Contagion Kritik

CONTAGION“ von Steven Soderbergh (USA 2010/2011; 105 Minuten; Start D: 20.10.2011); einem der interessantesten, auch „geschicktesten“ Hollywood-Regisseure. Denn der am 14. Januar 1963 in Atlanta/Georgia geborene Auch-Drehbuch-Autor und Filmproduzent sorgt auf der einen (Film-)Seite dafür, dass mit „sympathischem Mainstream“ wie den drei „Ocean’s“-Gauner-Movies (mit Clooney & Pitt) die Kassen klingeln, andererseits bewegt er sich auch SEHR gerne im „anstrengenden“ Independent-Bereich, siehe seine Anfänge mit „Sex, Lügen & Video“/“Goldene Palme“ von Cannes 1989, „Kafka“ (1991) sowie „Solaris“ (2002) und den beiden „Che“-Filmen („Revolution“/“Guerilla“/2008). Mit seinen Werken „Traffic – Macht des Kartells“, für das er den Regie-„Oscar“ bekam, und „Erin Brockovich“ (2000/“Oscar“ für Julia Roberts) hat er sozusagen „Dazwischen-Filme“ erfolgreich geschaffen: Hochpolitische Unterhaltungsfilme, wie es sie (leider) nur noch selten aus den Studios gibt.

„Contagion“, also „ANSTECKUNG“ (bzw. „Angesteckt“ = wäre besserer Titel), ist erneut so eine faszinierende „Dazwischen-Show“ geworden. Sich zwischen allen dramaturgischen Fronten und gesellschaftspolitischer Absicht bewegend. Dabei Ausgangspunkt: Siehe Titel. Eine „einfache“ Ansteckung. Von GWYNETH PALTROW. Als Beth Ernhoff, ihres Zeichens Geschäftsreisende. Als sie aus Hongkong nach Minneapolis zu Ehemann Mitch (MATT DAMON) und Tochter zurückkehrt, führt sie ihr Unwohlsein zunächst „auf eine grippale Verstimmung“ und auf den Jetlag zurück. Dann aber überstürzen sich die tragischen Ereignisse. Stichwort: Beth stirbt plötzlich an einem völlig unbekannten Virus. Es ist Tag 3. Einer sich rasend ausbreitenden Epidemie. Weltweit. Die von Medizinern als MEV-1 – Virus bezeichnet wird. Der sich in Minneapolis, Chicago, San Franzisco, London, Paris, Tokio und Hongkong unaufhörlich ausbreitet. “Fortbewegt”. Tote pflastern seinen Weg. Erst wenige, dann Hunderte, Tausende. Die Infektion kennt keine Grenzen. Die Zahl der Todesopfer steigt überall.

Die Mediziner sind alarmiert. Bemühen sich um einen wirksamen Impfstoff. Setzen sich dabei selbst großer Ansteckungsgefahren aus. Wie die engagierte junge Ärztin Dr. Erin Mears (KATE WINSLET). Sie bemüht sich fieberhaft herauszubekommen, woher dieser teuflische Erreger stammt. Ihr Chef, Dr. Ellis Cheever (LAURENCE FISHBURNE), kooperiert mit der Weltgesundheitsorganisation in Genf (WHO), für die sich Dr. Leonora Orantes (MARION COTILLARD) auf Spurensuche begibt. Inzwischen sind die Tage 25 & Co. erreicht. Die Menschen, die Bürger, sind aufgeschreckt. Überall. Verzweifelt bemühen sie sich zu schützen. Dabei lösen sich soziale Strukturen in Chaos auf. Zudem sorgt der eifrige Aktivist und Blogger Alan (JUDE LAW) für ständige zusätzliche „Unruhe“. Mit seinen Verschwörungstheorien. Ala – die wahren Umstände dieser Katastrophe würden der Öffentlichkeit von der Politik vorenthalten werden. Oder: Für die „gierige“ Pharmaindustrie käme dies alles „sehr gelegen“. Und so weiter. Und so fort. Unruhe, Angst, „Auflösungserscheinungen“ allerorten. Panik. Gewalttätige Einbrecher gehen mittlerweile auf brutale „Jagd“ nach Nahrung. In der Notrufzentrale der Polizei läuft der Anrufbeantworter. Während sonst überfüllte öffentliche Plätze wie Bahnhof, Supermarkt, Flughafen, Kirchen, Fitness-Studios wie leergefegt sind.
Und über allem thront die Frage – was passierte tatsächlich am Tag Nummer 1??? Als ES „losging“??? WO und vor allem WIE???

