Frau in Gold Kritik

DIE FRAU IN GOLD“ von Simon Curtis (GB/USA 2014; B: Alexi Kaye Campbell; K: Ross Emery; M: Martin Phipps, Hans Zimmer; 98 Minuten; Start D: 04.06.2015); IHR zuzusehen, zuzuhören, ist eine Wonne und Ehre; bedeutet = einem großen Vergnügen beizuwohnen. HELEN MIRREN, 69 göttliche Jahre jung. Die „Oscar“-Lady („Die Queen“) ist eine d e r Künstlerinnen, die es vermag, schon beim Anzünden einer Zigarette auf der Leinwand für „inneren Radau“ zu sorgen. Sie kann mit minimal-faszinierendem Aufwand die vollendete Aristokratin ebenso kunstvoll zum Leben erwecken wie eine Proll-Furie („R.E.D. 1+2“) und war Alfred in „Hitchcock“ eine wahre Ehefrau und clevere Beraterin. Sie begeisterte 2003 als eine der reifen „Kalender Girls“ und triumphierte in der vielfach ausgezeichneten britischen Krimi-Serie „Prime Suspect“ (deutscher Titel: „Heißer Verdacht“/1991-2006) als hochrangige Polizeibeamtin, die sich nicht nur mit schrecklichen Kriminalfällen, sondern auch mit dem Sexismus und den Vorurteilen ihrer Umgebung auseinanderzusetzen hatte.

Dieser Film basiert auf Tatsachen. Auf historischen Ereignissen. Gustav Klimt, einer der bedeutendsten österreichischen Maler (1862 – 1918), malt 1907 Adele Bauer, die junge Frau des Zuckerfabrikanten und Kunstliebhabers Ferdinand Bloch. (Als Ehepaar führten sie den Doppel-Nachnamen Bloch-Bauer). Das Ölgemälde wird unter dem Namen „Goldene Adele“ berühmt. Und kostbar. Also „wert-erheblich“. Als wir in diesen Film einsteigen, zählt es zu den Prunkstücken der Gemäldesammlung von Schloss Belvedere in Wien. Gilt als österreichische „Mona Lisa“.

Ihr Name: Maria Altmann (HELEN MIRREN). Die ältere Dame lebt in Los Angeles und ist die Nichte von Adele Bloch-Bauer (die 1925 verstarb). Als die Nazis Österreich im März 1938 annektierten, begann auch hier die Verfolgung und Vernichtung jüdischer Bürger. Wurde jüdisches Eigentum „übernommen“. Auch die Bloch-Bauers verloren alles. Die Familie wurde zerstört. Maria konnte mit ihrem Ehemann Fritz Altmann in die USA fliehen. 1943 wurden die enteigneten Klimt-Werke unter der Ägide der österreichischen Nazis in eine Ausstellung aufgenommen. Nach Kriegsende „übernahm“ Österreich die Bilder. Als natürliches National-Gut.

1998. Maria Altmann findet im Nachlass ihrer Schwester Unterlagen, aus denen hervorgeht, dass SIE die rechtmäßige Erbin von fünf Gustav Klimt-Gemälden ist. Maria Altmann, die sich geschworen hat, nie mehr einen Fuß auf österreichischen Boden zu setzen, bittet einen Freund der Familie um erst Rat und dann juristischen Beistand: Randy Schoenberg (RYAN REYNOLDS). Er ist ein Enkel des berühmten Komponisten Arnold Schönberg, ebenfalls ein Wiener Flüchtling, und ein junger, unerfahrener Anwalt. Übernimmt trotz aller Gegenstimmen, Ablehnung in der eigenen Kanzlei und einer enormen rechtlichen Anti-Stimmung von wegen „totaler Aussichtslosigkeit“, „den Fall“: Maria Altmann gegen den Staat Österreich. Es wird eine „happige“ Konfrontation. Auseinandersetzung. Eine ellenlange Juristen-Schlacht. Vollgepackt mit persönlichen und gespaltenen Bewegungen. Schmerzhaften Empfindungen. Die Narben der Erinnerungen brechen auf.

Die Lady und der Boy. Gegen eine ganze Heerschar von listigen Zehnmalklugen treten sie an. „Involvierten“ staatlichen Mandatsträgern. Bürokratischen Amtsinhabern. Dazu – die immer wieder auftauchenden, wiederkehrenden Zweifel. Mit diesen Anfällen von Resignation mit Aufgabe-Gedanken. Immer wieder weggewischt durch engagierte Unterstützer. „Die Frau in Gold“ ist ein packender KINO-Stoff. Thriller-Kunst par exzellence. Voll mit aktuell politischen Gedanken und Dimensionen (das derzeit vieldiskutierte Thema der NS-Kunstgut-Verschleppung; die Kontroversen um den Kunstsammler Cornelius Gurlitt / neulich Hollywood-Film „The Monuments Men“ mit George Clooney); spannend in den Zeitsprüngen zwischen Nazi-Terror und heutigen Besitzargumenten; mitreißend als diskretes Gerichts-Drama. Beeindruckend als „Duell“ hervorragender Darsteller, zu denen auch DANIEL BRÜHL als linker österreichischer Journalist und Aktivist, Elizabeth McGovern als Richterin, Jonathan Pryce als Oberster Bundesrichter sowie die deutschsprachigen Akteure Justus von Dohnány und Tom Schilling zählen. Hochemotional in der eleganten Gestaltung. Angenehm zurückhaltend in der musikalischen Begleitung von Martin Phipps & Hans Zimmer.

Der britische Regisseur SIMON CURTIS, 44, der 2011 mit „My Week with Marilyn“ (s. Kino-KRITIK) debütierte und dessen Mitwirkende Michelle Williams und Kenneth Branagh damals eine „Oscar“-Nominierung erhielten, hat mit dem namhaften britischen Bühnen-Autoren ALEXI KAYE CAMPBELL („The Pride“), der hier sein erstes Kino-Skript einbrachte, einen erstklassigen Ideen- und Story-Lieferanten an seiner Seite. Während die Kamera des Australiers ROSS EMERY bisweilen mit Wiener Art Déco- und Jugendstil im herrlichsten Fein-Glanz schwelgt. Autor und Regisseur überzeugen mit einem Spielfilm, dessen unterhaltsame Spannungsmotive auf vielerlei „Feldern“ brillieren. Dabei – einmal mehr – an der stimmungsvollen Rampe und gleichzeitig so unwiderstehlich herrlich mürrisch wie grandios-bezaubernd-verletzlich: Die phantastische HELEN MIRREN. Plus ihrem charmant-beharrlichen Stichwortgeber-Partner RYAN REYNOLDS – ein Hoch-Genuss (= 4 PÖNIs).

Teilen mit: