INSIDE WIKILEAKS – DIE FÜNFTE GEWALT

PÖNIs:      (4/5)

„INSIDE WIKILEAKS – DIE FÜNFTE GEWALT“ von Bill Condon (USA/Belgien 2013; B: Josh Singer; nach dem gleichn. Buch von Daniel Domscheit-Berg und dem Buch „WikiLeaks“: Inside Julian Assange’s War on Secrecy“ von David Leigh + Luke Harding; K: Tobias A. Schliessler; M: Carter Burwell; 128 Minuten; deutscher Kino-Start: 31.10.2013); der am 22. Oktober 1955 als Sohn eines Detektivs in New York City geborene Bill Condon hat sich im Filmbusiness als Drehbuch-Autor, Produzent und Regisseur „so & so“ etabliert. Hat als Drehbuch-Autor und Regisseur Klasse-Werke wie „Gods and Monsters“ („Oscar“ für sein „Bestes adaptiertes Drehbuch“), „Kinsey – Die Wahrheit über Sex“ (2004/mit Liam Neeson) und „Dreamgirls“ (2006/der „Surpremes“-Film/2 „Oscars“, für Jennifer Hudson + „Bester Ton“) geschaffen. War als Drehbuch-Autor für das Hit-Musical „Chicago“ (2002) tätig. Und inszenierte auch die letzten beiden, kommerziell erfolgreichen „Breaking Dawn – Bis(s) zum Ende der Nacht“-Folgen, was ihm prompt 2013 die „Goldene Himbeere“ für die „Schlechteste Regie“ für Teil 2 einbrachte. 2009 produzierte er zudem die 81. „Oscar“-Verleihung. Ein vielseitiger Künstler, der sich hier – nach einem Drehbuch des vorwiegend für das Fernsehen arbeitenden Josh Singers („The West Wing“/“Lie to Me“) – an ein brandaktuelles Welt-Thema wagt: die Kontrolle unserer Welt durch gewiefte Daten-Kontrolleure. SIE sind seit geraumer Zeit ständig in aller Munde und Augen – die prominenten WHISTLEBLOWER wie Julian Assange und Edward Snowden. Findige junge Leute, die zur sogenannten „fünften Gewalt“ mutierten: Nach Klerus + Regierung; Adel + vermögende Oberschicht; Bürger = Arbeiter; Presse = Medien nun also diejenigen, die die anderen Gewalten im Zaum halten wollen, sich als Whistleblower (Enthüller/Hinweisgeber), Watchdogs oder Bürgerjournalisten definieren – beziehungsweise als: WIKILEAKS.

JULIAN ASSANGE; am 3. Juli 1971 im australischen Queensland geboren, politischer Aktivist, Journalist, Computer-Hacker, gehörte zu den Initiatoren und treibenden Kräften, als die „gemeinnützige“ Internetplattform im Oktober 2006 gegründet wurde. Anonyme Whistleblower konnten hier ihre geheimen Informationen unterbringen. Über amoralische Begebenheiten oder Situationen in der eigenen Firma oder „Unregelmäßigkeiten“ der eigenen Regierung. Als gefundenes Fressen für Julian Assange. Dem bald populären Rebellen unserer immer fiebriger werdenden Informationsgesellschaft. Der die Macht der Mächtigen infrage stellen will. Mit sich als dabei größtem Herausforderer. Und ein paar Getreuen. Wie den deutschen Informatiker Daniel Domscheit-Berg (DANIEL BRÜHL). Einem geschickten wie idealistischen Netzwerkingenieur. Der 2009 zu WikiLeaks dazu stößt. Bei einem Hacker-Kongress in Berlin treffen sie erstmals zusammen. Werden Partner und Kumpels. Die sich fortan „gierig“ an die Arbeit machen. Denn die ihnen zugespielten Informationen häufen sich und werden immer „intensiver“. Ihr erster öffentlicher Daten-Triumph wird 2008 die Veröffentlichung von Schwarzgeldgeschäften der Schweizer Privatbank Julius Bär. Peinliche Details über Regierungskorruption in Kenia folgen. 2009 gelingt der Supercoup. Mit der Veröffentlichung von Videodokumenten über die „genüssliche“ tödliche Beschießung der US-Armee im Irak auf Journalisten und Zivilisten. 2010 schließlich „die Krönung“ mit der spektakulären Veröffentlichung von streng geheimen amerikanischen Militärdokumenten („angeliefert“ von Edward Snowden) „in Zusammenarbeit“ mit den drei Weltspitzenmagazinen „The New York Times“, „The Guardian“ und „SPIEGEL“. Von nun ab gilt der charismatische weißhaarige Julian Assange für viele „Offizielle“ dieser Welt als „DER Feind“. Als Staatsfeind.

