosphärisch. Hier für immer UND ewig. Doch wer A, also Douglas sagt, muss unbedingt auch B, also MATT DAMON, voll lobend annoncieren. Der inzwischen 42jährige (!) erweist sich als kongenialer Mitstreiter. Erst als pausbäckiges Jüngelchen, dann als wohlgeformter Liebhaber, schließlich als nervöses, erwachsen gewordenes Drogenwrack und Rückkehrer in die „Draußen-Welt“. WIE der „Bourne“-Boy dies auf den sinnlichen Spannungspunkt haargenau (und auch optisch knackig) vorführt, ist schauspielerische Höchstleckerkost. Auch hier: Ohne zu denunzieren, blöd zu sein, tuntig abzudriften. Auch MATT DAMON hat sich mit seinem Part hier in die definitive Charakterspitzenliga katapultiert. Auch ER mimt hier glanzvoll überragend. Mit vortrefflich-facettenreichem Körpereinsatz.

Witzig, anrührend, tragisch – das volle Programm an emotionaler Kostpalette. Und Breitseite. Die schöne bunte Spaßwelt der Kostüme, Toupets und Lidstriche. Mit einer wunderbar pompösen Optik und eben diesem herrlichen wie HERZlichen Wonne-Personal. Zu dem sich dann auch adäquat die Promistichwortgeber Dan Aykroyd als kühler Manager, ROB LOWE als luftiger Schönheitsschnippler und die inzwischen 80jährige DEBBIE REYNOLDS als Frances Liberace gesellen.

Wer hätte DAS vermutet: Ein herrlich requisitenreicher TV-Film als Feingefühl-Meisterwerk für das KINO. Köstlich! (= 5 PÖNIs).

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