Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford Kritik


DIE ERMORDUNG DES JESSE JAMES DURCH DEN FEIGLING ROBERT FORD“ von Andrew Dominik (B+R; USA/Kanada 2007; 160 Minuten; Start D: 25.10.2007); einem unbekannten Australier, dessen Debütfilm „Chopper“ ebenso unbekannt ist. Basierend auf dem gleichnamigen Roman von Ron Hanson aus dem Jahr 1984 wird die Geschichte eines POP-STARS im auslaufenden „Wilden Westen“ Amerikas erzählt. Eines Helden/Anti-Helden, der tatsächlich gelebt hat, es zu Lebzeiten bereits schon zum Mythos gewordenen Outlaw gebracht hatte. Das Hollywood-Kino hat ihn schon des Öfteren HELDENHAFT benutzt/“besetzt“, wobei selten auf historische Genauigkeit geachtet wurde: Es begann bereits zur Stummfilmzeit 1921 mit dem Epos „Jesse James under the blag flag“ mit Jesses Sohn Jesse James jr. in der Titelrolle.

Weitere Jesse-James-Filme waren „Jesse James – Mann ohne Gesetz“ (1939/mit Tyrone Power), „Rache für Jesse James“ (Fortsetzung von 1940 unter der Regie von Fritz Lang/mit Henry Fonda), „I shot Jesse James“ (1949/von Sam Fuller) oder „The Last Days of Frank and Jesse James“ (1986/mit Johnny Cash). Nun also die Story von Brutus und Judas, vom Vertrauten, der zum Verräter wird. Der Film nimmtt das letzte Lebensjahr von Jesse James ins Visier. Wir schreiben die Zeiten 1881/82. Jesse James ist für die Einen der ruchlose Mörder, der gemeine Bandit, der fiese Räuber. Für die Anderen im Staate ist er eine bewunderte Legende. Der sein Leben so eingerichtet hat, wie er es für richtig hält. Der sich in keine Ordnung fügt, der sich in keine Gemeinschaft einlässt, der keine Regeln beachtet/einhält/duldet. Unzählige Bücher/Groschenromane/Zeitungsartikel erzählen/berichten von ihm und seinen Bank- und Eisenbahnüberfällen. Auf seinen Kopf ist das größte Lösegeld ausgesetzt, das es jemals gab: 10.000 Dollar. Doch als wir „den wahren Jesse“ im Alter von 33/34 Jahren erstmals sehen, blicken wir auf ein müdes Wrack. Das über-nervös, paranoid und gesundheitlich kaputt erscheint. Zermürbt zwischen der Tarn-Existenz als braver Bürger und dem Tagesgeschäft als Räuber. Er wirkt wie ein Art „Zombie“, der nur noch auf das finale Ende wartet/hofft.

Bruder Frank hat sich schon aus dem Staub, in die bürgerliche Zivilisation gemacht, jetzt taucht das vaterlose „Bübchen“, der 19jährige Bewunderer/Fan/Verehrer Bob, auf. Der sich einschmeichelt/einschleimt, der die Gier eines GROUPIES nach Ebenso-Ruhm zeigt. Hündisch ergeben wie innerlich vollkommen zerrissen. Begriffsstutzig wie auch bauernschlau. Da paart sich die Faszination „für seinen Herren“ mit extremer Geltungssucht. Ein Niemand möchte endlich „erkannt/bekannt“ werden; verlangt nach der Aufmerksamkeit/dem Interesse/den „Streicheleinheiten des Lebens“. Man stelle sich ein dickes Buch vor. Als gewaltige Lektüre. Man beginnt darin zu lesen und kann nicht mehr davon lassen. So ist der Film. Er nimmt sich angenehm-ausgiebig Zeit. Für Personen, Bewegungen, Gedanken, für die Landschaften. Der weite Himmel, die Wolkenspiele, das Gras, die Bäume, die stummen Gesichter. Gesprochen wird nur das Nötigste.

So entsteht ein ambitioniertes, bildergewaltiges, atmosphärisches Western-Werk. Als psychologisches Drama. Spannend allemal, weil die beiden Hauptakteure Absicht + Bilder voll „tragen“: Co-Produzent BRAD PITT spielt beeindruckend-zurückhaltend-dicht diesen Star-Verbrecher mit Todessehnsucht; „gibt“ einen ganz düsteren und dennoch nicht unsympathischen Typ, und wie er diese emotionale Gradwanderung auslotet, ist ein Ereignis; und nicht minder außergewöhnlich ausdrucksstark erweist sich Partner CASEY AFFLECK. Der 32jährige Ben-Affleck-Bruder wird zum gefeierten Newcomer in dieser Kino-Saison, denn auch in seinem nächsten Leinwand-Auftritt – „Gone Baby Gone – Kein Kinderspiel“ (Start: 29. November) – überzeugt er immens. Mit seiner hell weinerlichen Stimme, den unsicheren Körperbewegungen, diesem stets schwer einzuschätzenden spätpubertären Charakter packt er hier als gefährlich-diabolischer Western-„Stalker“.

GROSSEs Erzähl-/phantastisches Darsteller-Kino von knapp 160 faszinierenden Kino-Minuten (= 4 PÖNIs).