Elser Kritik

ELSER“ von Oliver Hirschbiegel (D 2014; B: Fred Breinersdorfer, Léonie-Claire Breinersdorfer; K: Judith Kaufmann; M: David Holmes; 110 Minuten; Start D: 09.04.2015); das erste Mal, als ich von ihm hörte, war 1989, anlässlich der Produktion zum (in englischer Sprache) produzierten deutschen Film „Georg Elser – Einer aus Deutschland“ (s. Kino-KRITIK). Mit Klaus Maria Brandauer als Hauptdarsteller und Regisseur. Traurig und wütend war ich damals, vorher noch nie über d e n Mann gehört zu haben, der maßgeblich zur deutschen Nazi-Historie mit dazu gehört. Danach ist es „allgemein“ weiterhin so geblieben“: Georg Elser, der weithin Unbekannte. Im Lande. Jetzt – endlich – rüttelt ein neuer deutscher Film am erneuten, wichtigen Gedenken an Georg Elser. Zusatztitel: „Er hätte die Welt verändert“.

Wie hätte die Welt wohl ausgesehen, wenn der Schreiner Georg Elser, geboren am 4. Januar 1903 im württembergischen Hermaringen, im schwäbischen Königsbronn lebend, „mit seiner Arbeit“ Glück gehabt hätte. Wenn seine Bombe, die er im Münchner Bürgerbräukeller installierte und auf 21.20 Uhr einstellte, am Mittwoch, den 8. November 1939 tatsächlich d e n vernichtet hätte, für den sie gedacht war: Adolf Hitler. Doch Hitler hatte bereits die Stätte verlassen, als die Bombe explodierte. Und acht Menschen den Tod kostete.

In jenen Tagen. Die Nazi-Brut sammelt „Punkte“. Beim Volk. Ein Volksfest in seinem Heimatdorf bestätigt in dem jungen Georg Elser die Verführbarkeit seiner fröhlichen, schlichten Umgebung. Er beobachtet die Mechanismen der Verführung, den Jubel der Gedankenlosen und Mit-Schreier, die allgemeine Passivität, die schleichende Unterdrückung. Auch in seinem ganz engen privaten Umfeld zeigen sich ähnliche Auswüchse. Schließlich führt der Ehemann seiner geliebten Elsa (KATHARINA SCHÜTTLER) ein diktatorisches, gewaltsames Regiment. Was Elsa stoisch erträgt. Was kann man schon machen. Ist halt so. In dem Bauernsohn, Musikanten und Handwerker aber setzt sich der Gedanke fest, dass „diese Unordnung“ nicht länger Bestand haben darf.

„Elser“ ist ein Film der zwei Zeit-Sprünge. Erstens: Die Ausführung des Attentats; seine schnelle Ergreifung. Zweitens: Zurück ins Jahr 1932 und aufwärts. Elsers emotionale Sturm- und Drangzeit; die einfachen Verhältnisse im Elternhaus, das Sommerbad im Bodensee, seine unglückliche Beziehung zur verheirateten Elsa. Politische Hoffnungskeime durch das Sympathisieren mit kommunistischen Querköpfen. Die gesellschaftlichen Veränderungen im Umfeld. Aus Nachbarn werden Gegner. Kleine Kinder entwickeln sich zum gut „trainierten“ höhnischen Mob. Pure Gehirn-Wäsche: Der ganz gewöhnliche Faschismus in Bewegung. Erstens: Weil die Nazis sich nicht vorstellen wollen, dass hier „nur“ ein Einzelner gehandelt hat, werden „höhere Beamte“ zum Verhör bestellt: Der Chef der Kripo im Reichssicherheitshauptamt Arthur Nebe (BURGHART KLAUßNER) sowie Gestapo-Chef Heinrich Müller (JOHANN VON BÜLOW). Eine klaustrophobische Dunkel-Atmosphäre. Die tagelangen Verhöre. Um „die Hintermänner“ zu finden („Sie werden lachen. Es hätte auch keiner mitgemacht“). Folter. Das Geständnis.

Anspannung: Wir befinden uns im Spannungs-Kino. „Elser“, der neue Film, geht in seiner Emotionalität unter die Haut. In seiner Gedanken-Wut. Weil Oliver HIrschbiegel nicht mit Klischee-Nazis hantiert und einem läppischen Gut-Böse-Duell mit bekanntem Ausgang, sondern behutsam die Personen differenziert porträtiert: Der entsetzte jungen Mann, die brutalen hohen Herrschaften, die die Macht besitzen. Und ihren „Job“ ausüben. BURGHART KLAUßNER, einer unser besten „Nebendarsteller“ („Das weiße Band“; „Goethe!“), besitzt als Kripo-Chef Nebe spürbar innere Zweifel und drückt dies phänomenal in simplen Gesten, Blicken und Kleinstbewegungen aus, während JOHANN VON BÜLOW („Im Labyrinth des Schweigens“) als SS-Müller mit cholerischen Gewaltausbrüchen den primitiven Uniform-Menschen „auf den gemeinen Punkt“ genau ausbreitet. Zwei erstklassige Stichwortführer. Für:

CHRISTIAN FRIEDEL. Der 34jährige Magdeburger Schauspieler („Amour Fou“; „Russendisko“) kriegt als Georg Elser die Balance zwischen junghafter Unschuld und aufwachendem Untertan exzellent hin. Indem er seinen Elser nicht zum heroischen Helden dirigiert, sondern zum normalen Denker. Seher. Erkennender. Der seine „Heimat“ als bedroht empfindet und sich zum Handeln verpflichtet fühlt: „Ich war ein freier Mensch. Wenn der Mensch nicht frei ist, stirbt alles“. Christian Friedel wirkt ganz scheu-stark. Als dieser „unbekannte“ Georg Elser. Der 57jährige Hamburger Regisseur OLIVER HIRSCHBIEGEL, mit „Das Experiment“ (2001) und vor allem mit „Der Untergang“ (2004/mit dem unvergesslichen „Bruno Ganz-Hitler“) in bester Film-Erinnerung, zuletzt mit „Diana“ (2013) voll danebengelegen, hat einen bedenkenswerten, beeindruckenden „Unterhaltungsfilm“ geschaffen, der auch für das Schulkino von erheblichem Informations-Interesse sein sollte (= 4 PÖNIs).