Fair Game Kritik


FAIR GAME“ von Doug Liman (K+R; USA 2009; 105 Minuten; Start D: 25.11.2010); der am 24. Juli 1965 in New York City geborene Sohn von Arthur L. Liman, einem der Ankläger in der Iran-Contra-Affäre 1985/86 unter Ronald Reagan, ist sowohl als Kameramann wie auch als Produzent und Regisseur tätig. Bekannt wurde Doug Liman mit seinem Anfangs-Überraschungserfolg „Swingers“ (1996), natürlich 2002 mit dem bondähnlichen Action-Thriller „Die Bourne Identität“ (mit Matt Damon + Franka Potente) sowie 2005 mit dem Action-Hit „Mr. & Mrs. Smith“ (mit Angelina Jolie + Brad Pitt). Sein neuer Film, der übersetzt sowohl „Faires Spiel“ wie auch „Freiwild“ bedeutet, lief im Frühjahr als einziger USA-Beitrag im Wettbewerb vom 63. Cannes-Filmfestival. Basiert auf den Büchern „The Politics of Truth“ von Joseph Wilson und „Fair Game“ von Valerie Plame und führt den filmenden Polit-Aktivisten Doug Liman mit dem heute 50jährigen Polit-Aktivisten-Schauspieler und zweifachen „Oscar“-Preisträger SEAN PENN („Mystic River“/2004; „Milk“/2009) zusammen. Dabei ist „Fair Game“ ihr unermüdlicher wie weitere couragierter Hollywood-Versuch, sich auch an eigene, intensive, „hausgemachte“ politische Kritik-Stoffe im Unterhaltungskino heranzuwagen; wohl wissend, dabei keineswegs „massenkompatibel“ zu sein (siehe „Syriana“ von George Clooney neulich oder „Green Zone“ von Paul Greengrass kürzlich).

Die böse Geschichte beginnt (bekanntermaßen) im Frühjahr 2003. Ist also noch gar nicht so lange aus den Schlagzeilen. US-Präsident George W. Bush, Jr. hat in seiner berühmten „State of the Union“-Rede am 20. März erklärt, dass der Irak aus Afrika Uran bezieht für die Herstellung von Massenvernichtungswaffen. Der Grund für eine Invasion sei dadurch gegeben. HEUTE wissen wir, dass dies nur ein vorgeschobener Grund für den Einmarsch und den Kriegsangriff im Irak war. DAMALS wusste dies aber bereits der Ex-Botschafter Joseph C. Wilson (Sean Penn). Denn DER war von offiziellen CIA-Amtsstellen kurz zuvor beauftragt worden, im afrikanischen Niger nach den ominösen 500 Tonnen radioaktiven Materials zu recherchieren. Wilson fand nichts, konnte auch nichts finden, wie er feststellte, denn es gab nichts zu finden. In einem Memorandum teilte er dies seinen CIA-Auftraggebern mit. Als Bush sich dennoch auf seine (angeblichen) „positiven Ermittlungen“ berief und den Angriff für zwangsläufig und rechtens erklärte und befahl, platzte Joseph Wilson der Kragen.

In einem „New York Times“-Artikel vom 6. Juli 2003 publizierte er einen eigenen Artikel mit der Schlagzeile „What I Didn´t Find in Africa“ (Was ich in Afrika NICHT fand) und warf der Regierung eine vorsätzliche Manipulation der Fakten vor. Die Antwort der „obersten amtlichen Stellen“ folgte bald: Wilson wurde zur „persona nongrata“ erklärt. Als Lügenbold, Wichtigtuer und Kommunist hingestellt, verunglimpft. „Offiziell“ wie vor allem privat. Das Land hatte sich in der Mehrzahl auf den Krieg eingeschossen, ihn für unvermeidbar „verstanden“, da er ja „plausibel“ von der Obrigkeit (und seinen willfähigen Medien) begründet wurde. Wilson galt fortan als ein „(Zer-)Störer“, ein Anti-Amerikaner, ein Feigling und Feind. Und noch schlimmer: Ehefrau Valerie Plame (NAOMI WATTS), nach außen hin eine vielbeschäftigte Karrierefrau in einer Finanzdienstleister-Firma, wird nun auch zerfleischt, öffentlich hingerichtet. Denn insgeheim arbeitet sie schon seit vielen Jahren – seriös wie erfolgreich – als getarnte, unerkannte CIA-Agentin. „Süffisant“ wird dies nun aus „hochrangigen Kreisen“ publik gemacht. Mit allem Drum und Dran. Ihre Identität wird bewusst zerstört. Damit sind Arbeit, Ehe, Leben und Ehre des Ehepaars und ihrer Kinder bis auf Übelste beschädigt. Amerika zieht – vorerst – optimistisch mal wieder in den Krieg. Die „Nestbeschmutzer“ können den Machthabern im Weißen Haus nichts mehr anhaben. Oder?

POLITIK, schmutzige, dreckige, manipulierende Nadelstreifen-Politik, und ihre „technischen“ wie menschlichen Hintergründe. Man trifft sich gerne „außerhalb“ des Büros auf den bekannten Bänken, um sich auszutauschen („…denkt an Eure Kinder, wollt ihr künftig nicht ruhig weiterleben?“); man blickt in die zynischen Gesichter und Gedanken der Entscheider, wenn sie kalt ihre Lügen-Entscheidungen treffen, die mit so vielen schlimmen Folgen, Auswirkungen und weltweiten Entsetzlichkeiten zu tun haben werden (ohne dass sie, bis auf einige wenige Justiz-Ausnahmen, später zur Verantwortung gezogen werden, wie wir heute wissen).

„Fair Game“ ist ein bitterer, wütender, großartiger Demokratie-Thriller. Erstklassig entwickelt, in den zahlreichen Puzzle-Motiven spannend zusammengefügt, eindeutig Stellung beziehend in Sachen Meinungsfreiheit/Menschwürde während der Bush Jr.-Herrschaft in der obersten Administration der USA. Was er zeigt, sagt, denkt, fühlt ist vorwiegend eine unterhaltsame liberale Widerrede, weil offensichtlich niemand damals ein Interesse daran hatte, Wahrheit zu sagen und Klarheit zu bieten, sondern von Anfang an Einigkeit bestand, dass dieser Krieg „notwendig/erwünscht“ war und Wilson & Plame als Bauernopfer herhalten sollten, mussten. Pech nur, dass DIE keine Doofen sind und irgendwann beschließen, diesen anstrengenden Windmühlen-Kampf doch aufzunehmen.

„Die Verantwortung darf nicht in den Händen einiger weniger Privilegierter liegen“, äußert sich SEAN PENN am Schluss als Joseph Wilson. Mit viel aufrichtiger Ich-Empörung. Souverän tritt der zerknautschte Star in der „politischen Manege“ hier auf und führt den Film souverän, exzellent, klug. Gedanklich wie beeindruckend körperredlich. NAOMI WATTS („King Kong“/2005; „Mulholland Drive – Straße der Finsternis“/2001) hält als intelligente, clevere Undercover-Lady „brüskiert“ mit. Wirkt ebenso tough wie betroffen und aufgewühlt. Ein starkes Gespann. In einem mal ganz „anderen“, ganz hervorragenden Spannungsdenkfilm aus den USA (= 4 PÖNIs).