Finger – Zärtlich und brutal Kritik


FINGER – ZÄRTLICH UND BRUTAL“ von James Toback (B+R; USA 1978; 90 Minuten; Start D: 10.04.1981)

„Meanstreets – Hexenkessel“, “Taxi Driver“ – es ist interessant geworden, exzentrische, exotische Einzelschicksale aus dem Dampfkessel New York zu erzählen und sie als gemeinschaftliches Allgemeingut zu beschreiben in gestochen-scharfen Bildern, die den Müll erst so richtig“ platzieren, in actionreichen Details, um die spannungsgeile Unterhaltung (Motto: Das, was das Fernsehen nie bietet) anzuheizen. Es muss schon was besonderes sein, um die (jungen) Leute zu reizen, ins Kino zu kommen. Und die Faszination an den Auswüchsen dieser Sündenbabel-Metropole ist natürlich ebenso reißerisch wie kassenträchtig; es ist schone toll mit anzusehen, wie viehisch „woanders“ geliebt, gestritten, gesoffen, gemordet wird, wie verkommen das da zugeht – dort, weit weg von uns.
Natürlich ist zu differenzieren, Scorsese hat ja wirklich packende Filme über New York und ein paar seiner Typen gemacht, doch Gedanken dieser Art kommen bei dem Erstlingsfilm des 37jährigen James Toback auf, der sich auch daran gemacht hat, das Schicksal eines Einzelhelden aus dem New Yorker Sumpf zu verfolgen: das des Jimmy „Fingers“ Angelelli (HARVEY KEITEL).

Der ist zunächst mal ein begnadeter Klavierspieler. In der ersten Einstellung beobachtet die Kamera, wie er am großen Flügel sitzt und mit geradezu wahnsinniger Hingabe eine Bach-Fuge spielt. Die Kamera bleibt eine Zeitlang starr, unbeweglich, „atemlos“, um den Vortrag von Jimmy ja nicht zu stören. Dann blickt Jimmy aus de, Fenster, sieht eine junge Frau, die offensichtlich zugehört hat. Er gleich runter auf die Straße, spricht sie an. Sie akzeptiert die Einladung nach Hause gebracht zu werden; eine Tatsache, die Jimmy so nervös macht, dass er unterwegs gleich einen Auffahrunfall verursacht. Und so langsam lernen wir den wirklichen Jimmy kennen: einen, der am Klavier ausrastet, für den Klavierspielen die totale Befriedigung bringt, der aber auf ständige Probleme stößt, wenn er sich den Schwierigkeiten und Problemen „draußen“ stellen muss. Er rennt ständig mit einem Kassettenrecorder durch die Gegend, aus dem die Pop-Hits der 50er und 60er Jahre tönen. „Du bist nicht verrückt, du hast nur Angst“, meint Carol (TISA FARROW), seine Straßenbekanntschaft, zu ihm. Und schickt ihn weg, weil sie seine aggressive Unruhe nicht aushält.

Jimmys Vater ist ein Gangster, der illegale Wetten betreibt, und für den Jimmy früher mal die Schulden eintrieb. „Auf Geld steh‘ ich nicht“, meint Jimmy, als sein Vater ihn auffordert, ihm mal wieder zu helfen und das Geld von zwei Kerlen ranzuholen. Jimmy will nicht, will noch in dieser Woche bei einem Professor vorspielen, will endgültig zur Musik umsteigen. Aber er übernimmt die Sache und erledigt auch den ersten Auftrag beinahe im Vorübergehen. Beim zweiten wird es nicht so leicht, man trickst ihn aus, Jimmy landet für eine Nacht hinter Gittern. Sein Vorspieltermin naht. Es geht schief: „Ich spiele alles, wenn ich allein bin. Aber wenn Leute dabei sind, dann kann ich mich nicht entspannen, meine Hände funktionieren nicht richtig, mein Verstand funkt ständig dazwischen“, versucht er bei seiner Mutter Hilfe zu bekommen. Aber die lebt in einer Anstalt, ist psychisch selbst ein Wrack. Jimmy ist nun wie ein Tier, gehetzt, völlig aufgelöst, läuft er in seiner Wohnung hin und her. Als die Nachricht kommt, dass man seinen Vater umgebracht hat, kann er sich nicht mehr beherrschen. Im Treppenhaus eines Clubs, unbemerkt von Gästen und Passanten, ereignet sich ein Massaker.

