Flight Kritik


FLIGHT“ von Robert Zemeckis (USA 2011/2012; B: John Gatins; K: Don Burgess; 138 Minuten; Start D: 24.01.2013); die überzeugendsten Alkoholiker in einem Spielfilm waren bisher RAY MILLAND (in Billy Wilders „Das verlorene Wochenende“/“Oscar“ 1945) sowie NICOLAS CAGE (in „Leaving Las Vegas“ von Mike Figgis/“Oscar“ 1996). Jetzt ist der – bislang – zweifache „Oscar“-Preisträger DENZEL WASHINGTON hinzuzuzählen. Für seinen grandiosen Part als Flugkapitän Whip Whitaker hier kann es durchaus in einem Monat die nächste „Oscar“-Auszeichnung für den hervorragenden 58jährigen Mimen geben.

ROBERT ZEMECKIS, geboren am 14. Mai 1952 in Chicago, hat es mit seinen drei „Zurück in die Zukunft“-Späßen (1985, 1989, 1990), mit seinem vorzüglichen Realo-Trick-Vergnügen „Falsches Spiel mit Roger Rabbit“ (1988) und natürlich mit seinem Meisterwerk „FORREST GUMP“ (1994), für den er auch den Regie-„Oscar“ erhielt, sowie mit der Tom Hanks- Robinsonade „Cast Away – Verschollen“ (2000) und dem Trick-Giganten „Der Polarexpress“ (2004) in die Erfolgs- und Bestenlisten der Filmgeschichtsbücher geschafft. Gemeinsam mit dem renommierten Drehbuch-Autoren JOHN GATINS („“Real Steel“; „Dreamer – Ein Traum wird wahr“) setzt er hier voll und ganz auf den ständig “anwesenden“ Denzel Washington. Einem mental unverantwortlichen Wrack. Von einem äußerlich kaum zu erkennenden ständig zugedröhnten Flugkapitän. Der es mit Alkohol und anderen Drogen „nicht so genau“ nimmt. Also diese gerne wie ständig konsumiert. Und „dies“ wie sich „im Griff“ zu haben meint. Auch schon mal in der Nacht vor dem nächsten Flug. Und DER entwickelt sich dann zum Alptraum. Nicht wegen ihm, ganz im Gegenteil. Dank seiner außerordentlichen Flugkünste schafft er es, dass in seiner kaputten Maschine durch eine unglaubliche „Umkehr-Aktion“ und Gleit-Notlandung „nur“ sechs von 102 Menschen sterben. Whip Whitaker wird als kühner Held und wagemutiger Retter anschließend geehrt. Und gefeiert. Doch dann stellt sich heraus, dass er mit viel Alkohol und Kokain im Körper arbeitete. Die anstehende Unfall-Untersuchung könnte für ihn schwerwiegende rechtliche wie berufliche Folgen haben. Bedeuten. Doch da gibt es ja genügend Rückendeckung von der Airline und deren ausgebufften Anwalt (pikobello gewieft: DON CHEADLE) sowie letztlich durch seinen cholerischen „Medizinmann“ Harling Mays (sensationell in seinem herrischen Kurzpart als kumpelhafter Drogenlieferer: JOHN GOODMAN). Es sieht ganz so aus, als könnte der Suffkopp-Captain Whip doch noch seinen ramponierten Kopf aus der juristischen Schlinge bekommen.

Der Anfang ist genial. So dass dieser Film niemals in einem Flugzeug gezeigt werden wird. Dieser eigentlich kurze Flug von Orlando nach Atlanta setzt sogleich „heiße“ Turbulenzen in Bewegung, um dann mit gigantisch-brillant inszenierten Absturzmotiven des Kamera-Experten Don Burgess (Source Code“/2011) „zu glänzen“. Diese erste Filmhalbestunde gräbt sich buchstäblich unter die extrem „angespannte Haut“ toll ein. Doch wer geglaubt hat, in diesem Brachialstil würde es weitergehen, sieht sich (angenehm) getäuscht. Aus „Flight“, dem Actionfilm, wird „Flight“, das Juristen-Drama sowie „Flight“, DAS packende, weil exzellent gespielte Porträt eines uneinsichtigen Säufers. Denzel Washington begeistert in dem Mix aus Suffdämon und Mitleidsmensch. Durch kleinste Bewegungen des Körpers sorgt er für charakterstarke Dichte und Neugier-Nähe. Robert Zemeckis gibt ihm, überlässt ihm die „große Bühne“, und was Denzel Washington daraus macht, entwickelt, ist ganz große Darstellungskunst. „Mundwinkel“-Kunst sozusagen. Spannend, dramatisch, die gesamte körpersprachliche Seelentaltiefe glaubhaft anbietend. Auslotend. „Flight“ bedeutet = ist = DIE Performance von einem der weltbesten Schauspieler der Gegenwart!

Lediglich am Schluss wird’s „amerikanisch“, wenn Hollywood mal wieder die dicke Moralkeule (doch wieder) herausholt, um „korrekt“ zu sein. Diese Ladung verpufft, wirkt geschmäcklerisch, unangemessen, kann aber den überwiegend hervorragenden, power-atmosphärischen wie darstellerisch grandios-eindrucksvollen Gesamteindruck kaum (nur unerheblich) verwischen. „Flight“, mit einem anderen Schluss, wäre ein Meisterwerk, „so“ aber verdient er „nur“ das Niveau-Prädikat „SEHR GUT“ (= 4 PÖNIs).