INDEPENDENCE DAY

„INDEPENDENCE DAY“ von Roland Emmerich (Co-B + R; USA 1995/1996; Co-B: Dean Devlin; K: Karl Walter Lindenlaub; M: David Arnold; 138 Minuten; deutscher Kino-Start: 19.09.1996).

Hollywood hat 1996 einen neuen Rekordsommer verbucht: Mit Einahmen von umgerechnet 3,54 Milliarden Mark wurde das Vorjahres-Ergebnis an den amerikanischen Kinokassen um etwa 1% übertroffen. Der zunehmende Grund:
Man setzte zuallererst auf den großen Kino-KRACH. In der Saison vom 10. Mai bis zum 3. September war nach einem Bericht der Zeitung “US Today“ der Film “INDEPENDENCE DAY“ mit 422,8 Millionen Mark Einnahmen der erfolgreichste, gefolgt vom Tornado-Spektakel “Twister“ mit 358,2 Millionen Mark. Zahlen, Daten, Fakten: Der Rubel, pardon, der Dollar rollt also unaufhörlich. Und nur darum geht es diesmal: Business und nicht Kunst ist annonciert. Die hübsche Pointe dabei heißt: ROLAND EMMERICH.

Roland Emmerich: 1955 im schwäbischen Sindelfingen als Sohn einer begüterten Unternehmerfamilie geboren. Nach dem Abitur Studium an der Münchner Hochschule für Film und Fernsehen. Der dortige Abschlussfilm heißt “Das Arche Noah Prinzip“ und ist mit 900.000 Mark Herstellungskosten die teuerste Studien-Abschlussarbeit überhaupt. Der trickreiche Cinemascope-Film läuft 1984 im Wettbewerb bei den Berliner Filmfestspielen. Danach gründet Emmerich zuhause im Schwäbischen seine eigene Produktionsfirma. Dort realisiert er die wenig erfolgreichen Fantasyfilme „Joey“ und “Hollywood Monster“. Der 1989 hergestellte Science-Fiction-Film “Moon 44“ wird zum Sprungbrett nach Hollywood. Der Produzent Mario Kassar entdeckt ihn und holt Emmerich in die Traumfabrik. Als Einstand dreht er dort die beiden Genre-Streifen “Universal Soldier“ mit Jean-Claude Van Damme und. “Stargate“ mit Kurt Russell. Sie werden zwar von der Kritik abgelehnt, haben aber hohe Besucherquoten. Mit „Independence Day“ schließlich schafft der 40-jährige Schwabe seinen ersten MEGA-Hit.

Die Filme des Roland Emmerichs ähneln sich alle und besitzen 3 Gemeinsamkeiten: 1.) Handelt es sich bei allen Filmen um sogenannte Trick-, Puppen- bzw. Computerfilme. Sie sind 2.) in ihren optischen Elementen beherrschend und läppisch in Story und Personen. Und 3.): Emmerich und seine Crew plündern mit schon
routinemäßiger Regelmäßigkeit und Einfallslosigkeit die Filmgeschichte. Wie auch bei “Independence Day“, der Anleihen an die billigen Science-Fiction-Filme der 50er Hollywood-Jahre nimmt, wo andauernd irgendwelche Außerirdische die Erde bedrohten. Was wiederum zu Zeiten des Kalten Kriegs Film-Amerika dazu veranlasste, permanent auf aktuelle Wunderwaffen und auf seinen Hurra-Patriotismus zu setzen.

Man mixe also diese bekannten Stoffe mit den Katastrophenfilmen der 70er Jahre und mische sie mit Kriegsfilmen aus allen nur erdenklichen Perioden, und fertig ist “Independence Day“. Der 2 Tage vor dem amerikanischen Unabhängigkeitstag, dem 4. Juli, beginnt. Die Bedrohung kommt irgendwoher aus dem All und ist gigantisch. Unbekannte Außerirdische, allerdings leicht zu verwechseln mit den Alien-Figuren aus dem gleichnamigen Klassiker von Ridley Scott, kommen mit ihren gigantischen Raumschiffen daher, den Planeten Erde zu vernichten. Einige Großstädte liegen bereits in Schutt und Asche. Panik breitet sich aus. In Amerika kann sich der jugendliche Präsident (BILL PULLMAN) mit seinem Stab und einigen Getreuen gerade noch in Sicherheit bringen, bevor das Weiße Haus explodiert und auseinander bricht. Sämtliche Versuche, mit modernsten Waffen die bösen Eindringlinge abzuwehren, misslingen. Also müssen die guten alten amerikanischen Tugenden wieder einmal herhalten. Die da heißen: Einfallsreichtum, Tapferkeit und, natürlich, wieder so eine Art Geheim-Wunderwaffe. Dazu versammeln sich die Mutigsten: ein jüdischer Wissenschaftler und Computer-Experte mit schlitzohrigem Vater im Schlepptau, ein schwarzer Bomber-Pilot aus dem Golfkrieg mit lieber Frau und ebensolchem Hund, ein UFO-Kenner und Trunkenbold mit John-Wayne-Charme und der tollkühne amerikanische Präsident. Der als ehemaliger Flieger schließlich selbst auch in den Ring steigt, um sein Land und die Erde vor dem Gröbsten zu bewahren.

Die Story von “Independence Day“ ist hanebüchen, dilettantisch und peinlich: Der amerikanische Größenwahn und seine Weltrettungsideologie dominiert. Allerdings: jederzeit politisch korrekt. Die guten Menschen und Tiere kommen fast alle ungeschoren davon, AMERIKA hat es wieder einmal allen gezeigt wie “so etwas“ gemacht wird. 70 Millionen Dollar hat diese Mär gekostet, wobei das meiste Geld in die teure Computer-Trick-Produktion gesteckt wurde. Während die Darsteller-Crew aus der zweiten Hollywood-Reihe stammt und sowieso nur ‚Mittel zum Zweck‘ ist.

“Independence Day“ ist eine riesige Special-Effect-Orgie. Ist ein perfekt-kalkulierter Reißbrett- bzw. Computer- bzw. Marketing-Artikel. Bei dem es nicht auf Sinn und Verstand, sondern nur noch auf die schnellen Clip-Bilder der Popcorn-Kultur ankommt als überlanges Video-Spiel, als ein immer größer und lauter werdender Betäubungs-‘Kick‘; als unangenehm-patriotisches Hurra-Amerika-Spektakel; als Materialschlacht und Werbefeldzug für modernes Waffen- und Kriegsgerät. Kein Wunder, dass Roland Emmerich gegenwärtig “drüben“ als “Amerikas Darling“ hofiert wird: Er spielt perfekt und erfolgreich mit, kommt politisch höchst moralisch und sauber daher und propagiert, wie lukrativ es doch ist das ewige Kriegsspiel als Freizeit- und Unterhaltungsvergnügen. Dass ausgerechnet ein Deutscher nun den amerikanischsten der amerikanischen Filme gedreht hat, dass lässt aus der eingangs beschriebenen ‘hübschen Pointe‘ abschließend eine ‘hässliche‘ werden.

Der Kritiker als Spielverderber: “Independence Day“ von Roland Emmerich – nein, danke (= 1 PÖNI).

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