Colonia Dignidad Kritik

COLONIA DIGNIDAD – ES GIBT KEIN ZURÜCK“ von Florian Gallenberger (Co-B + R; D/Luxemburg/Fr 2014/2015; Co-B: Torsten Wenzel; K: Kolja Brandt; M: André Dziezuk, Fernando Velázquez; 110 Minuten; Start D: 18.02.2016); es gibt Filme, deren Absicht & Anliegen bedeutsamer sind als das Werk. Um solch einen Film handelt es sich hier. Er erzählt & informiert über eine weitere – wahre – Schande in Sachen Was-Menschen-Menschen-Schlimmes-Antun-Können.

Sein Name: Paul Schäfer (1921 – 2001). Zusammengefasst: Der in Bonn geborene und in Santiago de Chile gestorbene Herr Schäfer war ein widerlicher Hitler-Verschnitt. Der als kirchlicher Jugendbetreuer nach dem Zweiten Weltkrieg durch seine Neigung zu sadistischen Praktiken „auffiel“, nach seiner „diskreten Entlassung“ als selbständiger Laienprediger „weitermachte“, um schließlich nach Chile zu fliehen, um dort – etwa 350 Kilometer südlich von Santiago de Chile – auf einer heruntergewirtschafteten Finca die fundamentalistisch-christliche Sekte „Colonia Dignidad – Kolonie der Würde“ zu gründen. Wo er, gemeinsam mit seinen „Jüngern“, ein „ur-christliches Leben im Gelobten Land“ führte. Konkret: Unterdrückung, Diskriminierung, Ausbeutung, Abhängigkeit, Körperverletzung, sexueller Missbrauch, Folter, Totschlag, Mord, inmitten eines total abgeschirmten Geländes. Auf dem Paul Schäfer wie ein Kleinstaat-Diktatur herrschte und tyrannisch richtete.

Chile 1973. Der gewählte sozialistische Präsident Salvador Allende wird am 11. September durch einen (von den USA unterstützten) Militärputsch aus dem Amt getrieben und in den Selbstmord getrieben. General Augusto Pinochet ist der neue Führer. Als die Stewardess Lena (EMMA WATSON) ihren Freund Daniel (DANIEL BRÜHL) in Santiago de Chile besucht, herrscht Chaos auf den Straßen. Daniel, der als Fotograf die linke Bewegung unterstützt, wird als Staatsfeind gefangen genommen, gefoltert und in die Kolonie Dignidad gebracht. Lenas Bemühungen, Daniel zu orten und zu helfen, sind vergebens. Selbst in der deutschen Botschaft zeigt man sich ahnungslos. Also beschließt sie auf eigene Faust zu handeln. Begibt sich als neues Mitglied in das Innere des von den Machthabern im Land wohlwollend geschätzten wie unterstützten Kolonie-Zirkels, um dort Daniel zu suchen. Und herauszuholen. (Am Ende winkt „Fargo“ atmosphärisch heftig).

Das Liebespaar ist Fiktion. Und wird auch von Emma Watson und Daniel Brühl bieder gespielt. Emotionale Präsenz fühlt sich „tiefer“ an. Die Geschichte um ihre spannenden Lager-„Abenteuer“ ist erfunden. Sind Aufhänger für einen Polit-Thriller, dessen Hauptanliegen es ist, sich mit den grausamen, fassungslos machenden, entsetzlichen Aktionen des Faschisten Paul Schäfer, der von allen „Pius“ gerufen wird (MIKAEL NYQVIST), auseinander zu setzen. Der von der neuen chilenischen Regierung gerne hofiert wird. Besorgt er ihr doch gewünschte Waffen und „übernimmt“ politische Gefangene, um sie bei sich, im Camp, „zu verwahren“. Trotz natürlich vieler Hindernisse gelingt es Lena schließlich, Kontakt mit Daniel aufzunehmen.

Vieles bleibt offen. WIE kann solch eine dämonische „rheinländische Schlichtgestalt“ fernab der BRD ein solches Reich errichten; wie war der tatsächliche Kontakt und die Zusammenarbeit zwischen deutschen Politik-Vertretern vor Ort und Regime-Oberen, inwieweit funktionierte diese (von Bonn aus geduldete) Komplizenschaft: historisch wie politisch schlüssige Zusammenhänge bleiben außen vor. Auch um „wen“ es sich eigentlich bei Lena & Daniel handelt, wird typenmäßig nur äußerlich beschrieben. Anstatt intimes Liebesgedöns wären hier anfangs schon Charakterfakten und nähere Figurenzeichnungen interessanter. Stattdessen konventionelle Stimmungspuffer und Spannung, die sich aber tatsächlich als „gute Spannung“ erweist. Weil hier der Kopf sich längst selbständig gemacht und auf WUT eingestellt hat. Weil „der Umhang“ ja stimmt. Stimmig ist. Ein ekliger Parasit von Kleinbürger und Mini-Faschist erhebt sich mit männlichen wie weiblichen Kumpanen zum Messias, um genüsslich Macht, Druck, Gewalt auszuüben. Lustvoll auszuleben. Im Namen irgendeines Herrn. Weil es ihm „totales Vergnügen“ bereitet. Und viele Schwache (und Dumme) folgen ihm. Treu ergeben. Das kennen wir und erleben wir schon wieder gruppendynamisch wie kleinbürgerlich vermantelt heute. Auch hierzulande.

„Colonia Dignidad“ ist kein sonderlich toller Film, wirkt aber als Genre-Empörung weit über „normal“ hinaus. Weil er mit Bildern argumentiert und unterhält, die betroffen machen. Böse gut tun. Wichtig sind. Für das Schul-Kino ist der Film ein gefundenes Polit-Unterricht-Fressen (= 3 PÖNIs).