Diaz – Don’t Clean Up This Blood

„Diese Sache“ war mir bislang nicht bekannt. Was nicht verwundert, richteten sich die Blicke und Schmerzen der gesamten Weltöffentlichkeit einige Wochen später auf die schrecklichen Terrorgeschehnisse um den 11. September 2001 in New York. So dass DIES HIER zwangsläufig aus dem Ereignisblickwinkel einer „sowieso“ schon geschockten Menschheit verschwand. Einfach verschwinden musste. Ein grandioser Spielfilm rekapituliert jetzt die fürchterlichen, weil entsetzlich brutalen, menschenverachtenden Attacken der faschistischen italienischen Polizei auf Andersdenkende ein paar Wochen vor dem barbarischen 11. September 2001 in den USA.
Anlässlich des 27. G8-Gipfels im Juli 2001 im italienischen Genua:

DIAZ – DON’T CLEAN UP THIS BLOOD“ von Daniele Vicari (Co-B + R; It/Fr/Rumänien 2011; Co-B: Laura Paolucci; K: Gherardo Gossi; M: Teho Teardo; 100 Minuten; Heimkino-VÖ: 20.6.2013).

Das G8-Gipfeltreffen in Genua ist im Juli 2001 fast vorüber. Die Beratungen der reichsten Industrieländer der Welt sind in der Endphase angekommen. Die Länder-Chefs Jacques Chirac (Frankreich), Gerhard Schröder (D), Silvio Berlusconi (Italien), Vladimir Putin (Russland), Tony Blair (GB), George W. Bush (USA) und Jean Chrétien (Kanada) sprechen ihre Abschiedskommunikees. Es waren, wie stets bei diesen Veranstaltungen, „unruhige Tage“. Junge Demonstranten waren aus allen Teilen der Welt angereist, um ihren lautstarken, heftigen Protest gegen die erheblichen Ungleichheiten und vor allem gegen die sozialen Ungerechtigkeiten auf der „neuen Erde“, nach dem „Sieg des Kapitalismus“, kund zu tun.

Aufenthaltsort, Treffpunkt und Ort für Schlafmöglichkeiten ist die DIAZ-Schule in Genua. Hier ist auch das Sozialforum für Journalisten eingerichtet. Obwohl es an den Tagen zuvor zu gewaltsamen Konfrontationen in Sachen Anti-Globalisierungsproteste mit der Polizei gekommen war, glaubt man, hier sicher zu sein. Mit DEM, was sich in der Nacht vom 21.auf den 22. Juli ereignete, konnte man weder rechnen noch ist man dort, in der DIAZ-Schule, darauf annähernd vorbereitet. Stichwort: Die unbändige, unkontrollierte Wut einer Hundertschaft von gut ausgerüsteten uniformierten Angreifern. DIE, politisch von „ganz oben“ gedeckt, kurz vor Mitternacht, als die Meisten der vorwiegend jungen Männer und Frauen sich auf die Abreise am nächsten Morgen vorbereiten oder sich bereits zur Schlafruhe begeben haben, die Schule stürmen. Um dann in einem unglaublich barbarischen Akt der totalen Gewalt auf die Menschen einzudreschen. Ohne Rücksicht auf Verluste. Und ohne jedwede Gegenwehr. Im Gegenteil: Friedliche Ergebungssignale werden bewusst missachtet. Die Polizei tobt sich „gegen den Feind“ blindwütig, gierig aus. Zwei Stunden lang werden „die Kommunisten“, wie sie beschimpft werden, niedergemetzelt. Währenddessen werden den jungen Leuten insgeheim „Waffen“ (wie Molotow-Cocktails) für deren Gewaltbereitschaft untergejubelt. Als Beweise dafür, dass das Eingreifen der Polizei absolut „notwendig“ ist. Beziehungsweise, für später – war. Die Bilanz jener Nacht ist erschreckend. Hunderte sind schwerverletzt, der Tod eines Menschen ist zu beklagen. (Was Silvio Berlusconi später im Parlament als „Die sind doch selber schuld“ genüsslich abtut). Doch die Gewalt, die Erniedrigungen, die Misshandlungen, sind „damit“ längst noch nicht zu Ende. Wer noch einigermaßen „krauchen“ kann, wird sofort aus dem Krankenhaus geholt und in die Polizei-Kaserne verfrachtet. Wie die blutverschmierte Alma Koch aus Deutschland (JENNIFER ULRICH), die sich übelst wie ekelhaft-brutal weiterem Leid ausgesetzt sieht. Hämisch gemein von weiblichem wie männlichem Amtspersonal begleitet. Beobachtet. „Befasst“. Während „draußen“ fassungslos Angehörige, Bekannte, Freunde und Medien sich „zu orientieren“ versuchen.