Der sich aber auch intern längst „Feinde“ geschaffen hat. Mit seiner störrischen Autorität ebenso wie mit seiner zunehmenden Verantwortungslosigkeit „dem Material“ gegenüber. Durch dessen Veröffentlichung immer mehr Menschen gefährdet sind oder werden oder bereits wurden. Assange & Domscheit-Berg trennen sich im wüsten Groll. Der Film ist kein sonderlich guter Thriller. Äußerlich. Springt unbedarft und mit schnellen Schnitten über Zeiten, Dokumente, internationale Standorte. Mit dem namhaften, aber kaum näher zu identifizierenden Neben-Personal (Moritz Bleibtreu, David Thewlis, Stanley Tucci, Laura Linney). Wirkt aber ungemein stark als Kopf-Krimi. Über zwei erste Weltverbesserer des 21. Jahrhunderts. Die einst antraten, um die Spielregeln der Macht zu korrigieren. Technisch ausgefuchste Visionäre, die mehr Gerechtigkeit, „Wahrheit“ durch Transparenz einforderten. Offenlegung. Aber ist „Wahrheit“ so-mit bzw. dadurch überhaupt „komplett“ zu erreichen? Indem man authentisches Material über Unwahrheiten oder Ungerechtigkeiten öffentlich macht? Doch warum sollen DIE nicht die neuen technischen Errungenschaften und Möglichkeiten „dermaßen“ nutzen? Anwenden? Wenn sie „Technik“ so genial können, beherrschen? Um Gutes zu bewirken? Schurken vorzuführen? Gemeinheiten aufzudecken? Korruption und Lügen anzuprangern? Fiese Mächtige zu attackieren?

Zauberlehrlinge wenden sich gegen die Zauberer, die superprofessionellen Hersteller der kleinen Maschinen, nachdem sie von deren Bedienung erfahren, diese gelernt haben. Und nutzen/benutzen deren technische Vorlagen auf und für ihre eigene Sicht- und Denkweise. Praktisch. Gegen ihre Erfinder. Sozusagen. Warum denn nicht? Allerdings – wenn „das rebellische Tun“ „Opfer“ fordert und helfende Zuträger, wichtige Informanten, in Gefahr bringt? Oder, wie hier, diese „Zuhause“ (in Kenia) daraufhin umgebracht werden? Ist deren Schutz nicht „höherwertiger“ zu betrachten als die Veröffentlichung von amtlichen Verfehlungen? Gemeinheiten?

Was für ein aufregender, spannender Denkstreifen. Gerade für meine Generation, die sich einst von George Orwell („1984“) mal erschrecken ließ und heute täglich ziemlich fassungslos „herumrudert“. In Sachen sich ständig neu bewegender ultramoderner Informationstechnologie. In Sachen gläserner Bürger. Wobei ich natürlich auch an dieses grandiose filmische Aufklärungswerk von vor 37 Jahren denken muss: „Die Unbestechlichen“ von Alan J. Pakula. Wo zwei aufgescheuchte Journalisten von der „Washington Post“, Carl Bernstein (Dustin Hoffman) und Bob Woodward (Robert Redford), mit Bleistift und Notizblock sowie an der Schreibmaschine 1976 mühsam unterwegs waren, um „üble Wahrheiten“ in Sachen Ami-Präsident (Richard Nixon) herauszubekommen. Heute flitzen zwei junge begabte Technikfreaks durch die Weltgeschichte, nur mit einem Laptop begleitet, und verunsichern mit diesem kleinen Gerät „die Welt“. Erheblich. Proben den Aufstand. Es ist doch irrsinnig. Oder? ODER? Denn es hört nicht (mehr) auf: Die „andere Seite“, so zeigt sich gerade, ist genauso „schlau“: Will alles von allen wissen. Und hört jeden ab. Also ist oder von mir aus auch war JULIAN ASSANGE ein „Held“? Sind seine Mitstreiter tatsächlich gute Helden? Oder? ODER???

WIE LEBEN WIR DENN HEUTE, in der Nach-Assange-Ära? Was für ein faszinierender, überwältigender Brennpunkt-Thriller. Alle dramaturgischen Einwände und stilistische Unebenheiten kopflastig packend und beiseite wischend. Auch, weil zwei Hauptakteure dicht an den Haupt-Typen dran sind. Die Neugier ständig wach halten. Großartig agieren. Der neue britische Superstar BENEDICT CUMBERBATCH, 36, der wahnsinnig-brillante Sherlock Holmes aus der phantastischen BBC-Serie „Sherlock“, trifft Ton, Bewegungen, Nuancen dieses möglicherweise paranoid gewordenen Julian Assange glänzend. Beeindruckend. Auf den Pointen-Punkt gebracht: Zwischen Machtmensch und Hysteriebündel ausreizend. Hochsensibel wie eklig anmaßend. Mein Wille ist einzig. Kein Widerspruch möglich. Ein autoritärer Amen-Bruder. DANIEL BRÜHL, noch im Kino als fulminanter Niki Lauda in „Rush – Alles für den Sieg“, wird „international“ immer besser. Als Daniel Domscheit-Berg ist er erst Feuer & Flamme, um dann nüchtern-souverän die Bodenhaftung zurückzuholen. Als moralische Instanz besitzt er Fieber wie Feingefühl. Eine ebenfalls exzellente Performance. In diesem hochkarätig argumentierenden, angenehm wirren Spannungsfilm. Der sich wunderbar tief in den Kopf zu bohren versteht.

„Inside WikiLeaks – Die fünfte Gewalt“ ist ein doller Wie-Verrückt-Unterhaltungs-ODER?-Film (= 4 PÖNIs).

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