Haus auf Korsika Kritik

DAS HAUS AUF KORSIKA“ von Pierre Duculot (B+R; Belg/Fr 2011; 82 Minuten; Start D: 12.07.2012); der Debütfilm des 1964 in Lüttich geborenen Lehrers, Journalisten und Dokumentar- und Spielfilm-Produzenten sowie erfolgreichen Kurzfilmers, Originaltitel: “Au cul le loup“ (= also etwa und ganz frei: “Am Arsch der Welt“) ist ein Juwel. Dessen ironisches Frage-Motto der Autoren-Regisseur im Presseheft vorgibt: „GIBT ES EIN LEBEN VOR DEM TOD?“ Um dann zu erklären: „MAN MUSS GEGEN DIE FRUSTRATION ANKÄMPFEN“.

Christina ist fast 30. Schon im „stampfenden“ Gehen drückt sie ihre ganze Unruhe aus. Christina (CHRISTELLE CORNIL) lebt seit vielen Jahren mit ihrem vergleichsweise ruhigeren Freund zusammen. Und jobbt lustlos in der Pizzeria ihres Sozusagen-Schwiegervaters. In der kleinen italienischen Kolonie der belgischen Bergarbeiterstadt Charleroi. Als sie von der verstorbenen Oma ein Haus in der wohl ab gelegensten Region auf der Insel Korsika erbt, verschachert sie es nicht wie von der Familie schnell gewünscht, sondern schaut sich „dort“ erst einmal um. Übernimmt eine wahre Bruchbude in der Wildnis. Kommt mit den Einheimischen in Kontakt. Möchte das Haus wieder bewohnbar machen. Entdeckt hier ihre eigentlichen familiären Spuren. Müht sich ab, fühlt zwischen Überforderung und Trotz, und kriegt mehr und mehr DAS (Lebens-)Gefühl für „dort“. Nimmt die einzigartige Landschaft und die (innere) Ruhe an. Und auf. Christina weiß plötzlich und endlich, was sie nicht (mehr) will. „Mir reicht es, immer vernünftig zu sein“, erklärt sie ihrer überraschten Familie. Die DAS nicht begreift. Vor allem der aufbrausende Vater – nicht zu begreifen vermag.

Eine Frau geht ihren Weg. Sucht ihren individuellen Lebens-Wert. Gegen alle rationalen Widerstände, mit viel Wagemut und Verunsicherung. Eine ganz einfache Geschichte. Ohne Verklärung, Heldenfabel, Mätzchen. Und auch ohne viele oder gar große Worte. Mit überwältigender Landschafseinnahme (Kamera: HICHAME ALAOUIÉ). Sowie über das Gesicht und der leisen Körpersprache dieser eindringlichen, faszinierenden, bei uns wenig bekannten 33jährigen CHRISTELLE CORNILL. Als (zunächst), Loriot sei Sprachschöpfungs-Dank, „mausgraue“ Christina. Die empfindsam wie störrisch „ihr Ding“ konsequent durchzieht. Und die durch ihre Alleininitiative seelisch immer mehr aufblüht. „Ich liebe dieses Haus, ich fühl’ mich da wohl, es bedeutet mir viel“, versteht dann sogar ihr Vater.

Ein Selbstfindungsfilm von grandioser Ruhe. Als atmosphärische Poesie. Mit spiritueller Spannung. Also – von betörendem Reiz (= 3 ½ PÖNIs).

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