DIE WÜTENDEN – LES MISÉRABLES

PÖNIs:       (4,5/5)

„DIE WÜTENDEN – LES MISÉRABLES“ von Ladj Ly (Co-B + R; Fr 2018; Co-B: Giordano Gederlini, Alexis Manenti; K: Julien Poupard; M: Pink Noise; 102 Minuten; deutscher Kino-Start: 23.01.2020); „Les Misérables“ ist ein Roman von Victor Hugo, der 1862 veröffentlicht und sehr oft verfilmt wurde; zuletzt 2012 als Musical (s. Kino-KRITIK). Neben dem Schicksal von Einzelpersonen steht der Pariser Juni-Aufstand von 1832 im Mittelpunkt des Geschehens. „Die Elenden“ wurde in „‚Die ZEIT‘-Bibliothek der 100 Bücher“ aufgenommen.

Thema: „Les Misérables“ heute. Im – wahrhaftigen – Brennpunkt: Die Vorstädte von Paris. Wo SIE hausen. „Die Elenden“. Zum Beispiel in Montfermeil. Wo auch der Spielfilm-Regie-Debütant LADJ LY aufgewachsen ist. Dessen Familie ursprünglich aus Mali stammt. 2007 veröffentlichte er seinen ersten Dokumentarfilm, „365 jours à Clichy-Montfermeil“. Über die Gewalt, die sich damals in seinem Umfeld entlud. 2008 hatte er – eher zufällig – dort einen brutalen Polizeieinsatz gefilmt, die Beamten wurden aufgrund seiner Bilder-Dokumente später verurteilt.

Und auch bei uns sind die Bilder und Erinnerungen noch präsent: die riesige Saat der Gewalt. Mehr als 10.000 zerstörte Autos, brennende Gebäude, 130 Verletzte, mehrere Tote und Tausende von Festnahmen: Im Herbst 2005 kam es in den Vororten von Paris zu fürchterlichen Unruhen. Auswüchsen. „Natürlich“ auch in Montfermeil, wo die (Überlebens-)Verhältnisse – in diesem 93. Arrondissement von Paris – heute immer noch explosiv sind. Es ist schon während der ersten Filmbilder zu spüren, dass es hier, in dieser Region, in dieser Sozialhölle, nur eines minimalen Auslösers oder Ventils bedarf für eine erneute extreme Gewalt-Rebellion. Diplomatische Politik-Besonnenheit wäre angebracht. In dieser von Armut, Arbeitslosigkeit und Aggressionen zersetzten Gesellschaft. Innerhalb derer sich längst Parallelwelten jeglicher Couleur gebildet haben. Wo sich diverse Clans die Gegend „teilen“. Für den Nachwuchs gibt es keinerlei Perspektiven für eine eigene Zukunft. Sie lernen schon früh wie man „handelt“, um zu überleben.

Von den drei Polizisten, die quasi mit der Spielfilm-Kamera „begleitet“ werden, sind zwei: provozierende Rassisten. Am Schlimmsten: Das abgestumpfte Alphatier, der Choleriker Chris (ALEXIS MANENTI), der dem Neuen in ihrem Streifenwagen, Stéphane (DAMIEN BONNARD), gleich einmal klar-macht wie das hier „so läuft“; nämlich – WIR, „die Guten“-Bullen, haben das Sagen. Wir handeln wie WIR es für richtig halten. Mit aller „gebotener“ Härte. Als „Bestimmer“ der Regeln, als „Herrscher“ in dieser Region. Chris‘ Kollege Gwada (DJIBRIL ZONGA), ein dunkelhäutiger Kollege, macht mit. Fügt sich, wenn Beifahrer Chris seine Ausraster bekommt. „Ausübt“. Der eher sanftmütige Stéphane hat sich aus der Provinz hierher versetzen lassen, um seinen Kindern nahe zu sein. Und versteht diese schmutzige, unruhige Welt nicht. Wo Polizisten sich im Dienst genauso barbarisch benehmen wie die Gegenseite. Sich wie Besatzungs“soldaten“ aufführen. Rechthaberisch, großmäulig, diktatorisch. Brutal. Demokratische Regeln missachten. Permanent außer Acht lassen. Stattdessen immer wieder (genüsslich: Chris) Tropfen von Öl ins sowieso schon lodernde Sozialfeuer gießen. Damit die Zündschnur immer enger ziehen. Stéphane ist entsetzt: Sein moralischer Kompass ist noch nicht so verkommen. Doch damit macht er sich zum kollegialen Feind.

Als im Viertel ein Löwenbaby, Maskottchen eines Clan-Chefs, gestohlen wird, droht die Situation zu eskalieren. Der – selbsternannte – „Bürgermeister“ bemüht sich zu schlichten. Bei der versuchten Verhaftung eines jugendlichen Verdächtigen werden die brutalen Polizisten mit Hilfe der Drohne eines Jugendlichen gefilmt. Ab sofort gilt es, an die Speicherkarte zu gelangen. Sollten die Aufnahmen ins Netz gestellt werden, ist ein neuerlicher Aufstand nicht mehr zu vermeiden. Der im deutschen Filmtitel ausgedrückte „WUT-Tanz“ nimmt seinen fürchterlichen Milieu-Thriller-Lauf.

Ein Film wie ein kluger Keulenschlag. Kreativ, wild, aufregend. Unter die Haut gehend. Man hat nie den (beruhigenden) Eindruck, hier befindet man sich „doch bloß“ in einem Film, sondern empfindet sich mittendrin. In einem erbarmungslosen KRIEGS-Gebiet. 2020 und: gar nicht so weit von uns weg. Jeder Satz, jede Äußerung, klingt jedenfalls wie eine Kriegserklärung. Wie eine Bedrohung. Beleidigung sowieso. Wie ein Befehl, umgehend „ins Feld zu ziehen“, um „Gegner“ zu massakrieren. Wie soll inmitten einer solchen Atmosphäre überhaupt so etwas wie Anstand, Befriedigung, Miteinander entstehen? Können?

„Die Wütenden“ macht Angst. Dass es ausufert. Immer weiter aus dem gesellschaftlichen und vor allem politischen Ruder läuft. Wenn Gewalt Gegengewalt provoziert. Und das viele „für richtig“ halten. „Die Wütenden“ gibt es nicht nur „speziell“ in Frankreich. Nur bei uns traut sich niemand, darüber und SOLCH EINEN engagierten Aufschrei-Spielfilm zu drehen. Wir benehmen uns immer noch im – viel geförderten – sicheren Problem-„Schönen“ und interessieren uns nicht für solch ein aktuelles gesellschaftliches Minenfeld. Bei und in dem man „Wund-Stellung“ beziehen müsste.

Dieser knallharte, realistische, aufbrausend schnell geschnittene und faszinierend-provokante Blick auf eine Welt, in der immer mehr die Kontrolle abhanden und die uns immer näherkommt, wurde im Vorjahr bei den Festspielen von Cannes mit dem „Preis der Jury“ bedacht. Ein Prädikat, das für das gesamte Ensemble hier spricht („Die jungen Darsteller habe ich auf der Straße gefunden“/LADJ LY) und deren grandiose darstellerische Leistungen zu Recht würdigt. Und bei dem Victor Hugo Pate steht: „Merkt Euch, Freunde! Es gibt weder Unkraut noch schlechte Menschen. Es gibt bloß schlechte Gärtner“ (= 4 1/2 PÖNIs).

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