Kitty Kino

TIP-Interview mit KITTY KINO anlässlich des Kinostarts ihres Filmes „Karambolage“ am 11.11.1983

HUP: Sag mal, Kitty Kino, das ist ja wohl ein Pseudonym?

KK: (Kitty Judit Gschöpf): Ja.

HUP: Wie kommste denn darauf?

KK: Och, das ist eine unheimlich alte Geschichte. Ich hab vor 13,14
Jahren mal selbst in zwei Filmen mitgespielt, also mein richtiger Name ist Kitty Gschöpf, und da haben die Leute immer Probleme gehabt mit dem Buchstabieren, und das ist mir immer schon arg auf die Nerven gegangen. Damals war ich so um die 20 und spielte mit in Rolf Thieles Sexfilmchen – naja, und dann hab ich gefunden, dass ich einen Künstlernamen brauch, ein Sexfilm-Starlet, das Gschöpf heißt, das
geht einfach net.

BIOGRAPHIE:
1948 in Wien geboren, dort aufgewachsen und immer gelebt, mit 14 interessierte sie sich für Physik/Atomphysik und wollte das auch studieren.
Sie ging deshalb zu einer technischen Mittelschule. Sie sollte dann
die Fabrik ihres Großvaters übernehmen, aber die war auf dem Land, eine entsetzliche Vorstellung für Kitty. Nach 2 Jahren zerstritt sie sich mit dem Großvater, ging zurück nach Wien, dort zur Handelsschule.
In der Volksschule hatte sie immer Kinoverbot, weil sie so schlecht in der Schule war.

1970 kamen die Angebote von Thiele und sie wollte das aufnehmen, um von der Schule wegzukommen und dann später eine Karriere als Schauspielerin anzustreben. Beim Drehen stellte sie fest, dass sie zu vielen Einstellungen ihre eigenen Ideen hatte und von daher lieber ins Regiefach einsteigen wollte.

Daraufhin ging sie zur Filmakademie in Wien, blieb dort 6 Jahre, Diplom in Schnitt und Regie. Von 77 bis 81 verdiente sie ihr Geld mit Jobs beim Fernsehen.

HUP: Und wann entstand der Wunsch, fürs Kino zu arbeiten?

KK: Der war schon immer da, das war das Klassenziel, sozusagen. 1981 bin ich einer klassischen Intrige beim ORF zum Opfer gefallen und hab daraufhin den Ansatz gefunden, jetzt einmal richtig für mich anzufangen, hin zum Kino. Ich fing an etwas zu schreiben und reichte das dann auch bei der österreichischen Filmförderung ein, und wir haben tatsächlich mit Dreharbeiten angefangen, wie es geplant war.

Der Film hat 9 Millionen Schilling, also 1,3 Millionen DM gekostet.
Von meiner damaligen Zeit kam das übrigens mit dem Billardspielen. Damals, zu meiner Jugend, durften die Frauen in den Kaffehäusern tatsächlich nicht Billard spielen. Das war schon eine komische Situation. Ich hab in der Schule gefeilt und gehobelt, hab gerechnet und die Baupläne für ganze Kraftwerke gezeichnet – und nachher in der Mittagspause durfte ich im Kaffeehaus nicht Billard spielen, dabei wollte ich doch unbedingt lernen.

HUP: Für mich ist der Film die Beschreibung einer Frau, die versucht, sich in einer Männerwelt zu emanzipieren, und das Billardspiel erschien mir nur als eine amüsante Fußnote.

KK: Ja sicherlich, aber das ist jetzt ein Beispiel, wie die Story zu dem Film entstanden ist. Lauter erlebte Sachen, die ich hier zusammengetragen habe.

HUP: Also hat die Geschichte sehr viel mit dir zu tun?

KK: Ja schon, es sind eine Menge autobiographische Dinge von mir da eingebaut, aber sie sind natürlich eher stark verdichtet und leicht umgeändert.

HUP: Bei dir sind die Frauen die stärkeren, aber auch die leidenden, während die Männer eher eine Funktion einnehmen, die gefühllos ist, überhaupt schon nicht mehr weltlich, habe ich manchmal den Eindruck. Sämtliche Männer in deinem Film sind zur Liebe nicht mehr fähig, haben Angst vor Verbindlichkeiten, während die Frauen wenigstens noch versuchen, eine Beziehung zu finden. Ist das von dir real gemeint?