„Es ist ein Melodrama. Filme, die mit einem Happy End schließen, machen mich depressiv, weil ich weiß, dass die Realität ganz andere Wege beschreitet. In meiner Jugend habe ich alle Filme mit Doris Day gesehen, und ich war danach jedes Mal sehr unglücklich. Nach einer Tragödie fühle ich mich viel besser“, meinte Regisseur Toback, als er im Oktober vorigen Jahres seinen Film in Hof bei den Filmtagen vorstellte. Ich fühlte mich, vor allem nach diesem wahnwitzigen, grauenvollen Schluss (Jimmy reißt einem Gangster die Hoden ab), keineswegs sehr wohl, als das Licht im Kino wieder anging. Was der Kino-Neuling, der 1974 das Drehbuch zum Karel Reisz-Streifen „Der Spieler“ verfasste, beabsichtigte , ist klar, aber so nicht: der Film ist ein Psychogramm eines an seiner Umwelt erkrankten Außenseiters. Ein New Yorker Outlaw, der dem bürgerlichen Leistungsdruck nicht standhält, der sich aber auch nicht total in den Gangster-Abgrund seines Vaters begeben will. Der den Traum eines berühmten Pianisten träumt und völlig zerstört ist, als er merkt dass er das, trotz seines Talents, nie packen wird. Der Berührung sucht, Zärtlichkeit, Liebe, aber selbst nur unzulänglich in der Lage ist, sich zu öffnen, sich mitzuteilen. Jimmy ist ein isoliertes, seelisch eingekeiltes Wesen, misshandelt von anderen, aber auch durch sich selbst.

Harvey Keitel spielt diesen Jimmy mit einer hingebungsvollen Anteilnahme und Leidenschaft. Seine Finger, seine Augen, sein ganzer Körper sind ständig in Aktion. Unruhig, fahrig, hektisch, lauernd. Ein wildes Tier in einem Käfig. Man bekommt ein Gefühl für diesen Typ, der alles andere als „eiskalt“ ist und wird und sich selbst mehr Schmerzen zufügt als den anderen. Aber Regisseur Toback versteht es nicht, dieses Gefühl auf seinen ganzen Film überlaufen zu lassen. Er versteht es nicht, seinem Klima außergewöhnlich Merkmale und Zeichen beizufügen, etwa solche, die seine Bilder und seinen Helden in irgendeine Verbindung mit dem „wirklichen“ New York bringen. Jimmy, das ist eine ganz private (Film-) Geschichte, Toback behauptet mit einer „Reihe mir persönlich unbekannter Einzelschicksale“ und autobiographischen Anklängen, und wirkt wie ein (interessantes) Kunstprodukt inmitten von bekannten, „hingestellten“ Kunstprodukten: Orgasmus am Klavier, Sex auf dem Klo, der Vater ein abgehalfterter Mafiosi, die Mutter irre (wo ist die behinderte Schwester?), die Frauen erotische Monster. „Sie sind alle Huren. Ohne Ausnahme“, lässt Toback einmal Jimmy Vater sagen, und entsprechend sind sie auch im Film verteilt: Fleischliche Zugaben mit Unterleib, aber ohne Kopf.

Regisseur Toback ist mit genauso viel Männlichkeitswahn angetreten wie so viele vor ihm, differenziert herzlich wenig und überlässt vollends den Kerlen die Domäne. Mit Abschwächung. Im letzten Bild sitzt Jimmy nackt am Fenster, eine Hand aufs Glas gestützt und blickt uns fragend verstört an. Der Mann – die geschundene Kreatur…(= 2 PÖNIs).

Teilen mit: