KÖNIGREICH DES VERBRECHENS

Wieder solch eine vertrackte Sache: Wer vermutet denn schon, dass sich hinter dem (durchaus passenden) deutschen Filmtitel einer der besten englischsprachigen Spielfilme der letzten Zeit verbirgt? Zumal auf dem Cover der nur halbwegs bekannte, leidlich populäre (australisch-britische) Schauspieler GUY PEARCE (zuletzt – im Kino – der abdankende Königsbruder in „The King´s Speech“) zu sehen ist, mit Oberlippenbart, weißem offenen Hemd sowie einer Pistole in der rechten Hand? Aha – ein Krimi also? Sieht aber nicht aus wie ein „besonderer“? Entpuppt sich aber dann doch als „solcher“, in dem Guy Pearce allerdings erstmals erst in Filmminute 40 auftaucht, also eine Nebenrolle (prächtig) ausfüllt? Da aber die anderen australischen Darsteller unbekannt sind, wurde ER halt „vorne“ abgelichtet. Wenn es helfen würde, dadurch den Film in den Fokus einer interessierten (DVD-)Öffentlichkeit zu bringen, okay. Aber worum handelt es sich im Detail überhaupt?: Es geht um den australischen Spitzen-Thriller „Animal Kingdom“, der jetzt bei uns herausgekommen ist unter dem Titel

KÖNIGREICH DES VERBRECHENS“ von David Michod (B+R; Australien 2009; 109 Minuten; DVD-Veröffentlichung: 25.3.2011).

David Michod ist 37 Jahre alt, hat in Melbourne Kunst studiert, war Redakteur bei einer örtlichen Filmzeitschrift, drehte ab 2006 Kurzfilme. „Animal Kingdom“ entstand mit einem Budget von rd. 5 Millionen Dollar und hatte seine Welturaufführung auf dem „Sundance Festival“ im Januar 2010, wo er den „Großen Preis der Grand Jury“ zugesprochen bekam. Zugleich wurde die 63jährige JACKI WEAVER Anfang diesen Jahres mit einer „Golden Globe“- wie auch mit einer „Oscar“-Nominierung als „Beste Nebendarstellerin“ bedacht. Und um noch einen Moment im Lobes-Fahrwasser zu bleiben: „Australiens Antwort auf ´Good Fellas`“ urteilte die „New York Times“ über den Film, auf den zwischenzeitlich auch Quentin Tarantino aufmerksam wurde und ihn in die Top 3 seiner Lieblingsfilme für 2010 aufnahm (lt.“hollywoodreporter.com“ vom 2.1.2011).

Der Vorspann signalisiert Unheil. Maskierte Räuber bei einem Banküberfall. Schemenhaft, stilisiert, zeitlupenhaft. In ihren „undeutlichen“ Bewegungen fließend wie die Choreographie-Übungen bei einem Ballett-Training. Joshua, „Josh“, ist 17. Seine Mutter hatte ihn von ihrer kriminellen Familie abgeschirmt. Jetzt ist sie gestorben. An einer Überdosis Heroin. Josh landet in der Familie Cody. In einem Vorort von Melbourne. Wo Großmutter Janine, genannt „Snurf“, den Ton vorgibt. Die Matriarchin und „ihre Jungs“: Andrew/“Pope“, der nach einigen Raubüberfällen gerade abgetaucht ist; Craig, der künftig statt auf den Handel mit Drogen lieber auf Aktien setzen möchte, und Darren, der Bisher-Jüngste, der sich dem Familien-Kodex stets unterordnet.

„Alle hatten Angst; auch wenn sie es nicht zeigten; auch wenn es ihnen nicht einmal klar war“, beginnt Josh mit dem Report. Die Familie Cody ist eine Gangster-Family. Nicht so mal „nebenbei“, sondern „aus Berufung“, als „Beruf“. „Was Anderes“ vermag man nicht zu sein. Was Anderes weiß man auch gar nicht zu tun, „auszuüben“. Mit einer „Patin“ als hartem Boß. Die ihre „Kinder“ wie „intimes Eigentum“ betrachtet und behandelt. Und stets als „Schätzchen“ bezichtigt. Der naive, verunsicherte, sensible Josh „zieht“ mit, hat aber Schwierigkeiten in der Akzeptanz „solchen Lebens/Daseins“. Hat die junge Nicky kennen- und lieben gelernt. Und Nathan Leckie (Guyy Pearce). Den Leiter der Abteilung für Raubüberfälle. Der Polizist sieht „die neue Schwachstelle“ innerhalb dieses kriminellen Familien-Kosmos und beginnt auf Josh „einzuwirken“: „Was stark ist, überlebt“, zitiert er die Welt der Insekten. „Du bist schwach, weil du jung bist“, versucht er ihn ´rüberzuziehen. Ins Zeugenschutzprogramm. Weil die Konfrontationen zwischen bzw. um Bad Cops / Good Cops und der Gangster-Sippe immer mehr eskalieren. Mit Toten auf beiden Seiten. Aber Mama stellt klar: „Wir tun, was wir tun müssen; nur weil wir es nicht tun wollen, heißt nicht, daß es nicht getan werden muss“.

Ein fiebriger Gedanken-Thriller. Mit einer starken Geschichte statt einer simplen Story. Und wenig spektakulären Motiven. Dafür mit packenden Kopf-Ballereien sozusagen. Ohne viele Worte. In einer beeindruckenden, faszinierenden Bilder- und Körpersprache: Kurz, knapp, präzise – auf den spannenden Pointen-BLICK-Punkt gebracht. Vom „Unschuldslamm“ JAMES FRECHEVILLE als Lebens-„Lehrling“ Josh; von BEN MENDELSOHN als irre „Zeitbombe“ „Pope“; von SULLIVAN STAPLETON als viehischer Craig-Bruder, als „Onkel Unberechenbar“, und natürlich von der phantastischen JACKI WEAVER als diabolische, gemeine, völlig unmoralische Mama-Glucke. Eindrucksvoll unterstützt von diesen tickenden, äußerst wirkungsvollen „Angst-Einschmeichel-Klängen“ von ANTONY PARTOS.

„Königreich des Verbrechens“ ist eine Art atmosphärischer Shakespeare-Thriller mit exzellentem Schmutz-Geschmack. Marke: Am Königshofe der Codys gärt es mächtig übel. Was wiederum gewaltig nach kompromißlosem „Scorsese“ aus dessen kühlen Anfangstagen („Hexenkessel“) riecht und schmeckt… EIN MEISTERWERK.

Anbieter: „ATLAS FILM Home Entertainment“.