KK: Oh ja, das ist schon wirklich sehr real (lacht verbittert). Bei den Männern habe ich es erlebt, so wie zum Beispiel der Hans im Film, dass, wenn sie einmal eine Enttäuschung erlebt haben, dann sind sie viel wehleidiger und lassen sich viel weniger nochmal auf was ein. Das sind dann so vernarbte Wunden, an denen wird nicht mehr gerührt. Darunter schwelt es noch, aber trotzdem arrangieren sich die Männer dann lieber mit ihren Gefühlen. Und es ist unheimlich schwer, dagegen anzukommen.

Eine Frau dagegen kann zwar leiden wie ein Schwein aber wenn das vorbei ist, dann wird sie sich mit derselben Kraft in das nächste Abenteuer wagen.

HUP: Das ist, zumindest fürs Kino, fast eine genaue Vertauschung der Rollen. Bisher war ja eher die Rolle der Judith eine Männerrolle, bisher war die Rolle der Männer eine Frauenrolle, du drehst das jetzt total um. Das ist eine Umkehrung von Inhalten und Sehgewohnheiten.

KK: Naja, es gibt schon ein paar andere Filme, die auch ein bisschen in diese Richtung zielen, der neue Trotta-Film zum Beispiel. Zum andern hat es aber immer Filme gegeben mit weiblichen Helden.

HUP: Dein Film vermittelt das aber auf eine besonders angenehme Weise, vielleicht ein bisschen wie in den amerikanischen Comedys: man fühlt sich betroffen, aber nicht getroffen oder denunziert und kann darüber, also auch über sich selbst schmunzeln.

KK: Naja, weil ich für die Männer, die ich beschreibe, auch eine gewisse Liebe habe. Ich beobachte genau, und versuche das so genau wie möglich für meine Zwecke wiederzugeben. Und außerdem ist auch eine Menge Kritik meines eigenen Geschlechts, also Selbstkritik, im Film enthalten.

Ich habe eine Theorie, dass jeder zu 100 Prozent schuldig sein kann und das trotzdem mathematisch noch möglich ist.

HUP: Das versteh ich nicht

KK: Ja eben (lacht). Also, dass jeder zu 100 Prozent schuldig ist für das was er macht, und auch für das, was ihm widerfährt. Will sagen‚ dass eben jeder für sein Leben mit allen Konsequenzen alleine verantwortlich ist.

HUP: Du hast nicht die berühmte Frauenfahne genommen, die man ja heute viel im Kino sieht und Rundumschläge gemacht, sondern hast natürlich Position bezogen, denn deine Position ist die Judith, und hast dabei den Männern einen Spiegel vorgehalten, den ich sehr gerne akzeptiere.

Womit ich aber noch zu knacken habe: der Film hat die ganze Dauer über eine wunderschöne beschwingende Leichtigkeit, er macht Spaß, er unterhält, er macht betroffen, und wird dann zum Schluss unglaublich brutal. Das irritiert stark und der Film endet somit leider etwas zu pessimistisch.

KK: Nein, das zeigt für mich eigentlich nur, dass es wie beim Tennisspielen mehrere Runden gibt. Das ist eben nur eine Stufe, die der Film zeigt, und die Judith muss ja nun nicht wieder von vorne anfangen, sondern hat wesentliche Erkenntnisse gewonnen, die ganze Sache auf eine andere Ebene zu verlegen.

Und das ist für mich positiv. Diese Situation birgt ja die Möglichkeit, dass sie jetzt fragen kann:
Wo liegen denn die wahren Werte.

HUP: Es gibt aber auch die Möglichkeit, dass sie resigniert.

KK: Nein, so möchte ich das nicht unbedingt verstanden wissen. Wenn die Frauen so werden wollen wie die Männer, dann wir es nur noch Katastrophen geben. Man muss den weiblichen Eigenschaften einen Wertaufbau geben und nicht die Frau zum Mann machen.

HUP: Hast du Vorbilder im Kino, zum Beispiel bei den Franzosen oder Amerikanern?

KK: Also richtige Idole eigentlich nicht so sehr, aber es gibt immer wieder Leute, die mir sehr gut gefallen. Es sind auch keine ausgefallenen Leute: vor allem Amerika und da eben Scorcese und Cassavetes oder auch der Pollack, Jeremiah Johnson ist einer meiner Lieblingsfilme, der geht mir direkt in die Glieder, das kann man gar nimmer anders beschreiben, ich krieg auch gar nicht raus, was das jetzt eigentlich ist.

HUP: Die Lilo scheint so etwas zu sein wie die österreichische Rita Hayworth.

KK: Das ist eine Frau, die so langsam entdeckt wird. Sie hat früher schon ab und zu mal ihren Busen zeigen dürfen, aber jetzt entdeckt man, dass das mehr dahintersteckt.