Ein Viren-Thriller. Mit SEHR viel Realismus-Geschmack. Also nicht auf Übertreibungen und Spektakel angelegt, sondern auf Spannung durch Beobachtung. Schilderung. Nüchterne Aktivitäten. Erschreckende Bilanzen. Verzweifelten Forschungsaktivitäten. Spannenden Diskussionen. Dieses Was-wäre-wenn-Wirklich-Szenario. Nach Vogelgrippe, Schweinegrippe oder EHEC im Vorjahr. Denkbar ist doch inzwischen alles. Steven Soderbergh und sein Drehbuch-Autor SCOTT Z. BURNS (Der Informant“) rühren, berühren, menschliche Urängste. Ohne die üblichen Massenpanik-Motive. Sondern mit erzählerischem psychologischem Geschick. Der Bazillus im Innern. Der Bevölkerungen. Der Menschen. Deren Reaktionen. Der sonst so umhüllende „Mantel der Beherrschung“ wird geöffnet. Die Zivilisation auf dem Prüfstand. Es geht „rund“ auf unserem Planeten. Dessen Menschenanzahl sich von Tag zu Tag weiter dezimiert. Und: WIE würden WIR uns eigentlich verhalten? Wenn „so etwas“ eintreten würde? Schwer zu sagen, nicht wahr? Aus dem angespannten wie „beruhigenden“ Kinosaal heraus? Zu beobachten war, dass NACH der Vorführung viel mehr Händewaschen erfolgte…

Dabei kam doch am 12. Oktober 2011 die allgemeine Entwarnung: „Erbgut von Pesterregern komplett entziffert“, war in der Meldung zu lesen. Originaltext bei den „T-Online-Nachrichten“: „Der Pesterreger ist komplett entschlüsselt. Forscher haben das Erbgut des Pesterregers entziffert, der als Schwarzer Tod um 1350 in Europa gewütet hat. Das Genom des damaligen Pesterregers sei dem der heute vorkommenden Bakterien erstaunlich ähnlich. ´Er war sozusagen die Mutter aller heutigen Pesterreger´, sagte Professor Johannes Krause von der Universität Tübingen. Zusammen mit einigen Kollegen stellte er das Bakterienerbgut im Journal ´Nature´ vor. Die Pest raffte in nur fünf Jahren in Europa je nach Angaben 25 bis 50 Prozent der Menschen hin“.
(Und, nicht zu vergessen: 1918 starben 50 Millionen Menschen an der Spanischen Grippe; etwa ein Fünftel der Weltbevölkerung).

Die „Mutter“ hat man jetzt also identifiziert. Immerhin. Was aber ist mit ihren gefährlichen Gören??? Die heute wieder/weiter herumspuken? Davon handelt dieser nüchterne, kalte Katastrophen-Gig. Mit dem bedrohlichen Signal, wie „unharmlos“ unsere harmlosen täglichen Verrichtungen sind. Sein können. Wie Nüsse abgreifen. Ein Glas anfassen. Die Kreditkarte übergeben. Immer irgendetwas Anfassen. Das viele Händeschütteln. Motto: In jedem Moment unserer hochgefahrenen, fortgeschrittenen Zivilisations-Existenz kann ES ausgelöst werden.

„Contagion“ ist ein phantastischer wie plausibler Stoff. Und ein kühner, intelligenter Star-Thriller (= 4 PÖNIs).