IPCRESS – STRENG GEHEIM

„IPCRESS – STRENG GEHEIM“ von Sidney J. Furie (GB 1964; B: Bill Canaway; James Doran; nach dem Roman „The Ipcress File“ von Len Deighton/1962; Produzent: Harry Saltzman; K: Otto Heller; M: John Barry; BRD-Kino-Start: 2.7.1965; ARD-Ausstrahlung: 13.11.1969; DVD-Start: 5.11.2003; ARTE: 23.7.2018); seitdem sich der britische Geheimagent James Bond ab 1962 erfolgreich weltweit im Kino bewährte, entstanden viele Ableger. Und auch 007-Produzent Harry Saltzman initiierte im Herbst 1964 einen weiteren britischen Kalten-Kriegs-Agenten: Einen „aufmüpfigen Spion aus der Arbeiterklasse“, wie die „ZEIT“ damals annoncierte beziehungsweise wie auf dem (später gelöschten) originalen Filmplakat stand: Der Film ist „ein Goldfinger des denkenden Mannes“. Die Rede ist von im britischen Verteidigungsministerium tätigen Harry Palmer (MICHAEL CAINE/deutsche Stimme: Peer Schmidt), in dessen Personalakte sich „Lobhudeleien“ wie „arrogant, anmaßend und äußerst undurchsichtig“ befinden. Man raunzt, dass er – mutmaßlich – auch mit „kriminellen Neigungen“ „ausgestattet“ ist. Als sein Vorgesetzter, Colonel Ross (GUY DOLEMAN), ihn zu einer kleinen Spionageabwehr-Einheit unter Leitung von Major Dalby (NIGEL GREEN) zitiert, ist er demzufolge gar nicht begeistert. Harry ersetzt dort einen Kollegen, der bei dem Bemühen, die Entführung eines hochrangigen britischen Atomphysikers zu verhindern, getötet wurde. Mehr trotzig als engagiert recherchiert Harry, zumal er – als notorischer Faulpelz – etwas gegen Überstunden (die selten abgerechnet werden können) wie auch gegen Wochenendarbeit hat. Es ist ja schon mühevoll genug, wenn es gilt, zeitintensive Observationen durchzuführen, Akten zu sichten oder Protokolle anzufertigen. Doch dann stößt er auf ein Tonband mit der Aufschrift „Ipcress“. Ab diesem Moment verändert sich die Sach- wie Ruhelage. Völlig. Harry Palmer gerät mitten hinein in eine hochrangige Verschwörung und in Lebensgefahr. Und kann nun beweisen, was er so alles „mehr“ draufhat als man allgemein bis hierher vermutet.

„IPCRESS – The Ipcress File“, so der Originaltitel, war der – hervorragende – Auftakt für eine dreiteilige „Harry Palmer“-Kino-Filmreihe, basierend auf den Romanen des britischen Autors LEN DEIGHTON. Es folgten 1966: „Finale in Berlin“ (Regie: der Bond-Regisseur Guy Hamilton) sowie 1967: „Das Milliarden Dollar Gehirn“ (Regie: Ken Russell). Für den britischen Schauspieler Maurice Joseph Micklewhite, Jr. wurde der Part des Harry Palmer zum Start in eine Welt-Karriere. Seit Mitte der Fünfziger Jahre hatte er sich unter dem Künstlernamen MICHAEL CAINE in kleinen Rollen im Theater wie fürs Kino hochgearbeitet. „Ipcress – streng geheim“ war sein erstes – brillantes – darstellerisches Ausrufungszeichen. Als vermeintlicher „Proll“ vom Ihrer-Majestäts-Dienst bekommt er es mit der ganzen aristokratischen, arroganten Vorgesetzten-Sippe zu tun, die ihn am liebsten sonst wo hin wünschen und deshalb stets abfällig behandeln, ihn deshalb auch voll unterschätzen in Sachen Pfiffigkeit und Cleverness.

Der stoische Agent: Ein Klasse-Part für den am 14. März 1933 in London geborenen Michael Caine, der sich selbst mal als einen „Cockney-Proll“ bezeichnete. Und hier mit der deutschen Stimme von Peer Schmidt auch adäquat deutsch-sprachlich besetzt wurde. Ein tückischer Aufrührer im eigenen faulen System. Nach anfänglich eher bedächtiger Einführung entwickelt sich der Streifen, dessen mitunter ausgefallene Kameraeinstellungen von Kamera-As Otto Heller („Peeping Tom“) für ungewöhnlich-exotische Sicht-Farb-Weisen sorgen und dessen Score vom Bond-Spezialisten John Barry das Geschehen außerordentlich sog- und wirkungsvoll begleitet, zu einem spitzen-ironisch-britischen Thriller. Den das „Britische Filminstitut“ seit 1999 auf einer Liste der 100 besten britischen Filme aller Zeiten auf Rang 59 führt.

Und was bedeutet eigentlich „Ipcress“? Das erfundene Akronym steht für „Induction of Psychoneuroses by Conditioned Reflex Under Stress“; etwa: „Auslösung von Psychoneurosen durch konditionierten Reflex unter Stress“!

1966 erhielt der meisterliche Thriller drei britische „Academy Awards“: KEN ADAM für das „Beste Szenenbild“; OTTO HELLER für die „Beste Kamera“ (Farbe) sowie für den kanadischen Regisseur SIDNEY J. FURIE für den „Besten Film“.

Jahrzehnte später kehrte Michael Caine nochmal als Harry Palmer zurück in den beiden – bei uns gleich im Heimkino verramschten – Filmen: „The Palmer Files – Der rote Tod“ von George Mihalka (1995) und „The Palmer Files – Herren der Apokalypse“ von Doug Jackson (1996). Fällig wäre jetzt mal eine filmische Gesamtausgrabung (als Box etwa) dieser noch insgesamt zu entdeckenden Harry Palmer-Reihe. Mit diesem spannenden, faszinierenden Anfang: „IPCRESS – streng geheim“ (= 4 1/2 PÖNIs).