HUP: Ich kann mir vorstellen, dass du bei einem ausgesuchten Frauenpublikum unter Umständen Schwierigkeiten haben wirst, weil dein Film dann doch zu wenig radikal ist.

KK: Naja, aber ich glaub, diese ganz radikale Phase ist schon bald überwunden. Man muss ja zum Glück heute nicht mehr in einen Klub gehen, um eine emanzipierte Frau zu treffen.

Ich kann heute auf der Straße oder bei der Party mit fast jeder zweiten Frau ein vernünftiges Gespräch führen, das ist alles schon viel besser geworden.

HUP: Die Marie Colbin ist durch den Film vom Peter Hajek ja keine Unbekannte mehr. Ich finde sie sensationell gut, wie war eure Zusammenarbeit?

KK: Also in der Phase des Drehens lief es wirklich sehr gut, nur vorherkonnte sie sich unglaublich schwer nur entscheiden ‚ die Rolle anzunehmen, aus dem Bestreben heraus, so anspruchsvoll wie möglich zu sein. Aber ich wollte sie unbedingt haben und da haben wir uns in Wien drei Tage und drei Nächte zusammengesetzt und sind das ganze Buch durchgegangen und da haben wir festgestellt, dass wir beide sehr intensiv und konzentriert zusammen arbeiten können.

Drei Tage vor Drehbeginn ist ihre Mutter gestorben und da habe ich noch einmal Angst bekommen, aber dadurch war sie beim Drehen dann eher verinnerlichter.

HUP: Jetzt bin ich auch noch neugierig, wie es weitergehen wird bei Dir?

KK: Also ich bin niemand, der in die Nähe des Fassbinder-Syndroms geraten könnte, dafür bin ich viel zu geruhsam und langsam. Das könnte bei uns in Wien höchstens der Peter Patzak werden. Ich habe ziemlich klare Vorstellungen über das, was ich und auch wie ich es erzählen will. Es gibt aber noch keine konkrete nächste Geschichte. Es gibt nur die übernächsten Geschichten, darunter ist vielleicht auch eine Romanverfilmung, die ein bissl aufwendiger sein würde.

Aber ich werde mich wohl hauptsächlich mit dem auseinandersetzen, was ich kenne, was meine Umgebung ist, und dabei möglichst immer wieder was völlig anderes, entgegengesetztes finden.

HUP: Von wem stammen denn die Songs im Film?

KK: Den einen Text hab ich geschrieben, die anderen die Sängerin. Die Musik ist vom Leon Hatzberger‚ das ist mein Filmmusiker.

HUP: Das neue Aufkommen von Musik, die an die Emotionen geht, kann man ja jetzt bei mehreren Filmen beobachten. Zum Beispiel Glowna, Keglevic, woran liegt das wohl, das man jetzt wieder mehr auf die Emotionen geht?

KK: Es sind in den vergangenen Jahren viele Wege versucht worden, die alle im Materialismus verankert waren. Aber in der Physik stößt man spätestens beim Gedanken an das Weltall an die Grenzen, und da ist es ganz normal, dass man sich einmal wieder auf emotionale Dinge beruft.

HUP: Angesichts der Gegenwart und der katastrophenbedrohten Zukunft ist es vielleicht auch verständlich, wenn man sich immer mehr ins private zurückzieht…

KK: Tja, es gibt im Film einen etwas versteckten Satz von der Judith, wo sie sagt; du immer mit deiner Gesellschaft, also, wenn jeder bei sich selbst anfängt, dann haben wir vielleicht ’ne Chance, die Welt zu verändern. Und das ist dann auch wieder nicht privat, weil für alle sehr wichtig. Obwohl einem sowas immer als wahnsinnig wenig vorkommt.

HUP: Meinst du nicht, es ist so eine Art Resignation?

KK: Nein, ich glaube eher, es ist die innere Erneuerung, weil man gesehen hat, dass man trotz Völkerverständigung, UNO und liberalen Gesetzen an den Rand des Chaos gekommen ist. Dann kann ich ja wirklich nur noch sagen, Okay, jetzt fang ich mal bei mir selber an.

HUP: Wenn man seinen allerersten Film dem Publikum und der Presse vorstellt, und dazu auch noch innerhalb eines Festivals wie der Berlinale was für ein Gefühl hast du dabei?

KK: Tja, man versucht vielleicht, nicht so viel an sich herankommen zu lassen, weder Positives, weil das sofort in Euphorie umschlagen könnte, noch Negatives, weil ich dann vielleicht depressiv werden könnte. Ich denk jetzt einfach möglichst konzentriert an das nächste Projekt, an irgendwas, um mich ein wenig abzulenken.