Familienbande Kritik

FAMILIENBANDE“ von Mark Noonan (B + R; Irland 2014; K: Tom Comerford; M: David Geraghty; 81 Minuten; Start D: 19.11.2015); normalerweise wird vor Filmen wie „Familienbande“ eher gewarnt (oder, wie neulich, vor dem deutschen Palaver „Familienfest“), geht es doch nur darum, abendfüllend völlig verkorkste Familien-Gestalten „lecker“ vorzuführen. Schau‘ doch mal, wie dämlich die sich benehmen, wie beknackt, wie gestört DIE sind. „Dafür“ gehe ich ungerne ins Kino.

Hier – ganz anders. „Familienbande“ fiel schon bei der diesjährigen Berlinale innerhalb der Sektion „Generation“ angenehm auf. Lief dort unter seinem Originaltitel „You’re Ugly Too“ („Du bist auch hässlich“). Erzählt eine kleine, aber höchst feine Geschichte. Mit hervorragenden Schauspielern. Stichwort: Irisch-ironische Melancholie pur.

Die 11jährige Stacey (LAUREN KINSELLA) hat einst ihren Vater und jetzt auch die Mutter verloren. Ihr einziges Familienmitglied ist Onkel Will (AIDAN GILLEN). Der sitzt für vier Jahre im Knast, wird aber auf Bewährung entlassen, mit der Auflage, sich künftig um Stacey zu kümmern. Die sonst in ein Heim müsste. Mit einem klapperigen Auto geht es von Dublin aus in die Midlands. Dem dünnbesiedelten Herz der Grünen Insel. In einen Trailerpark. Hier haben die Mutter und ihr Bruder einst in einem Wohnwagen gewohnt. Jetzt also Nichte und Onkel. Beziehungsweise umgekehrt. Aber: Kein Geplärre ist angesagt, man begegnet sich quasi „auf Augenhöhe“. Mit handfestem Scharmützel wie auch mit ironischer Verbal-Klinge.

In einem Hollywoodfilm würde jetzt gebrüllt, getobt werden, konstruierte Probleme würden hochgeschaukelt werden, nichts davon hier. Schlitzohrigkeit anstatt vehemente Bockigkeit, abseits jedweder markigen Gefühlsduselei. Stacey, die immer wieder unvermittelt, bei stressigen Situationen, einschläft und von der örtlichen Schule deshalb nicht aufgenommen wird, leidet unter Narkolepsie, an ihren Tabletten „bedient“ sich fortan auch Will. Den Stacey gerne mit einer verheirateten Nachbarin und ehemaligen Lehrerin verkuppeln würde, die sich bereit erklärt hat, sie zu unterrichten.

Unruhige Zeiten für Will, der sich jeden Abend telefonisch beim Bewährungshelfer melden muss. Und der sich natürlich der Frage irgendwann zu stellen hat, wohin die Reise künftig gehen soll. Als Ersatz-Vater oder weiterhin solo?

Der 1982 geborene, in den Midlands aufgewachsene und in Dublin lebende Drehbuch-Autor und Regisseur MARK NOONAN studierte Architektur an der Universität in Dublin, begann die Zusammenarbeit mit der renommierten Dubliner Filmproduktionsfirma „Venom“. 2007 entstand sein erster Kurzfilm „Fragen“. In seinem langen Erstlingsfilm geht es ihm heuer nicht ums „dicke“ in Sachen Reden, Bewegen, Lärmen. Oder um große Gesten oder umfangreiches „Problem-Pusten“. Vielmehr deutet er die „emotionalen Dinge“ lieber an, lässt sie schweben, bezieht den Zusehenden sensibel mit-ein. Was ihm deshalb so vorzüglich gelingt, weil er in den beiden Hauptpersonen wunderbar ausdrucksstarke Darsteller verpflichtete: Zum einen in der jungen LAUREN KINSELLA. Sie war gerade einmal 7, als sie 2009 in „Albert Knobbs“ neben Glen Close und Mia Wasikowska vor der Kamera stand. Seitdem hat sie in mehreren populären irischen TV-Serien mitgespielt („Fair City“; „Roy“).

In der schwierigen, weil personen-zerrissenen Stacey-Großrolle ist sie körpersprachlich präsent und außerordentlich überzeugend. Nicht zufällig erinnert sie als Stacey an die damals 10jährige Tatum O’Neal, die 1972 in dem fünffach „Oscar“-nominierten Schwarz-Weiß-Road-Movie „Paper Moon“ von Peter Bogdanovich als kesse Addie Loggins begeisterte und – als jüngste Preisträgerin überhaupt – einen „Oscar“ zugesprochen bekam. Mark Noonan nennt im Presseheft als filmische Vorbilder unter anderem diesen zeitlosen Bogdanovich-Klassiker wie dann auch die Filme der belgischen Dardenne-Brüder oder Wim Wenders/“Alice in den Städten“.

AIDAN GILLEN, 46, Will, ist bekannt. Aus der TV-Serie „Game of Thrones“, wo er seit 2011 den gerissenen, intriganten Strippenzieher Patyr „Kleinfinger“ Baelish spielt. Als Vater mit lockerem Widerwillen weiß er vehement-sachte seine Figur „dazwischen“ zu offenbaren. Zwischen verletztem Charakter mit inneren Dämonen und Schelm mit Galgenhumor-Pointen. Lauren Kinsella & Aidan Gillen triumphieren als phantastische Seelenverbindung und paaren dieses kleine Etwas von Film zu einem Juwel (= 4 PÖNIs).

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