CORPUS CHRISTI

PÖNIs: (4,5/5)

„CORPUS CHRISTI“. von  Jan Komasa (Polen 2018/2019; B: Mateusz Pacewicz; K: Piotr Sobocinski Jr.; M: Evgueni Galperine; Sacha Galperini; 115 Minuten; deutscher Kino-Start: 3.9.2020);  Im Rahmen des „Polnischen Filmpreises 2020“ erhielt der Film elf von 15 möglichen Auszeichnungen;

Das haben wir einst bei Jean-Pierre Melville (*20.10.1917 – †02.08.1973) gelernt („Der eiskalte Engel“): Du bist gut. Solange Du nicht geboren bist. Danach beginnt Deine Sünden-Zeit. „Dieser Film beruht auf wahren Begebenheiten“, heißt es im Vorspann. Während wir sogleich auf den 20-jährigen Daniel (brillant: BARTOSZ BIELENIA) blicken. Einen jungen Straftäter, der im polnischen Knast zum Religionsfan wurde. Seine diesbezügliche spirituelle Begabung entdeckt hat. Dabei aber seinen Glauben nicht offiziell ausüben darf. Schließlich ist er nicht „sauber“. Nach seiner Entlassung gerät er in eine kleine Region, wo er nicht – wie vorgesehen – im Sägebetrieb arbeiten braucht, weil er für einen Priester gehalten und „als solcher“ akzeptiert wird. Als Vertreter des erkrankten heimischen Pfarrers. Daniel kommt – „verkleidet“ – gut an. Vermag die Stimmung an diesem Ort, wo man einem bestialischen Autounfall mit Toten tief nachtrauert, zu bessern. Dieser dynamische Daniel vermag die verstörte Gemeinde zu überzeugen. Allerdings stellt sich immer wieder die Frage: wie lange kann er mit SEINEM PRIESTER bestehen? Und was passiert „danach“? Dieser besondere polnische Film hat schon viel Aufmerksamkeit seit seiner Premiere bei den Filmfestspielen von Venedig im Vorjahr erreicht. Wurde für den Auslands-„Oscar“ nominiert. Ralf Schenk schreibt im aktuellen „Filmdienst“: Tatsächlich gab es unter den mehr als 70 polnischen Spielfilmproduktionen des Jahres 2019 keine einzige Arbeit, die es vom intellektuellen Anspruch und der formalen Souveränität her auch nur annähernd mit ‚Corpus Christi“ hätte aufnehmen können“. Der Preisregen bei den einheimischen Filmpreisen umfasst gleich zehn von 15 möglichen Trophäen. Und tatsächlich: Selten einen durchlaufend faszinierenden, spannenden polnischen Spielfilm wie diesen erlebt. In der exzellenten Abarbeitung von großen Themen wie Glauben, Liebe, Lügen, Wahrheit, Zweifel und Widersprüche zelebriert er gedanklich wie emotional packende Akzente. Der Mensch, sein fataler Hang zur Seelen-Abhängigkeit, die schlimmen Existenz-Gedanken. Die ewige Trost-und Erlösungssuche. Die Angst als ewige Lebensbegleitung.

Und jetzt: Die Hoffnung auf mögliche „Heilung“ durch diesen jungen couragierten – vermeintlichen – Seelsorger. Der sich für einen Moment als gütiger Helfer in der Seelen-Not erweist. „Corpus Christi“, mal eine unkonventionelle Beichte, mal bekennender Thriller. In der „Los Angeles Time“ spricht ein Kritiker von einer „quälenden Spannung, in der die ständige Möglichkeit des Untergangs mitschwingt; eine Ahnung, dass jederzeit alles passieren kann, um Chaos und Ruin hervorzurufen“. Dabei klingt die Botschaft von Daniel einmal eigentlich simpel, wenn er feststellt: „Es kommt nicht darauf an, woher man kommt, sondern wohin man geht“. Dieses Film-Drama, entstanden unter der Regie von JAN KOMASA, ist ein Meisterwerk. „Eine filmische Erleuchtung“, jubelt Katja Nicodemus in der „Zeit“ (= 4 1/2 PÖNIs).

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