Heute bin ich blond Kritik

HEUTE BIN ICH BLOND“ von Marc Rothemund (D/Belgien 2012; B: Katharina Eyssen, nach dem Roman „Heute bin ich blond: Das Mädchen mit den neun Perücken“ von Sophie van der Stap; K: Martin Langer; M: Mousse T.; 117 Minuten; Start D: 28.03.2013); die am 11. Juni 1983 in Amsterdam geborene Sophie van der Stap war Studentin der Politikwissenschaft, als bei ihr im Frühjahr 2005 ein besonders tückischer Krebs („Rhabdomyosarkom“) diagnostiziert wurde. Sie nahm den Kampf gegen diese bösartige Krankheit auf, teilte sich in Tagebuchform per Internet-Blog mit, konnte durch mehrere Chemotherapien genesen. Ihre Erfahrungen verarbeitete sie in dem 2006 erschienenen Buch „Meisje met negen pruiken“, das 2008 auch bei uns herauskam. Die deutsche Verfilmung – etwa wieder „so eine“ Trauerschmonzette in Sachen „Krebs & ich“? Keineswegs. Regisseur Marc Rothemund, 44, zuletzt angenehm komisch mit „Mann tut was Mann kann“ im Lichtspielhaus, setzt auf behutsames, unkitschiges Timing, eine glaubwürdige Szenerie und kann mit einer überzeugenden Entdeckung LISA TOMASCHEWSKY aufwarten.

Sie ist 21, lebenslustig, gesellig, auf der beginnenden Überholspur des flotten Lebens. Doch dann trifft Sophie buchstäblich der Schlag. Krebs. Im Lungenflügel. Extrem fies. Überlebenschancen – weit weniger als 50 Prozent. Nach dem Schock beginnt sie mit dem Aufbäumen. Verheimlicht ihre Krankheit nicht, sondern geht „offen“ im engen Kreis damit um. Dadurch kann sie auf „gute Unterstützer“ setzen. Aus der zusammenhaltenden Familie wie auch über den kleinen, aber feinen Freundeskreis. Dadurch ist sie in der Lage, die nächsten 54 sauschweren Wochen durchzustehen. Zudem – von wegen Lebenspause. Will Sophie nicht. Akzeptiert sie nicht. Wo und wie immer es geht, tritt sie auch gegen den routinierten wie (natürlich) tristen Krankenhausalltag an. Begehrt dagegen auf. Mit „ziemlichen Eskapaden“. „Dafür“ schafft sie sich Perücken an. Gleich neun am Stück. Blond, brünett, rot…, für jede Stimmungslage eine. Für die Momente „draußen“. Wo sie IHR Leben stundenweise weiterlebt. Ohne Leidensgraus, sondern mit Wut, Willen, Wollen. So gut es eben geht. Oder schlecht. Halt. Die 21jährige Sophie lässt jedenfalls „angefressen“ ihre Stinkefinger ´raus. Gegenüber diesem Dreckskrebs. Wo und wie immer es möglich ist. Und die Rückschläge sind enorm.

Keine Heldin im Superkampf. Mit ihrem Körper. Kein gefühlsduseliger Blödsinn um ein besonders toughes Mädel. Sondern die emotional wie erzählerisch plausibel angesetzte Geschichte einer jungen Frau, die „ihren Zustand“ zwar „zur Kenntnis“, aber nicht zum Anlass nimmt zu resignieren. Ganz im Gegenteil und mit viel Beistand von „Drumherum“. Ohne Sprücheklopfereien, Überärzte und Wunderheilung, sondern als Wahrnehmung von „Chance“. Ich lebe, also bin ich. Tue ich. Etwas. Oder mehr. Verantwortlich für mich. Dabei tönt nix von „wilder“ Betroffenheit und Rührseligkeiten – dank LISA TOMASCHEWSKY als Sophie. SIE ist ein Glücksfall. Inmitten eines angenehmen wie unaufgeregt agierenden Stichwort-Ensembles schafft SIE die sensible Führungsbalance zwischen Entsetzen und Nichtresignation. Zwischen Horror und Optimismus. Zwischen Anlehnen und Auflehnen. Ein „Krebsfilm“ als „vitaler Unterhaltungsfilm“, geht „so etwas“? Überhaupt? Durchaus, und sogar absolut beeindruckend. Akzeptabel. Mut machend (= 3 ½ PÖNIs).

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