„DIAZ – Don’t Clean up this Blood“, Wisch das Blut nicht ab, von den Wänden, vom Fußboden, hält sich (gar) nicht zurück. Etwa diplomatisch. Oder „im Zeigen“. Der authentischen polit-physischen Widerwärtigkeit. Im europäischen Zivilland ITALIEN. Von soeben. Anno 2001. Ganz im Gegenteil. Bis über die Grenzen – auch der denkenden Erträglichkeit/Fassungslosigkeit, des Entsetzens – „hält“ der 44jährige Co-Autor und Regisseur Daniele Vicari, ein langjährig erprobter Dokumentarfilmer, bei seinem konsequenten Spielfilm-Debüt unbarmherzig „drauf“. Zeigt, erzählt, schildert, klärt aus verschiedenen Perspektiven, was damals in dieser fatalen, widerwärtigen italienischen Nacht geschah. Geschieht. Seine Kamera weicht Tätern und Opfer nicht mehr von der Seite, bis die Wahrheit jener dreckigen „Demokratie-Stunden“ offenbart ist. Dabei überqueren sich Schicksale unterschiedlichster junger wie älterer „authentischer“ Menschen. Von damals Die in diesen widerwärtigen Gewaltorgien-Taumel verwickelt, hineingerissen werden. Wurden. Denen grausam böse mitgespielt wird. Während ihrer Wahrnehmung demokratischer Rechte. Der Wut, der Abscheu und der Ekel, steigt spannend hoch bei, also mit diesem Film. Dessen Ensemblearbeit von erstaunlich bis bewundernswert reicht. Und DEN „zu verdauen“ nicht leicht ist. Aber immens lohnt. Kino-Unterhaltung einmal in einer Größenordnung, die kopfschüttelnd wie großartig wehtut. Der auf der 62. BERLINALE im Vorjahr, innerhalb der Reihe „PANORAMA Special“, hierzulande erstaufgeführte Wucht-Film hat es danach bei uns nicht ins reguläre Kino-Programm geschafft. Umso wichtiger ist es, ihn jetzt als Heimkino-Angebot wahrzunehmen. Und unbedingt wie dringend weiterzuempfehlen. GANZ dringend. Denn diesen „atmosphärischen“ Film sollten VIELE sehen. Erleben. Deuten. Gewaltige Erschütterungen in Bauch und Kopf heftig lohnend innbegriffen.

„DIAZ – Don’t Clean Up This Blood“ ist ein brillantes politisches Spannungsmeisterwerk !!!!!

P.S.: Im Nachspann heißt es = Von 300 Polizisten wurden 29 identifiziert und zur Verantwortung gezogen. Das Gericht in Genua verurteilte 27 Beamte wegen Fälschung von Behördendaten und 9 wegen schwerer körperlicher Übergriffe. 45 Polizisten, Gefängniswärter und medizinische Mitarbeiter wurden wegen Gewaltanwendung in der Kaserne angeklagt. 44 Personen wurden wegen Amtsmissbrauch und tätliche Übergriffe auf Gefangene verurteilt.
Folter ist in Italien kein eigener Straftatbestand. Die Verjährungsfrist für tätliche Übergriffe ist abgelaufen. 2014 betrifft dies auch die Fälschung von Daten.
Das italienische Parlament lehnte zweimal ab, eine Kommission zur offiziellen Anhörung zu bilden. Bis zur Verkündung des Urteils wurde kein Polizist suspendiert.

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