Falling Down Kritik

FALLING DOWN – EIN GANZ NORMALER TAG“ von Joel Schumacher (USA 1992; B: Ebbe Roe Smith; K: Andrzej Bartkowiak; M: James Newton Howard; 112 Minuten; Start D: 03.06.1993).

Sein Name: Axel. Sein Alter: 15. Axel ist Anführer einer brutalen Jugend-Gang, die sich nachts in den öden Vororten einer englischen Metropole mit Gewalt “beschäftigt“. Axel wird verhaftet und gerät in die Mühlen von Justiz und Politik. Axel wird umgepolt. Mit einer schnellen und intensiven Therapie. Und siehe da: Aus dem Rädelsführer wird ein friedlicher Mensch. Das war vor 21 Jahren. Axel war der Hauptakteur in der bitterbösen, legendären Farce “Uhrwerk Orange“ von Stanley Kubrick. Und heute treffen wir wieder auf ihn.

Irgendwann ging er nach Amerika, siedelte sich in Los Angeles an, heiratete, bekam eine Tochter. In “Falling Down“, den der deutsche Verleih noch den Zusatztitel “Ein ganz normaler Tag“ aufdrückte, ist der Typ von damals inzwischen im besten Mannes-Alter angelangt. Und: Anonym. Er hat in den gierigen Ronald-Reagan—Jahren als braver Mittelständler einige gute Geschäfte gemacht und steckt nun aber, Anfang der 90er, tief im Verlierer—Schlamassel. Seine Frau ist längst von ihm geschieden, seine Tochter darf er nicht mehr sehen, das Haus seiner ehemaligen Familie darf er nicht mehr betreten. Ein Gerichtsurteil hat alles geregelt. Außerdem ist er arbeitslos. Am Beginn
von “Falling Down“ steckt dieser Typ dort, wo inzwischen viele Menschen viel gute Zeit verplempern: Im Stau. Es ist der 12. Juni 1991 und der heißeste Tag des Jahres. Der Stau, die Hitze, der Lärm…: Der Mann hat die Faxen endgültig dicke. Er, der mit seinem sauberen weißen Hemd, der Krawatte und der Diplomatentasche wie ein lieber Daddy auf dem Heimweg aussieht, verlässt sein Auto. Lässt das einfach mittendrin im Stau “herrenlos“ stehen. Basta. Fortan lernen wir den Mann als “D-Fens“ kennen, was so viel heißt wie “Verteidigung“ und auf dem Nummernschild seines Wagens stand. D-Fens will nach Hause. Sagt er. Doch erst einmal will er telefonieren, doch das Kleingeld einzuwechseln, erscheint angesichts der Unhöflichkeit des Lebensmittelkaufmanns unmöglich. Worte, Zwist, Kabbelei, und D-Fens ist plötzlich im Besitz eines Baseball-Schlägers. Mit dem er sich danach zwei Gang-Typen vom Leibe halten muss, die ihn anmachen, weil er sich auf “ihr Territorium“ begeben hat. Als sie zurückkehren, ist eine größere Blutspur gelegt, während D-Fens nun im Besitz eines riesigen Waffen-Arsenals ist.

Prendergast taucht auf. Der hat heute seinen letzten Tag als Polizist und blickt als einziger durch. Kann richtig kombinieren, die Spuren zusammensetzen und hetzt schließlich D-Fens hinterher. Der Sheriff und der Gangster. Ein Großstadt-Western. Nur: So einfach sind die Rollen eben nicht verteilt. “Falling Down“, zu Deutsch: Hinfallen, Hinunterfallen, handelt von verkommenen, verlorenen Werten. Gesellschaft, Demokratie, Moral, Familie, Anstand: Alles befindet sich auf dem ebenso zynischen wie satirischen Prüfstand. D-Fens, bombastisch vorgeführt von Michael Douglas, sieht keinen Sinn mehr in Disziplin, Ordnung, Regeln. Ein Bürger, der sich nicht mehr beherrschen kann und ausrastet. Zweifellos: Ein Gestörter, ein Verrückter, ein Krimineller. Aber: Ist “nur“ ER schizophren? Die Bilder des Films sprechen eine irritierend-doppeldeutige Sprache. Stichwort: Der inzwischen alltägliche, “normale“ Wahnsinn um uns herum. Symbolisch wie real. “Falling Down“ ist ein hervorragender Polit-Thriller und zugleich eine schwarzhumorige, bitterböse Zivilisations-Satire. Der Film trifft Schädel und Bauch gleichermaßen hart und packend und geht, glaube ich, vor allem Großstadt-Menschen sehr präzise an die gespannten Nerven.

“Uhrwerk Orange“ hat einen würdigen Nachfolger: “Falling Down“. Will sagen: Die Uhr tickt provozierend weiter. An einem “ganz normalen Tag“: Heute (= 4 PÖNIs)!